Werkhalle saniert – Architekt: «Mehr gesunder Menschenverstand»
Die alte Werkhalle ist zu einem angesagten Treffpunkt geworden. Architekt Manuel Vatter hat aus morschem Fachwerk eine moderne Markthalle gezaubert.

Wo früher Eisenräder quietschten, klingen heute Weingläser: Die alte Werkhalle an der Fabrikstrasse 16 war eine Ruine mit Einsturzgefahr. Jetzt ist sie angesagter Treffpunkt in der Länggasse.
Architekt Manuel Vatter hat aus morschem Fachwerk eine moderne Markthalle mit Wohnraum gezaubert. Bis es aber soweit war, hat er sich durch einen Hindernislauf aus Ämtern, Auflagen und Dachbalken gekämpft.
Der «genius loci» – der Geist des Ortes – ist in der Architektur mehr als ein hübsches Schlagwort aus dem Lateinunterricht. Er beschreibt das, was einen Ort im Innersten ausmacht: seine Geschichte, seine Materialität, seine Atmosphäre.
«Ein Gebäude ist nie einfach nur ein Grundstück mit Wänden», sagt Manuel Vatter. «Es bringt immer schon etwas mit. Erinnerungen, Spuren, manchmal auch Narben.»
Wir sitzen ihm an einem der massiven Holztische in der ehemaligen Werkhalle gegenüber, vor uns steht ein duftender Cappuccino und wir begeben uns gedanklich zurück ins Jahr 1872, als die Waggonfabrik und mit ihr die Werkhalle erbaut wurden.
Die Werkhalle umfasste einen dreigeschossigen Riegbau mit Backsteinausfachung auf massivem Sandsteinsockel. Früher wurden hier Bauteile für Eisenbahnwagen gefertigt, später diente die Halle als Schreinerei und Fensterfabrik Muesmatt.

Danach stand sie lange leer. Die Folgen: Bauschäden, verfaultes Fachwerk, Einsturzgefahr. «Als ich das Gebäude vor acht Jahren zum ersten Mal betrat, war es eher eine Ruine als eine Halle», erinnert sich Vatter. «Aber es hat mich sofort fasziniert.»
Langer Weg
Heute heisst der Ort «Halle 16» und die Ruine ist definitiv Geschichte. Die Transformation zeigt exemplarisch, wie identitätsstiftende Industriearchitektur weitergebaut werden kann, ohne zum Museum oder zum Disneyland zu verkommen.
Während wir durch die grosszügige neue Foodhalle gehen, erklärt uns der Architekt seine Überlegungen: «Die baulichen Interventionen müssen dem historischen Gebäude Rechnung tragen. Der architektonische Dialog zwischen alt und neu soll eine Atmosphäre schaffen, in welcher sich die Gäste wohlfühlen.»
Manuel Vatter, der ein Nachdiplomstudium in Denkmalpflege und Umnutzung besucht hat, gewann damals die Ausschreibung mit seinem Projekt. Was folgte, war weniger romantisch als der Begriff «genius loci» vermuten lässt: Besetzungen, Einsprachen, eine Vielzahl von Ämtern mit ebenso vielen Meinungen.
«Wenn ich einen Wunsch frei hätte», sagt Vatter und lacht, «dann eine bessere Ämterkoordination in der Stadt Bern. Ein einziger Ansprechpartner. Sodass sich die Stadt zunächst intern einig wird, was sie will und was nicht. Und sich nicht der Bauherr damit herumschlagen muss.»
Denn manchmal beisse sich die Bürokratie selbst in den Schwanz. Der Architekt macht ein Beispiel: Das Energiegesetz verlange Sonnenstoren, der Denkmalschutz hingegen sage nein.
INFO
2018 Ausschreibung, Gewinner Hebeisen + Vatter Architekten AG
2020 Vorgespräche und Bereinigung zum Baugesuch
2021 Einreichung Baugesuch 4. April
2021 – 2023 diverse Projektanpassungen und Änderungen
2023 Erhalt Baubewilligung 2. Mai
2023 Ende Jahr Rückbau, Baubeginn
2026 Bauvollendung
Er zeigt uns ein weiteres Beispiel, dazu steigen wir die Treppen hoch, bis hinauf in den Dachstock. Hier hätten neun zusätzliche Studentenwohnungen entstehen sollen.
Dafür hätte man einige funktionslose Dachbalken entfernen und Dachfenster einbauen müssen. Vatter’s Projekt wurde vom Denkmalschutz abgelehnt. «Auf dem Dach sind zwar Photovoltaikanlagen erlaubt, die geplanten Dachfenster jedoch nicht. Wo ist der Unterschied?», fragt Vatter.
Um nicht zwei weitere Jahre zu warten, verzichteten sie auf die geplanten Wohnungen für Studierende und entschlackten das Projekt auf das heutige Mass.
«Verstehen Sie mich nicht falsch, schützenswerte Gebäude zu erhalten ist wichtig», betont der erfahrene Bauherr. «Aber gerade bei diesem Beispiel hier würde ich mir einfach etwas mehr gesunden Menschenverstand wünschen.»
Von der Industrie- zur Markthalle
Umso grösser ist heute seine Freude über die Eröffnung. Schon in den ersten Tagen war der Zuspruch enorm. «Offenbar haben wir einen Nerv getroffen», sagt Manuel Vatter. Eine Markthalle sei immer ein Traum von ihm gewesen. «Ich war viel unterwegs in der Welt und fand diese Foodhallen immer grossartig.»

Kurz vor dem Mittag riecht es hier auch schon sehr verführerisch: In den sechs Foodboxen, von indisch über asiatisch, italienisch und libanesisch bis zum klassischen Burger, wird bereits fleissig gekocht. Gleich vis-à-vis gibt’s eine Café- und Weinbar, die sich als sozialer Treffpunkt anbietet.
Stehbereiche, lange Gemeinschaftstische und eine Loungezone schaffen unterschiedliche Aufenthaltsqualitäten. Mittags dominieren die rund 4500 Studierenden des nahen Hochschulzentrums vonRoll, abends das Quartierpublikum.
«Die Halle wird zum Begegnungsort zwischen Campus und Länggasse», ist der Architekt überzeugt. Die robuste Materialisierung – Sichtbeton, Stahl und Holz – nimmt den industriellen Charakter auf und übersetzt ihn in eine warme, zeitgemässe Atmosphäre.
Anspruchsvolle Sanierung
Die Sanierung der historischen Hülle war allerdings anspruchsvoll. «Das war quasi eine Operation am offenen Herzen», sagt Vatter und schmunzelt. Die Fassadenstruktur wurde ganz sorgfältig instand gesetzt, Backstein und Fachwerk blieben sichtbar, geschädigte Holzelemente wurden punktuell ergänzt.
Die neuen Sprossenfenster orientieren sich am ursprünglichen Zustand. Aussen bleibt das Gebäude, was es immer war: ein Fachwerkbau mit klar lesbarer Konstruktion. Im Innern jedoch entstand ein eigenständiges Tragwerk, ein «Haus im Haus».
Der Betonkern, vor dem wir hier im Erdgeschoss stehen, organisiert die vertikale Erschliessung, ein Raster aus Stahlstützen trägt die alte Holzbalkendecke. Zwischen historischer Fassade und neuen Innenwänden aus Lehmstein – dieser stammt übrigens aus einer Lehmgrube zwischen Lausanne und Bern – bleibt die Distanz bewusst spürbar.

Gedämmt wurde mit Isofloc aus Altpapier. Die Installationen verlaufen sichtbar. «Wir wollten nichts verstecken», sagt Vatter. «Die Konstruktion darf ruhig erzählen.» Wo die Mauern früher 18 Zentimeter dick waren, seien sie heute rund einen halben Meter stark.
Erdbeben- und Brandschutzanforderungen entsprechen modernsten Standards. Und dennoch bleibt die alte Dachkonstruktion sichtbar: «Als Erinnerung an die industrielle Vergangenheit.»
Wohnen im Obergeschoss
Im Obergeschoss betreten wir die grosszügige Clusterwohnung mit neun Studios à je rund 33 Quadratmeter. Jede Einheit ist ein kleines «Tiny House» mit eigener Nasszelle, Kühlschrank und Schlafgalerie. Grossformatige Sprossenfenster bringen viel Licht hinein.

In Anlehnung an die industrielle Vergangenheit ist die Einrichtung reduziert, roh und funktional: Zementüberzug am Boden, Dreischichtplatten an den Wänden. Das Herzstück der Wohnung ist der 130 Quadratmeter grosse Gemeinschaftsbereich mit Küche, Wohnraum, Billardtisch und Loggia.

Mittendrin steht ein langer Esstisch, gefertigt aus 150 Jahre alten Balken des Gebäudes. «So bleibt das ehemalige Gebäude buchstäblich im Alltag der Bewohnenden präsent», freut sich Manuel Vatter. Das Wohnmodell richtet sich an Studierende und junge Berufstätige: privater Rückzugsort kombiniert mit gemeinschaftlichem Leben.
Durchs Treppenhaus gelangen wir in einen ergänzenden Holzbau. Hier befinden sich sechs möblierte Business-Apartments für kurze Aufenthalte, in denen noch die letzten Einrichtungsarbeiten erledigt werden. Daneben befinden sich Büro- und Garderobenräume für den Gastronomiebetrieb.
Eine Lamellenfassade, transparente Ziegel und eine neue Lukarne bringen Licht in die Einheiten. Auch hier dominiert das Prinzip der Reduktion: bestehende Konstruktion, Dreischichtplatten, Siebdruckoberflächen und langlebige Materialien. Nachhaltigkeit ist im gesamten Gebäude kein Etikett, sondern Grundlage des Projekts.
«Der grösste ökologische Beitrag ist das Weiterbauen des Bestands», betont Vatter. Der bewusste Verzicht auf unnötige Schichten, die sichtbare Konstruktion und robuste Materialien reduzieren graue Energie und Unterhaltsaufwand. Das Dach ist gedämmt und mit Photovoltaik ergänzt, die einen wesentlichen Teil des Betriebs deckt.

Ebenso wichtig sei die soziale Nachhaltigkeit: «Die Durchmischung bringt Leben ins Gebäude und eine zeitgemässe Nutzung ist der beste Schutz für ein historisches Gebäude.»
Geschichte und Gegenwart vereint
So ist an der Fabrikstrasse 16 ein Ort entstanden, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander vereint. Die Halle bleibt robust, ehrlich und ein bisschen rau. Und genau darin liegt ihr Charme. Die Geschichte des Gebäudes ist weitergeschrieben worden.
Oder wie Manuel Vatter es formuliert: «Jedes Gebäude hat seine eigene Sprache – man muss sie nur verstehen.»
Nachfrage bei der Stadt Bern
Der BärnerBär erkundigte sich bezüglich des «Halle 16»-Umbaus beim Informationsdienst der Stadt Bern.
BärnerBär: Warum gewichtet man alte, von aussen nicht sichtbare und keine Funktion mehr innehabende Dachbalken höher, als die Möglichkeit, Platz für (dringend benötigten) günstigen Wohnraum zu schaffen?
Informationsdienst Stadt Bern: Der Schutz des Dachstuhls schliesst die Schaffung von Wohnraum nicht aus. Eine Wohnnutzung unter Berücksichtigung des Dachstuhls wäre möglich. Beim Dachstuhl handelt es sich um ein seltenes dreidimensionales Hängesprengwerk.
Die alte Schreinerei gehört zu den letzten handwerklich geplanten und in Holz gefertigten Grosshallenbauten für die Industrie und ist daher ein qualitätvolles Zeugnis seiner Zeit, das als zusammenhängendes statisches System erhalten werden sollte. Ein bauhistorisches Gutachten hat bereits 2010 auf die Bedeutung des Dachstuhls hingewiesen.
BärnerBär: Könnte man nicht etwas mehr «gesunden Menschenverstand» gerade bei Umbauten walten lassen?
Informationsdienst Stadt Bern: Die Stadt Bern wendet im Baubewilligungsprozess den geltenden gesetzlichen Rahmen an. Sie kann sich nicht über den vom übergeordneten Recht vorgegebenen Denkmalschutz hinwegsetzen.
Die Denkmalpflege berät und begleitet bei Bauvorhaben, damit Lösungen gefunden werden können, welche möglichst viele Interessen möglichst gut miteinander in Einklang bringen.
BärnerBär: Wäre es nicht sinnvoll, eine einzige Ansprechstelle für Bauherren zu haben, die ihrerseits die Ämterkoordination übernehmen würde, sodass der Bauprozess beschleunigt werden könnte?
Informationsdienst Stadt Bern: Die jeweilige Baubewilligungsbehörde (Bauinspektorat oder Regierungsstatthalteramt) ist erste Ansprechperson für das Verfahren. Von den Fachhaltungen der Fachämter weicht die Leitbehörde im Baubewilligungsverfahren nicht ohne triftigen Grund ab.
Allfällig sich widersprechende Fachberichte sind durch die Leitbehörde zu bereinigen. Die verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen, ist ohne Zweifel eine anspruchsvolle Aufgabe.
Entsprechend ist die Koordination teilweise zeitaufwändig und es können mehrere Anpassungen am Projekt erforderlich sein. In den meisten Fällen können aber gute Lösungen gefunden werden, die für die Bauherrschaft einen Mehrwert bringen.








