«Gurtenbahn: Ort, um Zustand unserer Gesellschaft zu prüfen»
Die Gurtenbahn wird zur Alltagsbühne: Zwischen Biker, Kinderwagen und Ausblick zeigt sich in wenigen Minuten, wie viel Rücksicht in Bern wirklich übrig bleibt.

Es gibt in Bern keinen zuverlässigeren Ort, um den Zustand unserer Gesellschaft zu prüfen, als die Gurtenbahn an einem sonnigen Mittag.
Andere Städte machen Umfragen, wir haben dafür eine weisse Kabine, die in ein paar wenigen Minuten den Hausberg hochfährt und dabei alles offenbart: Erziehungsstile, Sozialverhalten, Packwahnsinn und die Frage, ob Rücksicht heute noch als Wert gilt oder bereits zur Folklore zählt.
Biker und der Rest der Welt
Schon beim Einsteigen sortiert sich die Welt fein säuberlich in zwei Gruppen. In Biker und Andere. Während die ersteren über die beiden mittleren Abteile frei verfügen können, müssen sich alle übrigen in das obere und untere quetschen.
Das ist Teil des Konzepts, denn Downhill Bikes sind, wie es der Name schon sagt, für die Fahrt den Berg hinunter konzipiert und viel zu schwer, um diesen damit auch wieder hinaufzupedalen. Somit übernimmt das jeweils das weisse Bähnli.
Da es an solch sonnigen Tagen bereits hoch frequentiert ist, wird der Platz insgesamt etwas sehr knapp. Zeit also, für etwas gegenseitige Rücksichtnahme.
«Äs wott useluege!»
Aber, auf dem verbleibenden Raum besetzen die Kleinen sofort und so selbstverständlich, als wäre das ihr natürliches Recht, die wenigen Sitzplätze. Dass daneben alte Menschen mit Stock, leicht schwankend in der ruckelnden Bahn stehen müssen, scheint auch die gegenüber ihrem Nachwuchs extrem fürsorglichen Eltern, nicht zu stören.
Die Kleinen können äbe nicht aufstehen, denn sie müssen schliesslich «useluege». Das ist in vielen Familien offenbar ein Naturgesetz geworden: Das Kind will schauen, also schaut das Kind. Ob dafür eine Achtzigjährige ihr Gleichgewicht neu erfinden muss, ist zweitrangig.
Wenn die Umwelt falsch reagiert
Überhaupt ist die Gurtenbahn der vielleicht ehrlichste Ort für Erziehungsfragen. Hier zeigt sich in freier Wildbahn, was zu Hause unter «bedürfnisorientiert» läuft. Etwa wenn ein Kind seine Schuhsohlen immer wieder in die fremde weisse Hose rammt.
Der mütterliche Satz, halb säuselnd an das Kind, halb vorwurfsvoll an die Hosenträgerin gerichtet, lautet dann: «Schätzeli, du muesch d'Füessli still häbe, die Frou närvt sich.» Die Frau ist nun also das Problem.

Sie möchte aber eigentlich bloss nicht als Fussmatte in fremde Erziehungskonzepte einbezogen werden und findet es einfach nicht wahnsinnig toll, dass das Kind offenbar glaubt, andere Menschen seien Teil seines Indoor Spielplatzes.
Diese sprachliche Verdrehung ist übrigens ein Meisterstück unserer Zeit. Nicht das Kindchat keine Manieren, nein: die Umwelt reagiert wieder einmal falsch. Die Frau in der weissen Hose ist plötzlich heikel. Der alte Mann mit Stock ist vermutlich schlicht zu wenig flexibel.
Aus Kinderwagen werden Überlebensfahrzeuge
Und während für den anständig unter seinem Besitzer am Boden liegenden Hund bezahlt werden muss, fahren Kinderwagen selbstverständlich gratis mit, obwohl sie gefühlt das halbe Abteil füllen. ‹Kinderwagen› ist zudem in vielen Fällen auch ganz leicht untertrieben. Die Gefährte gleichen inzwischen eher offenen Campingwagen und sind eine Mischung aus Notfalllager und Aussenposten des Zivilschutzes.
Oft könnte man meinen, die Familie plane keinen Nachmittag auf dem Gurten, sondern einen längeren Rückzug in die Wildnis: Decken, Ersatzkleider, Znüniboxen, Trinkflaschen, Stofftiere, Trottinette und passende Helme, Regenjacken, Sonnenschutz, vielleicht noch ein Fondueset für den Fall einer Wetterwende. Man weiss ja nie.
«Onkel Theobald berichtet, was er alles sieht und sichtet. Doch man siehts auch ohne ihn.» *
Nett sind auch jene Ausflügler, die ALLES kommentieren. Und überzeugt sind, dass auch alle anderen Fahrgäste die Landschaft und deren Schönheit zum ersten Mal in ihrem Leben sehen und deshalb auf eine Live Audiodeskription angewiesen sind.
«Danke, dass dir mit dr Gurtebahn gfahre sit!»
Das Beste an der Gurtenbahn ist in solchen Fällen, dass die Fahrt nur ein paar Minuten dauert. So erhält auch der Satz am Ende der Fahrt einen ganz neuen Sinn, wenn eine nette Lautsprecher-Stimme sagt: «Danke, dass dir mit dr Gurtebahn gfahre sit!». Denn das ist zeitweise wirklich eine Tortur, die es zu verdanken gilt.
*Zitat aus Erich Kästners «Im Auto über Land»







