Gelebtes Brauchtum: Es begann mit Ättis Ämmitaler Örgeli
In der BärnerBär-Serie «Gelebtes Brauchtum» zeigt die Reist Örgeli AG in Wasen i. E., wie Schwyzerörgeli dort bis heute gefertigt werden.

Mit 19 Mitarbeitenden ist die 1986 gegründete Reist Örgeli AG in Wasen i. E. eine der grössten Schwyzerörgeli-Manufakturen in der Schweiz. An verschiedenen Standorten im Dorf werden die Instrumente von A bis Z von den Reist-Spezialisten hergestellt.
Beim Betreten des Ladenlokals an der Dorfstrasse 35 in Wasen i. E. tönt uns beschwingte Ländlermusik entgegen. Ein Kunde, der von Co-Geschäftsführer Adrian Gehri beraten wird, testet soeben ein Instrument.
Ob der Kaufakt schliesslich zustande kommt, erfahren wir nicht, denn wir werden freundlich von Firmengründer und Mitinhaber Hansruedi Reist begrüsst und «in Beschlag genommen».
Der heute 70-Jährige weiss viel Spannendes zu erzählen. Mit der traditionellen Ländlermusik hatte er in seiner Jugend wenig am Hut. Ihn interessierte vielmehr das Mechanische am Schwyzerörgeli – kein Zufall, denn er absolvierte erfolgreich die Lehre als Maschinenmechaniker.

Er arbeitete nach Lehrabschluss noch neun Jahre als Mechaniker, baute seine beruflichen Kenntnisse aus und war im Flugzeug- und Präzisionsmaschinenbau weltweit tätig.
Vom Holz zum Metall
Hansruedi Reists Vater Ruedi arbeitete in einer Fabrik als Werkzeugmacher, war aber schon früh vom Schwyzerörgeli fasziniert. Obwohl er nie Unterricht genossen hatte, begann er zu musizieren und machte schliesslich sein Hobby zum Beruf: 1966 begann er mit der Produktion von Schwyzerörgeli.
Er nannte seinen Betrieb fortan «Ämmitaler Örgeli», weil man den Namen Reist nirgends kannte, das Emmental war jedoch weltweit ein Begriff und er war damals der einzige Örgelibauer in der Region. Sohnemann Hansruedi beabsichtigte nicht, selbst Örgeli zu bauen, brachte aber als Maschinenmechaniker viel Know-how im Betrieb seines Vaters ein.
Hansruedi Reist verdeutlicht dies an einem Beispiel: «In der damaligen Zeit waren die Örgeli allesamt mit einer Holzmechanik ausgerüstet, das war so üblich. Man kam mit dem Velo ins Restaurant, um zu spielen. Heute reisen die Volksmusikanten um die ganze Welt.
Die Örgeli begannen unter den Temperaturschwankungen zu leiden, die Holzmechanik klemmte oder hatte unerwünschten Bewegungsspielraum. Heute sind die Instrumente in geheizten Räumen, früher lagerte man sie im ungeheizten ‹Gade›.
Holz arbeitet und verändert sich. Dann hatte mein ‹Ätti› die Idee, die Mechanik auch aus Metall herzustellen. Metall ist stabiler, verändert sich nicht und ist zudem viel präziser.»

So kam es, dass Hansruedi 1984 seinen angestammten Beruf aufgab und in den Betrieb seines Vaters eintrat. Zwei Jahre später gründete er seine eigene Örgeli-Werkstatt, die Reist Örgeli & Co.
Im ersten Betriebsjahr führte er die Bestellungen für Spezialanfertigungen seines Vaters aus, danach nahm er das volle Sortiment in Produktion – vom Mini-Örgeli bis hin zur chromatischen Orgel.
Schmid-Buebe brachten die Wende
Hansruedi Reist griff erst mit 30 Jahren zum Schwyzerörgeli, um selbst zu spielen. «Ich hörte meinem Vater oft zu, aber für mich tönte ein Stück wie das andere», schmunzelt er.
Dann tauchten in den 1970er-Jahren die Schmid-Buebe aus Bantigen auf. Sie wurden auch «Beatles der Volksmusik» genannt, traten in Schlaghosen, in Schuhen mit hohen Absätzen und mit langen Haaren auf.
Das Quartett liess auch gerne «fremde» Elemente in seine Ländlermusik einfliessen und mischte damit die Schweizer Ländlermusikszene gewaltig auf. Das gefiel dem jungen Hansruedi Reist, der sich erinnert:
«So kam ich langsam auf den Geschmack. Sogar mein Vater sprang auf den Zug auf und spielte Ländler mit Schlagereinfluss. Aber früher wäre er damit aus der Beiz geworfen worden!»
In der Reist-Belegschaft spielen mehrere Mitarbeitende Schwyzerörgeli. Gibt es da ein Örgeli-Orchester, das öffentlich auftritt? «Nein», lacht Geschäftsleitungs-Mitglied Adrian Gehri, «nur bei internen Betriebsanlässen musizieren wir gemeinsam – da wird das Essen jeweils zur Nebensache!»
Man übe nicht gemeinsam, denn die meisten seien individuell musikalisch in Formationen engagiert. Apropos Mitarbeitende: Welche Anforderungen muss jemand erfüllen, um bei Reist Örgeli AG arbeiten zu können?
Dazu Hansruedi Reist: «Früher suchte ich explizit Schreiner oder Mechaniker, aber ich merkte bald, dass das nicht funktioniert. Heute beschäftigen wir vom Bauer bis zum ungelernten Mitarbeiter alle! Und wir machen gute Erfahrungen.
Unabdingbare Voraussetzungen sind jedoch das Interesse an Volksmusik und handwerkliches Geschick – egal, welchen Beruf jemand einmal abgeschlossen hat. Wir sind heute so vielseitig aufgestellt, dass wir fast für alle eine Arbeit finden.»
Und Adrian Gehri doppelt nach: «Erst kürzlich haben wir einen Schreiner und einen Holzbildhauer eingestellt, die beide Örgeli spielen – das sind natürlich ideale berufliche Voraussetzungen.»
Als in Restaurants geraucht wurde
Jährlich werden in den Werkstätten der Reist Örgeli AG durchschnittlich zwischen 120 und 140 Örgeli produziert. Der Zeitaufwand beginne bei 80 Stunden und ende bei etwa 300 und sie kosteten zwischen 4000 und 10‘000 Franken, weiss Adrian Gehri zu berichten.
Wer in Wasen ein individuell angefertigtes Örgeli bestellt, muss mit einer Lieferfrist von einem Jahr rechnen. Die Produktion eines Örgelis ist sehr arbeitsteilig und jeder Mitarbeiter ist ein Spezialist in bestimmten Fachgebieten:
Zeichnen, CNC- und Lasermaschinen, Montage von Digitalörgeli, mechanische und Schreinerarbeiten, Montage von zweichörigen, dreichörigen und chromatischen Schwyzerörgeli, Stimmen, Montage von Melodieteilen, Balgrahmenschnitzereien, Feinschliff der Teile vor der Oberflächenbehandlung, Produktion von Örgelizubehör und, und, und …
Ein Schwyzerörgeli kann bei sorgfältiger Behandlung ohne weiteres über 100-jährig werden. «Wir haben in unserem Museum 160-jährige Instrumente», erzählt Hansruedi Reist. Bis vor wenigen Jahren, als in den Restaurants noch geraucht werden durfte, habe der Rauch den Örgeli arg zugesetzt.
«Die Stimmplatten bei einer 20-jährigen Orgel waren von Teer befallen. Unser Service musste die Teile erst vom Teer befreien und das Instrument danach neu stimmen», schildert der Fachmann.
Das habe sich seit dem Rauchverbot sichtlich gebessert. Er empfiehlt, ein Örgeli alle fünf bis zehn Jahre professionell kontrollieren zu lassen.
Modernste Technik im Einsatz
Beim bemerkenswerten Rundgang durch die Produktionsstätten stellt der Besucher rasch fest, dass neben traditioneller Handarbeit auch computergesteuerte Hilfsmittel Einzug gehalten haben. So beeindruckt uns beispielsweise das Lasergerät für die Holz- und Metallbeschriftung.
Am Bildschirm wird ein Sujet nach Wunsch des Kunden gezeichnet und danach mittels Laserstrahl ins Massivholz des Instrumentengehäuses gebrannt – bei unserem Besuch ist es ein Alpaufzug. «Früher benötigten wir Spezialisten, welche die Sujets während mehrerer Stunden von Hand schnitzten», blickt Hansruedi Reist zurück.
INFO
Reist Örgeli AG, Dorfstrasse 35, 3457 Wasen i. E.
• 1966 gründet Rudolf Reist sein eigenes Unternehmen unter der Bezeichnung «Ämmitaler Örgeli» in Wasen i. E.
• 1986 macht sich auch der jüngste Sohn von Ruedi, Hansruedi Reist, selbstständig und gründet mit seiner Frau Cornelia die Firma Reist Örgeli & Co. in Wasen i. E.
• 2013 Umwandlung in die Aktiengesellschaft Reist Örgeli AG, welche von Hansruedi Reist, seinen Zwillingssöhnen Samuel und Richard Reist sowie Adrian Gehri geführt wird.
Aus dem Angebot
• Reist-Örgeli und Occasionen aller Marken.
• Online Shop: Bücher, CD/DVD, Holzperkussion, Mundharmonika, Notenalben, Örgeli-Noten, Zubehör.
• Seit 2024 Balg-Produktion für Schwyzerörgeli: Der bewährte Lüdi-Balg wird auch für Instrumentenbauer und Mitbewerber produziert.
• Laden mit individueller Beratung an der Dorfstrasse 35 in Wasen i. E.
Infos
Das Holz für den Örgelibau bezieht das Unternehmen von Landwirten aus der Umgebung. Dazu Hansruedi Reist: «Wichtig ist, dass das Holz luftgetrocknet ist. Wir können nicht heute Holz kaufen und morgen einsetzen. Für die Mechanik eignet sich Buche am besten, Fichte und Ahorn brauchen wir für die Stimmengehäuse», erzählt der Experte.
Beim Aussenbereich spiele es keine Rolle, da gehe es um das Aussehen und der Kunde bestimme das Holz seiner Wahl. «Kürzlich wünschte ein Kunde ein Örgeli aus Carbon», fügt Adrian Gehri hinzu.
«Das war sehr herausfordernd. Carbon ist ein extrem leichtes Material, aber hart und fest, man kann es nicht schneiden. Wir mussten uns erst mit diesem Kunststoff auseinandersetzen.»
Auch ein Örgeli aus leuchtendem Plexiglas wurde vor kurzem von den Reist-Künstlern realisiert. (Fast) nichts ist offensichtlich unmöglich in der Örgeli-Werkstätte in Wasen, was sich zweifellos herumspricht.
Auch die beiden Berner Mundart-Sänger Marc A. Trauffer und Florian Ast schätzen die professionelle Betreuung der Reist-Mitarbeitenden und zählen zu den Kunden, wie Adrian Gehri nicht ohne Stolz erwähnt.
INFO
Serie: Gelebtes Brauchtum
Der BärnerBär wandelt auf den Spuren von verschiedenen Berner Traditionen und besucht Menschen, die sich aktiv damit beschäftigen.
Weiteres aus dieser Serie: Alphornmacherei Bachmann und Trachtenschneiderei Gantrisch.













