Eggiwil BE: Hier entstehen seit über 100 Jahren Alphörner

Andrea Bauer
Andrea Bauer

Oberemmental,

Zum Start der neuen Serie «Gelebtes Brauchtum» besucht der BärnerBär die Alphornmacherei Bachmann in Eggiwil BE.

Alphornmacherei
Seit über 100 Jahren ist Eggiwil BE die Heimat von Bachmanns Alphornmacherei. - Daniel Zaugg

Seit 1925 entstehen in der Alphornmacherei Bachmann Instrumente mit unverwechselbarem Klang. Noch immer von Hand gefertigt, mit geschultem Gehör und fast so, wie zu Grossvaters Zeiten. Walter Bachmann weiss genau, warum ein gutes Horn weit mehr ist als ein schön gebogenes Stück Holz.

«Aber natürlich erkenne ich sie!», antwortet Walter Bachmann mit einem breiten Lächeln auf die Frage, ob er die von ihm gefertigten Alphörner bei einem Einsatz beispielsweise an einem Schwingfest heraushören würde.

«Unsere Hörner klingen ausfüllend, resonanzstark, haben ein kräftiges Klangvolumen. Das ist ihr Erkennungsmerkmal.» Und natürlich baut er die Alphörner nicht nur, er spielt sie auch.

«Das ist ein absolutes Muss. Sonst wäre es sehr schwierig, klanglich gute Hörner zu machen und sie auf ihren Ton zu testen.»

So wie damals

Wer über die Schwelle in Walter Bachmanns Werkstatt tritt, macht quasi eine Zeitreise in die Vergangenheit. Denn hier wird ein Handwerk gepflegt, wie es vom Grossvater gelernt wurde.

Keine CNC-Maschinen, keine digitalisierten Abläufe, keine künstliche Intelligenz. Stattdessen alte, bewährte Maschinen, Holz, Hände, Gehör und vor allem: sehr viel Erfahrung.

Schenk
Roland Schenk fertigt an der Drechselbank ein Zwischenstück an. - Daniel Zaugg

«Warum sollte ich Maschinen ersetzen, wenn sie gut sind und ihren Dienst tun?», fragt mich Walter Bachmann mit einem Schmunzeln. Der Betrieb ist nicht irgendeiner, sondern der älteste seiner Art: 1925 gegründet, und bis heute in Familienhand.

Der Ursprung seiner Geschichte klingt fast ein bisschen wie eine Legende. «Mein Grossvater war 13, als er an einer Chilbi zum ersten Mal ein Alphorn hörte», erzählt Bachmann. «Er wollte unbedingt auch so eines besitzen. Aber natürlich hatten weder er noch seine Eltern das Geld dafür.»

Also machte er sich kurzerhand selbst ans Werk: Im Wald suchte er sich eine krumm gewachsene Tanne und baute daraus sein eigenes Alphorn. Spielen konnte er darauf allerdings noch nicht. Deshalb ging er mit dem Instrument zum Nachbarsbuben, der Trompete spielte.

Alphorn
Für ein Alphorn wird sogenanntes Klangholz aus Haselfichte verwendet. - Daniel Zaugg

«Doch als der Grossvaters selbst gebautes Horn sah, wollte er sofort ebenfalls eines», erzählt Bachmann lachend. «Also verkaufte ihm mein Grossvater sein Werk für zwei Franken.» Danach baute er sich gleich noch einmal eines, diesmal für sich selbst. «So hat eigentlich alles angefangen.»

Boom wegen «Swiss Lady»

Jahrzehnte später kam dann auch der grosse Boom. «Mit ‹Swiss Lady› von Pepe Lienhard ging es richtig los», erzählt Bachmann. «Da hatten wir plötzlich Lieferfristen von bis zu drei Jahren.» Der Erfolg war so gross, dass schliesslich auch sein Vater, Hansruedi, in den Betrieb einstieg.

Jener Mann, der die Tochter des Firmengründers geheiratet hatte. Dass Sohn Walter den Betrieb eines Tages übernehmen würde, war allerdings keineswegs von Anfang an klar.

«Alphorn gespielt habe ich zwar immer gern», sagt er. «Aber zuerst habe ich eine Ausbildung zum Landwirt gemacht und bin dann auf Reisen gegangen.»

Alphorn
Nach wie vor braucht es für ein Alphorn viel geübte Handarbeit: Walter Bachmann an der Hobelbank. - Daniel Zaugg

Erst die Distanz habe ihm gezeigt, wo seine Wurzeln liegen. «In der Ferne habe ich gemerkt, was mir die Heimat bedeutet», sagt er. Als er zurück war, lernte er das Handwerk von Grund auf. Vom Grossvater und vom Vater, bis er die Alphornmacherei schliesslich übernahm.

Tagelange Handarbeit

Als wir die Werkstatt betreten, arbeitet Bachmann gerade an einem Schallstück, dem sogenannten Becher. Es ist das Herzstück des Alphorns. «Hier werden die Vibrationen der Lippen aufgenommen», erklärt er. «Je nach Dicke des Bechers klingt das Horn anders.»

Es ist Feinarbeit, Präzisionsarbeit und vor allem Klangarbeit. «Der Becher ist das wichtigste Element des ganzen Horns», sagt Bachmann. «Hier entscheidet sich sehr viel.» Die meistgebauten Instrumente sind in Fis und F oder G-Dur, jene sind besonders für klassische Musik beliebt.

«Und mit Zusatzteilen sind auch andere Stimmungen wie As, G, F, E und Es möglich», sagt er. «Das kann man sehr individuell anpassen je nach Kundenwunsch.» Allein an der Aussenform eines Bechers arbeitet er rund einen ganzen Tag.

Auch das Holz eines Alphorns ist etwas Besonderes. Man verwendet sogenanntes Klangholz aus Haselfichte. Jenes Holz also, das auch im Geigenoder Gitarrenbau zum Einsatz kommt.

Bachmann
Vater Hansruedi Bachmann ist daran, den Rattan für die Umbindung der Zwischenstücke vorzubereiten. - Daniel Zaugg

Bachmann hebt einen Klotz vom Boden auf, aus dem später ein neuer Klangbecher entstehen wird und zeigt auf die typischen Flämmchen im Holz.

«Das ist entscheidend für den guten Klang», sagt er. Klopft man darauf, klingt es tatsächlich hell und fast hohl. Zunächst werden aus dem Stück die rechte und die linke Hälfte entlang der Jahrringe geschnitten und anschliessend zusammengeleimt.

«Wenn die Aussenform fertig ist, trennen wir die beiden Seiten wieder», erklärt er. «Dann werden sie ausgehöhlt.» Ein aufwendiger Prozess, bei dem jeder Arbeitsschritt sitzen muss.

Von Bachmanns Hobelbank aus sieht man durch ein Fenster einen grossen Wald, hinten am Horizont. «Dort drüben ist die Honegg. Von dort kommt das Holz für meine Alphörner. Aus der Region, für die Region!», sagt er mit einem Augenzwinkern.

Je mehr Stücke, desto teurer

Hinter uns arbeitet Roland Schenk an der Drechselbank und fertigt ein Zwischenstück an. Drei bis fünf Teile kann ein Alphorn haben. Verbunden werden sie mit Aluminium-Verbindungsstücken. «Die bleiben formstabil, auch wenn es heiss oder kalt ist», erklärt Bachmann.

Praktisch ist das vor allem beim Transport. «Je mehr Teile ein Horn hat, desto kleiner kann man es verpacken», sagt er. «Aber desto teurer wird es natürlich auch.»

Vater Hansruedi ist derweil gerade daran, die Zwischenstücke mit Rattan zu umbinden. Rund 100 Meter braucht er davon für ein einziges Alphorn. «Rattan ist wetterfest», sagt Bachmann. «Früher hat man Ahornspäne verwendet. Aber die vertragen den Regen nicht.»

Überhaupt zeigt sich in der Werkstatt an vielen Stellen, wie sehr Tradition und Erfahrung hier zusammenspielen. Nichts ist beliebig, alles hat seinen Grund.

Ganz zum Schluss erhält jedes Horn seine persönliche Handschrift. «Manche wollen eine Schnitzerei, andere ein gemaltes Bild», sagt Bachmann. «Aber heute bleiben viele Hörner auch ganz schlicht.»

Bachmann
Walter Bachmann ist selbst natürlich auch talentierter Alphornbläser. - Daniel Zaugg

Besonders edel ist das fünfteilige Alphorn aus dem Hause Bachmann: Es wird mit einem Edelweiss aus Perlmutt verziert. «Das ist unser schönstes Modell», sagt er nicht ohne Stolz. Auch das Mundstück ist nie einfach ein Zubehör, sondern exakte Massarbeit und muss sitzen wie ein perfekter Schuh.

«Es muss genau zu den Lippen passen», erklärt der Fachmann. Darum werde ein Mundstück auch nicht einfach weitergegeben. Gefertigt werden sie aus verschiedenen Harthölzern, etwa aus Eiche, Buche oder Olivenholz. «Jede Alphornmacherei hat da auch ihr ganz eigenes Design», sagt er.

Kunden aus Amerika

Die Kundschaft kommt inzwischen längst nicht mehr nur aus der Region. «Wir haben Kunden aus der ganzen Welt», erzählt Bachmann. «Amerikaner kommen hierher, wählen ihr Horn aus und rund ein Jahr später holen sie es fixfertig wieder ab.»

Hörst du gerne einem Alphorn zu?

Denn gefertigt wird nur auf Bestellung. Rund 25 Alphörner entstehen so pro Jahr. Dazu kommen Reparaturen, auch von Instrumenten, die günstig im Ausland gekauft wurden. «Wir können diese zwar flicken, klingen werden sie aber halt nie wie unsere», sagt er mit einem Schmunzeln.

Neben der Werkstatt bewirtschaftet Bachmann zusammen mit seiner Frau noch einen Landwirtschaftsbetrieb. Für ihn ist das der ideale Ausgleich.

«In der Landwirtschaft kann ich mich austoben, das ist eher grobe Arbeit», sagt er. «Und danach habe ich wieder die Geduld fürs Feine.»

alphorn
Die Kundschaft kommt längst nicht mehr nur aus der Region. - Daniel Zaugg

Reich werde man mit diesem Handwerk nicht. «Das ist eher ein Hobby und definitiv eine Herzensangelegenheit», sagt er. Vielleicht wird er nicht reich an Geld, aber dafür umso mehr an unvergleichlich schönen Klängen.

Wer genau hinschaut, entdeckt an jedem Bachmann-Horn auch das hauseigene Signet. «Jede Alphornmacherei hat ihr Zeichen», sagt Bachmann. Bei ihnen ist es ein Cartoon.

Ein eher ungewöhnliches Markenzeichen? «Das verdanken wir einer Gruppe Comic-Zeichner, die bei uns zu Besuch war», erzählt Walter Bachmann. «Einer war so begeistert, dass er uns ebendieses Signet gemacht hat.»

Kommunikation auf der Alp

Und dann ist da natürlich noch die Geschichte des Alphorns selbst. Ursprünglich war es kein Konzertinstrument, sondern ein Verständigungsmittel auf der Alp.

«Nach einem Unwetter etwa, oder als Warnsignal», erklärt Bachmann. «Oder einfach, um zu hören, ob es dem anderen gut geht und er noch lebt.» Auch die Tiere habe man damit zum Melken angelockt.

Edelweiss
Bachmanns Markenzeichen beim «Top Model»: das aus Perlmutt eingelegte Edelweiss. - Daniel Zaugg

Früher seien die Hörner ganz unterschiedlich lang gewesen. «Erst seit den 1960er-Jahren wurde alles normiert», sagt er. «Und erst ab dann konnte man überhaupt in einer Formation zusammen spielen.»

Heute ist das Alphorn ein Symbol der Schweiz und bei Walter Bachmann zugleich ein Stück lebendige Familiengeschichte. Eine Geschichte aus Holz, Klang und Geduld. Und aus einer Werkstatt, in der man hört, dass Tradition nicht verstaubt sein muss. Sondern kraftvoll. Resonanzstark. Und unverwechselbar.

«Wenn ich eines unserer Hörner an einer Veranstaltung höre, geht mir das Herz auf. Und ja, ein bisschen stolz bin ich dann schon auch!»

Kommentare

Weiterlesen

WEltrekord
5 Interaktionen
Alphörner und Whisky
Klewenalp  Alphornbläser
13 Interaktionen
Aufgeblasener Rekord
Alphornbläser
23 Interaktionen
Reisemagazin

MEHR AUS EMMENTAL

Langnau i.E.
Langnau i.E.
Langnau i.E.
Utzenstorf
Utzenstorf