Freilichtspiele Moosegg: Gotthelf und Musical – passt das zusammen?
Die Freilichtspiele Moosegg verabschieden sich mit einem Musical über Gotthelfs Kinder. Simon Burkhalter und Bruno Leuschner sprechen über den letzten Sommer.

Zum Abschied der Freilichtspiele Moosegg bringen Simon Burkhalter und Komponist Bruno Leuschner, Gotthelf auf die Waldbühne. Wir haben die beiden mitten in den Proben getroffen und über Treue, Kuhglocken, Anti-Musicals und das Loslassen gesprochen.
Nach «Kiss me, Kate» und «Non(n)sens» setzen die Freilichtspiele Moosegg zum Abschied nochmals einen besonderen Akzent: eine Musical-Uraufführung über Jeremias Gotthelf und vor allem über seine Kinder.
Für Simon Burkhalter, künstlerischer Leiter der Freilichtspiele Moosegg, ist es ein Abschied mit Ansage: Nach dem 30-Jahr-Jubiläum ist Schluss.

BärnerBär: Simon Burkhalter, warum gerade jetzt?
Simon Burkhalter: Ein Jubiläum ist ein guter Moment, um aufzuhören. Wir hören nicht auf, weil wir keine Leute mehr hätten, keine Sponsoren oder kein Publikum. Im Gegenteil — und genau deshalb ist es richtig.
BärnerBär: Also ein Abschied auf dem Höhepunkt?
Burkhalter: So könnte man es sagen. Wir können mit Kraft, Freude und Würde abschliessen. Und mit zwei Produktionen, die sehr gut zur Moosegg passen.
BärnerBär: Gleich zwei Gotthelf-Stücke zum Abschied. Das klingt nach einem grossen letzten Vorhang!
Burkhalter: Ja, das stimmt. Eine Musical-Uraufführung über Gotthelfs Kinder und eine neue Freilichttheaterfassung auf der Grundlage von Gotthelfs «Hans joggeli der Erbvetter».
BärnerBär: Gotthelf und Musical – passt das wirklich zusammen?
Bruno Leuschner: Aber natürlich! Das passt sogar sehr gut. Die Musicalform hilft, einen Stoff, der vielleicht auf den ersten Blick etwas trocken wirken könnte, aufzulockern.
Burkhalter: Und es ist ja kein Musical nach Schema F. Eher eine Art Anti Musical. Es nimmt sich Freiheiten, bricht Erwartungen, spielt mit Formen. Gleichzeitig erzählt es von realen, historisch belegbaren Personen. Das macht es spannend.
BärnerBär: Im Zentrum stehen nicht nur Gotthelf, sondern seine Kinder. Warum?
Burkhalter: Weil sie viel zu sagen haben. Cécile, Henriette und Albert standen lange im Schatten ihres Vaters. Dabei waren sie interessante Persönlichkeiten.

Cécile wurde Lehrerin und unterrichtete an der Frauenarbeitsschule. Albert wurde später Politiker, setzte sich für neue Lehrpläne ein und engagierte sich für die Abschaffung der Todesstrafe.
BärnerBär: Und Gotthelf selbst? Er war ja sicher ein guter Vater.
Nicht unbedingt. Er war wohl eine prägende Figur, aber nicht einfach der nette Vater, den man sich vielleicht vorstellt. Seinen Sohn Albert gab er mit sieben Jahren ins Waisenhaus, damit er Zucht und Ordnung lerne.
Eine Tochter sollte unbedingt tanzen, obwohl sie weder die Voraussetzungen noch den Wunsch dazu hatte. Die andere wurde nach Bern zur kinderlosen Schwester gegeben. Nicht wirklich die heile Familienwelt, wie Gotthelf sie jeweils beschrieben hat.
BärnerBär: Das klingt irgendwie weniger nach Heimatschwank als nach Familienaufstellung mit Musik.
Burkhalter: (lacht) Nun ja, ganz falsch ist das nicht. Aber natürlich gibt es auch Humor, Leichtigkeit und viele musikalische Momente.
BärnerBär: Sie schreiben seit Jahren die Musik für Simons Produktionen. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?
Leuschner: Er gibt mir das Stück, und dann schreibe ich die Musik dazu! (schmunzelt) Natürlich ist es nicht immer ganz so einfach. Aber zwischen uns braucht es tatsächlich nicht mehr viele Absprachen. Wir kennen uns seit 2015, von der Operette «Gräfin Mariza» in Bern. Es hat einfach von Anfang an gepasst.
Burkhalter: Ich habe damals schnell gemerkt: Das ist ein Mensch, auf den man sich zu hundert Prozent verlassen kann.
BärnerBär: Was mögen Sie an Simon als Regisseur?
Leuschner: Simon ist selbst Sänger. Er weiss, was musikalisch möglich ist und was nicht. Und er gibt der Musik Raum. Das ist nicht selbstverständlich.
BärnerBär: Eine Freilichtbühne ist für Musik kein ganz einfacher Ort. Wie komponiert man für Wind, Wetter und Geräusche?
Burkhalter: Es hilft sicher, wenn man den Ort kennt. Die Moosegg braucht Musik, die filmisch ist. Musik, die Atmosphäre schafft, Gefühle weckt.
Gerade am Anfang des Abends ist das wichtig, wenn das Licht noch nicht richtig wirken kann, weil es noch hell ist. Im besten Fall merkt das Publikum gar nicht bewusst, dass Musik läuft, sondern versinkt einfach in der Atmosphäre.

Leuschner: Wobei – es wäre ja schon schade um meine Musik, wenn die Leute sie gar nicht wahrnehmen würden! (Zwinkert Simon zu) Aber ich weiss schon, wie du es meinst. Freilichtbühnen haben ihre eigenen Regeln. Instrumente dürfen nicht nass werden, also braucht es Zelte oder Unterstände. Und dann gibt es Umgebungslärm: Kuhglocken, oder manchmal auch eine Harley-Davidson-Gruppe im dramatischsten Moment!
BärnerBär: Wie beginnen Sie mit einer neuen Komposition, Bruno?
Zuerst lese ich das Drehbuch. Dort ist meistens vermerkt, wo Musik vorgesehen ist. Dann entsteht eine erste Idee, passend zur Situation oder zu einer Figur. Danach suche ich das grosse Ganze. Und dann kommt die Detailarbeit. Und irgendwann der Moment: jetzt passt es!
BärnerBär: Was muss Musik generell im Theater können?
Musik fängt dort an, wo Worte aufhören. Sie muss eine Situation tragen, eine Stimmung erzeugen, etwas sagen, das die Figuren vielleicht nicht aussprechen können oder wollen.
BärnerBär: Auf der Bühne steht auch ein grosser Chor. Welche Rolle spielt er?
Burkhalter: Der Chor aus über 30 Sängerinnen und Sängern ist sehr wichtig. Er belebt Situationen und steht sinnbildlich auch für die Welt Gotthelfs.
BärnerBär: Warum kommt Gotthelf auf der Moosegg immer wieder zurück?
Weil er hierhergehört. In diese Region, in diese Landschaft, in diese Sprache. Die Leute mögen regionale Geschichten. Und Gotthelf erzählt zwar vom Emmental, aber seine Fragen sind universell: Was bleibt, wenn man nicht mehr ist? Was hinterlässt man? Was behalten die Menschen von uns? Das sind zeitlose Fragen und sie passen natürlich sehr gut zu einem Abschied.
BärnerBär: Fällt das Loslassen nach so vielen Jahren schwer?
Burkhalter: Mir gar nicht. Ein Ende macht immer Platz für einen neuen Anfang. Und ehrlich gesagt freue ich mich auch auf ein bisschen Luft. Ende August habe ich seit Ewigkeiten wieder einmal zweieinhalb Wochen Ferien!

Leuschner: Mich macht der Gedanke schon etwas melancholisch. Auf der Moosegg herrscht eine einmalige Atmosphäre. Die werde ich vermissen. Aber Simon und ich werden weiterhin zusammenarbeiten. Zum Beispiel bei der Operette in Möriken Wildegg.
BärnerBär: Warum darf man sich diese letzte Produktion auf keinen Fall entgehen lassen?
Leuschner: Wegen der Musik natürlich!
Burkhalter: Das war ja klar! (beide lachen)
Und weil es wohl die erste und einzige Gelegenheit ist, Gotthelfs Kindern in einer Art Biopic auf der Bühne zu begegnen. Das Stück wurde extra für die Moosegg geschrieben. Und gleichzeitig widmen wir uns mit «Hansjoggeli!» nochmals dem grossen Lützelflüher Dichter: mit einem seiner witzigsten Stoffe und Musik aus dem «Röseligarten».
Ein letzter Moosegg-Sommer also, der nicht nur zurückschaut, sondern fragt, was bleibt: Vom Leben, von Gotthelf, von seinen Kindern und von 30 Jahren Theater unter freiem Himmel.
INFO
Freilichtspiele Moosegg 2026
Gotthelfs Kinder
Musical von Paul Steinmann und Bruno Leuschner (Juni)
Hansjoggeli!
Volksstück von Simon Burkhalter, frei nach Gotthelf (Juli/August)







