Claude Grosjean: «Es geht nicht nur um Kunst, es geht um Bern»
Im Interview mit dem BärnerBär erklärt GLP-Grossrat Claude Grosjean, warum das Kunstmuseum Bern dringend erneuert werden sollte.

Am 14. Juni entscheidet der Kanton Bern über die Zukunft des Kunstmuseums. Für GLP-Grossrat Claude Grosjean ist klar: Das traditionsreiche Haus braucht dringend eine Erneuerung. Nicht nur für die Kunst, sondern auch für Bern als Kultur-, Bildungs- und Wirtschaftsstandort.
Im Interview erklärt er, warum das Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugt, was bei einem Nein auf dem Spiel steht und weshalb das Museum auch Menschen etwas angeht, die selten vor einem Hodler stehen.
BärnerBär: Herr Grosjean, Hand aufs Herz: Wann waren Sie zuletzt im Kunstmuseum Bern und was ist Ihnen von diesem Besuch geblieben?
Claude Grosjean: Als regelmässiger Besucher beeindruckt mich immer wieder die Vielfalt des Kunstmuseums. Einerseits natürlich die Vielfalt an Kunstwerken und Ausstellungen – wobei mir in Bern vor allem die symbolistischen Werke besonders gefallen – und andererseits die Vielfalt an Menschen, die diesen Ort besuchen: Von Schulklassen über Gäste aus dem In- und Ausland, bis zu Familien mit Kindern.
BärnerBär: Viele Bernerinnen und Berner sagen: «Schönes Museum, aber ich gehe fast nie hin.» Warum soll gerade diese Bevölkerung nun Ja sagen?
Grosjean: Ich frage zurück: Waren Sie mit der Schule dort? Oder haben Sie Kinder, Enkelkinder? Das Kunstmuseum ist für viele Bernerinnen und Berner der erste Ort, wo Kunst erlebbar wird.
Jedes Jahr besuchen hunderte Schulklassen das Haus – sie sehen über 500 Jahre Kunstgeschichte, von Niklaus Manuel über Albert Anker und Ferdinand Hodler bis zu Picasso, Van Gogh, Meret Oppenheim und Marina Abramović.
Dieses Berner Kulturerbe gehört uns allen – aber es ist akut gefährdet. Mit der Sanierung können wir es für die kommenden Generationen erhalten. Und: Wir investieren ja auch in Sportanlagen, Theater oder den öffentlichen Verkehr, obwohl nicht jede und jeder alles gleich oft nutzt.

BärnerBär: Sie engagieren sich für ein Kunstmuseum, obwohl Kulturvorlagen oft als «nice to have» gelten. Was ist für Sie hier der springende Punkt?
Grosjean: Am 14. Juni geht es ums Ganze. Das ist keine Phrase. Ein Teil des Museums muss aus statischen Gründen Ende 2030 geschlossen werden – das ist die Realität, keine Polemik. Im heutigen Zustand erfüllt das Museum die Grundanforderungen an Sicherheit und den Schutz der Kunstwerke nicht mehr.
Und stellen Sie sich vor: Bei Starkregen kann es zu Wassereintritten kommen! Zentrale Anlagen haben ihre Lebensdauer längst überschritten und das Museum ist nicht barrierefrei zugänglich. Die Sanierung ist kein «nice to have», es ist eine Frage des gesunden Menschenverstands.
BärnerBär: Der Slogan lautet «Ohne Haus kein Hodler». Ist das zugespitzt oder droht dem Kunstmuseum wirklich ein substanzieller Verlust?
Grosjean: Der Slogan trifft den Nagel auf den Kopf. Es braucht das Kunstmuseum, um die Kunstwerke für uns alle zugänglich zu machen. Ohne Sanierung ist das immer weniger möglich – und irgendwann gar nicht mehr. Bereits heute können Leihgaben nur noch eingeschränkt gezeigt werden, weil die sicherheitstechnischen Vorgaben nicht überall erfüllt sind.
Ohne Sanierung werden dem Kunstmuseum irgendwann keine Kunstwerke mehr verliehen – das wäre das Ende des Museums als lebendige Institution.
BärnerBär: 147 Millionen Franken Gesamtkosten: Wie erklären Sie jemandem am Stammtisch, dass das verhältnismässig ist?
Grosjean: Ich sage zuerst, dass über 50 Millionen Franken davon von privaten Spenderinnen und Spendern stammen – mehr als ein Drittel der Gesamtkosten. Hier wird der Steuerzahler also entlastet. Die Gelder sind aber an dieses Projekt gebunden.
Bei einem Nein wären sie weg – ein klassisches Eigentor, denn Mäzene stehen in Bern nicht einfach Schlange. Dann erkläre ich, wie das Projekt entstanden ist: Bereits seit 1993 ist bekannt, dass der Erweiterungsbau aus den 80er-Jahren grundlegend saniert oder ersetzt werden muss.
Renovationsprojekte sowie auch sehr ehrgeizige Neubau-Projekte scheiterten an der Machbarkeit oder Finanzierung. Erst als ein Architekturwettbewerb mit öffentlicher Mitwirkung durchgeführt wurde, gelang der Durchbruch. Aus ursprünglich über 148 Bewerbungen resultierte schliesslich das jetzige Projekt.
Aufgrund der Erfahrung war klar, dass sich eine umfassende Sanierung des historischen Altbaus und ein Ersatzneubau für die 80er-Jahre Erweiterung nur bei einem optimalen Kosten-Nutzen-Verhältnis realisieren lässt und weder Kulturtempel noch Leuchttürme für Bern Sinn machen.
In vielen Jahren als Politiker habe ich selten ein Projekt erlebt, das so seriös aufgegleist wurde. Das erklärt auch, warum die Unterstützung von links bis rechts reicht.
BärnerBär: Bern hat bereits das Zentrum Paul Klee und das entstehende Museumsquartier. Braucht es daneben wirklich noch ein stark erneuertes Kunstmuseum?
Grosjean: Das Kunstmuseum ist eines der ältesten Kunstmuseen der Schweiz und eine Kulturinstitution von nationaler Bedeutung. Genauso wie beispielsweise das Freilichtmuseum Ballenberg, das vom Kanton auch stark unterstützt wird. Das Kunstmuseum ist die Heimat für Werke, die weit über die Kantonsgrenzen hinausstrahlen.
Im Wettbewerb mit Zürich, Basel und Lausanne sollte sich Bern nicht selbst aus dem Rennen nehmen. Ich glaube, niemand will, dass die Bilder von Anker und Hodler in einigen Jahren in Zürich daheim sind. Das neue Museum stärkt zudem den gesamten Kulturstandort Bern, davon profitieren andere Kulturinstitutionen genauso wie Gewerbe und Tourismus.
BärnerBär: Wer genau profitiert wirtschaftlich, ausser dem Museum selbst?
Grosjean: Kunst und Kultur sind ein Wirtschaftsfaktor! Mit rund 100'000 Besucherinnen und Besuchern pro Jahr ist das Kunstmuseum ein Publikumsmagnet. Die Gäste verbinden den Museumsbesuch mit Restaurantbesuchen, Einkäufen in der Altstadt und Hotelaufenthalten. Gastronomie, Detailhandel und Hotellerie profitieren direkt.
Von der Sanierung selbst profitiert das lokale Bau- und Handwerksgewerbe. Wir stimmen hier nicht über abstrakte Kultursubventionen, sondern über eine Investition in die regionale Wertschöpfung. Davon profitiert der ganze Kanton Bern!

BärnerBär: Das Ja-Komitee ist breit abgestützt, von links bis bürgerlich. Was verbindet diese Parteien ausgerechnet bei diesem Projekt?
Grosjean: Die hohe Professionalität! Das Projekt wurde in einem langen, transparenten Prozess erarbeitet, mit Einbezug aller Anspruchsgruppen. Es überzeugt in Funktionalität, Bauqualität und Kosteneffizienz. Es ist partnerschaftlich finanziert, mit klarem Kostendach für den Kanton.
Solche Projekte verbinden, weil sie auf Vernunft beruhen – nicht auf Ideologie. Deshalb sagen nicht nur Parteien, sondern auch Wirtschaftsverbände, Behindertenorganisationen oder Bildung Bern klar Ja.
BärnerBär: Was bringt das neue Museum Familien, Schulklassen und Menschen mit Behinderung konkret?
Grosjean: Das heutige Museum ist für viele Menschen nicht barrierefrei zugänglich. Das ist nicht mehr zeitgemäss und ein Affront gegenüber Menschen mit Behinderung. Mit dem Sanierungsprojekt entsteht erstmals ein vollständig barrierefreies Haus – davon profitieren auch viele ältere Menschen.
Für Familien und Schulklassen entstehen neue Räume für die Kulturvermittlung, wo die Kinder selbst aktiv werden können. Durch die neuen offenen Flächen wird aber vor allem das Kunsterlebnis für alle massiv verbessert!
BärnerBär: Stellen Sie sich ein Nein vor: Wie sähe das Kunstmuseum Bern im Jahr 2035 aus?
Grosjean: Von aussen vielleicht wie heute – aber ein wesentlicher Teil wäre leer und geschlossen. Die über 50 Millionen Franken an privaten Mitteln wären weg.
Ein neues Projekt müsste von null auf erarbeitet werden, mit ungewissem Ausgang und ohne Garantie, dass private Geldgeber wieder einsteigen. Ich sehe keine zeitgerechte und erst recht keine finanzierbare Alternative. Mein Rat: Lassen wir es nicht so weit kommen.
BärnerBär: Und umgekehrt: Wie soll sich ein Besuch im erneuerten Kunstmuseum 2035 anfühlen?
Grosjean: Offen, barrierefrei und ohne die Gefahr, in eine Pfütze zu treten oder mit einer Evakuierung wegen austretendem Kühlmittel rechnen zu müssen.












