Forscher warnen: Kipppunkte stehen kurz bevor
Kipppunkte im Klimasystem: Droht der Erde eine unumkehrbare Hitzephase? Forschende warnen vor Kettenreaktionen – und zeigen, wie man den Kurs noch ändern kann.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Klimawandel schreitet immer weiter voran.
- Forschende warnen nun, die unumkehrbaren Kippunkte könnten schon nahe sein.
- Werden diese Kipppunkte überschritten, lässt sich der Klimawandel nicht mehr aufhalten.
Ein internationales Forschendenteam warnt eindringlich vor einer beschleunigten Erderwärmung, die zu einer dauerhaften Hitzephase führen könnte.
«Das Klima der Erde entfernt sich gerade von den stabilen Bedingungen, die die menschliche Zivilisation über Jahrtausende hinweg getragen haben.» Das schreibt das Team im Fachjournal «One Earth».
Mehrere Teile des Erdsystems könnten bereits näher an einer Destabilisierung sein als angenommen.
Die Forschenden zeigen das Zusammenspiel der Faktoren, das die Erde in ein sogenanntes Hothouse verwandeln könnte. Eine für den Menschen gefährliche, dauerhafte Hitzephase.
Werde dieser Pfad einmal beschritten, lasse er sich kaum noch stoppen, schreibt das Team weiter. Sie sehen aber nur noch ein kurzes Zeitfenster zum Gegensteuern.
Anderthalb-Grad-Ziel schon ein Jahr überschritten
Seit rund 11'700 Jahren ist das Klima vergleichsweise stabil. Das ermöglichte die Entstehung der Landwirtschaft und vieler Ökosysteme.
Um diese Bedingungen zu bewahren, wurde im Pariser Klimaabkommen eine Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad vereinbart. Dabei handelt es sich um eine Durchschnittstemperatur, die über mehrere Jahre hinweg gemessen wird.
Für zwölf Monate hintereinander seien die 1,5 Grad Erwärmung bereits im Jahr 2024 überschritten gewesen. Das habe zu Hitzerekorden, Waldbränden, Überschwemmungen und anderen Extremen geführt.
Viele Klimamodelle hätten einen späteren Zeitpunkt dafür vorhergesagt. Das unterstreiche, wie rasch der Klimawandel voranschreite, schreibt das Team.
«Klimawandel schreitet schneller voran»
«Die Überschreitung von Temperaturgrenzen wird üblicherweise anhand von 20-Jahres-Durchschnitten bewertet.» Das sagte Co-Autor Christopher Wolf von den Terrestrial Ecosystems Research Associates (Tera) in Corvallis (Oregon).
Der jüngste zwölfmonatige Überschreitungszeitraum könne darauf hindeuten, dass auch der langfristige durchschnittliche Temperaturanstieg bereits bei oder nahe 1,5 Grad liege.
«Es ist wahrscheinlich, dass der Klimawandel schneller voranschreitet, als viele Wissenschaftler vorhergesagt haben.»
Ein Teil des jüngsten Temperaturanstiegs sei auf den Rückgang der Aerosole zurückzuführen, schreibt das Team. Zu den Schwebeteilchen zählt etwa Russ. Der Rückgang der Aerosole habe möglicherweise Einfluss auf die Wolken, die dann weniger Sonnenlicht ins All abstrahlten.
Einige Kippelemente könnten bereits sehr nah sein
Wenn sich das Klima verändert, könne es verstärkende Rückkopplungen geben. Diese würden das Risiko einer beschleunigten Erwärmung erhöhen.

Zunehmende Hinweise deuteten darauf hin, dass viele Kippelemente nach dem Überschreiten bestimmter Schwellen eine sich selbst verstärkende Erwärmung auslösen könnten.
Diese verstärkende Erwärmung treibe die Erde in Richtung Hothouse, erklärte Rockström. «Unsere Arbeit zeigt, dass wir noch nicht dort sind – aber sehr nahe.»
Eisschild in Grönland ist schon instabil
Kippelemente können sich abrupt und dann unaufhaltsam verändern, sobald kritische Temperaturschwellen überschritten werden. Für einige könnte das Kippen bereits im Gange sein oder in naher Zukunft eintreten, schreibt das Team.
Dazu zähle: Das Schmelzen des grönländischen und des westantarktischen Eisschilds und der auftauende Permafrost in den nördlichen Wäldern der Erde. Aber auch schmelzende Gebirgsgletscher sowie das Sterben von Teilen des Amazonas-Regenwaldes.
Der grönländische Eisschild zeige bereits Anzeichen von Destabilisierung. Und sei wahrscheinlich anfällig für ein Kippen bei einer Erwärmung zwischen 0,8 und 3,4 Grad Celsius.
Solche Prozesse könnten die globalen Temperaturen weiter erhöhen und den Meeresspiegelanstieg beschleunigen. Zudem könnten sie gewaltige Kohlenstoffspeicher freisetzen und Ökosysteme destabilisieren. Phänomene, die sich auch gegenseitig verstärken könnten.
Mehr Klimaschutz ist erforderlich
Auch wenn das genaue Risiko für die Kipppunkte ungewiss sei, sei klar, dass die derzeitigen politischen Klimaschutzzusagen unzureichend seien. Es sei deutlich mehr Klimaschutz erforderlich.
Die Unsicherheit darüber, wo genau Kippschwellen liegen, sei kein Grund zum Zögern. «Sondern vielmehr ein zwingender Grund für sofortiges vorsorgliches Handeln», schreibt das Team.
«Wir könnten uns einem gefährlichen Schwellenbereich nähern», so die Forschenden. Gleichzeitig würden die Möglichkeiten rapide schwinden, um gefährliche und nicht mehr beherrschbare Klimaentwicklungen zu verhindern.
«Bestehende Klimaschutzmassnahmen, wie der Ausbau erneuerbarer Energien und der Schutz kohlenstoff-speichernder Ökosysteme, sind entscheidend.» Dies, um den Anstieg der globalen Temperaturen zu begrenzen, so das Team.
Nötig sind nach Ansicht des Teams eine vorausschauende Regierungsführung und stärkere politische Rahmenwerke zur Minderung der Emissionen. Man müsse aber auch die Kipppunktrisiken berücksichtigen. Zudem brauche es eine koordinierte globale Überwachung von Kipppunkten.

















