In Davos trifft sich das «Who's Who der Biodviersitätsforschung», um Ziele zum Schutz der Biodiversität zu definieren und neue Instrumente zu diskutieren.
Gemäss dem Weltbiodiversitätsrat (IPBES) sind aktuell eine Million Arten vom Aussterben bedroht: blühende Mohn- und Kornblumen in einem Weizenfeld.
Gemäss dem Weltbiodiversitätsrat (IPBES) sind aktuell eine Million Arten vom Aussterben bedroht: blühende Mohn- und Kornblumen in einem Weizenfeld. - sda - KEYSTONE/DPA-Zentralbild/PATRICK PLEUL
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Das Wichtigste in Kürze

  • In Davos findet ab Sonntag das «World Biodiversity Forum» statt.
  • Biodiversitätsforscher wollen ein Ziel aufzustellen und neue Instrumente diskutieren.

Die Klima- und die Biodiversitätskrise sind zwei der wohl drängendsten Probleme unserer Zeit. Doch anders als beim Klima fehlt bei der Biodiversität ein klar definiertes Ziel, auf das sich hinarbeiten lässt. Das «World Biodiversity Forum» will dies ändern.

Im Jahr 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft im Pariser Klimaabkommen, die dauerhafte Erderwärmung möglichst unter 1,5 Grad Celsius zu beschränken. Das Zeitfenster schrumpft, in dem die katastrophalsten Folgen des Klimawandels noch abgewendet werden können. Immerhin ist das Ziel prägnant, klar und verständlich formuliert.

Noch kein klares Ziel

«Der Biodiversität fehlt ihr '1,5-Grad-Ziel'», sagte Michael Schaepman, Rektor der Universität Zürich. Im Vorfeld des «World Biodiversity Forum», das am Sonntag in Davos beginnt, äusserte er sich gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Das Ziel zu kennen sei jedoch zentral, um den Weg dorthin und damit die Schutzmassnahmen konkret zu definieren.

Noch befinde man sich im Alarmismus-Stadium, es werde gewarnt vor dem sechsten Massenaussterben, das derzeit in Gang sei, sagte Schaepman. Tatsächlich ist die globale Artenvielfalt in einem desolaten Zustand.

Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten könnten in den nächsten Jahrzehnten laut dem Weltbiodiversitätsrat aussterben. Schlussendlich aber sei dies eine abstrakte Zahl, die für niemanden wirklich greifbar sei, so Schaepman: «Wir müssen eine klare Botschaft für ein Biodiversitäts-Ziel finden, analog zum Pariser Klimaziel.» An der Konferenz in Davos sei dies eines der wichtigen Themen.

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Michael Schaepman, Rektor der Universität Zürich. - Keystone

Fast 700 Forschende, NGO-Vertreter und Umweltbeauftragte aus aller Welt werden den Organisatoren zufolge daran teilnehmen. Das «Who's Who der Biodviersitätsforschung», wird laut Schaepman in Davos zu Gast sein. Organisiert wird die Konferenz mit Ausstrahlungskraft vom internationalen Forschungsprogramm «Biodiscovery» das an der Universität Zürich angesiedelt ist.

Neue Instrumente zur Überwachung der Biodiversität

In der Biodiversitätsforschung klafften noch elementare Lücken, die es zu schliessen gelte, sagte der Geograph Schaepman. Die Biodiversitätsforschung stehe vergleichsweise noch am Anfang. Die Klimaforschungb kenne beispielsweise die Instrumente und besitze das Know-How für den Kampf gegen den Klimawandel,

«Eine der drängendsten Fragen ist, wie wir Biodiversität global überwachen sollen», so Schaepman. Denn die Biodiversität verändere sich schneller, als dass man dies mit konventionellen Messmethoden, sprich Feldarbeit, erfassen könne.

In Davos werden auch Experten der europäischen Raumfahrtagentur Esa zusammenkommen. Es soll ein globales Überwachungssystem diskutiert werden, das auf Satellitenaufnahmen beruht. Von der weltraumgestützten Beobachtung erhoffen sich Fachleute, die Biodiversität kontinuierlich und schneller auf der ganzen Welt erfassen zu können.

Biodiversität
Die Biodiversität soll genauer überwacht werden. - sda - WSL/Martin Fellendorf

Was ist Natur?

«Eine noch grundlegendere Frage ist, was überhaupt zur Biodiversität zählt, was Natur ist und demzufolge schützenswert», sagte Schaepman. Bei indigenen Völkern zähle der Mensch und alles von ihm erschaffene genauso zum Inventar der Natur wie ein Baum.

In der industrialisierten Welt ist das Bild ein anderes: Dichte Städte mit Betonbauten und Strassen verbindet man kaum mit Natur. Eine Kulturlandschaft hingegen eher, obschon sie genauso menschengemacht ist wie eine Stadt. «Die Frage ist, welche Natur wir uns wünschen», hielt Schaepman fest.

Die Ergebnisse der Konferenz in Davos sollen ihm zufolge, unter anderem in Form einer Resolution in die Diskussionen des 15. Weltnaturgipfels der Vereinten Nationen einfliessen. Auf dem im Dezember stattfindenden Gipfel im kanadischen Montréal wird ein richtungsweisendes globales Abkommen zum Schutz der Biodiversität erwartet.

Schaepman hofft, dass der darauffolgende Weltnaturgipfel in der Schweiz stattfinden wird: «Es wäre sinnvoll, den Gipfel dann direkt anschliessend an die Konferenz in Davos durchzuführen.» Der Weltnaturgipfel in der Schweiz quasi «als Sahnehäubchen» des «World Biodiversity Forum», sagte der Uni-Zürich-Rektor augenzwinkernd. Ein Signal dahingehend von der offiziellen Schweiz würde er durchaus begrüssen.

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