Eisschild – Wie der Klimawandel eine beginnende Eiszeit stoppte
Vor 2000 Jahren begann ein gewaltiger Eisschild in Nordamerika erneut zu wachsen. Doch die menschengemachte Erderwärmung stoppte diese Entwicklung.

Vor rund 2000 Jahren setzte in Nordamerika eine bemerkenswerte klimatische Entwicklung ein. Der einst gewaltige Laurentidische Eisschild begann erneut zu wachsen.
Forschende sehen darin einen möglichen Beginn einer neuen Kaltphase. Doch die menschengemachte Erderwärmung veränderte diese Entwicklung grundlegend.
Eine Studie des Geochemikers Nicolás Young von der Columbia University zeigt, wie stark menschliche Treibhausgasemissionen natürliche Klimaprozesse beeinflussen können. Die Ergebnisse erschienen am 22. Oktober 2026 im Fachmagazin «Science».
Der Laurentidische Eisschild begann wieder zu wachsen
Während der letzten grossen Kaltzeit bedeckte der Laurentidische Eisschild vor etwa 20'000 Jahren fast ein Drittel Nordamerikas. Der kilometerdicke Eispanzer erstreckte sich über weite Teile des heutigen Kanadas und den Norden der USA.
Über Jahrtausende hinweg zog sich das Eis zurück und erreichte vor ungefähr 3600 Jahren seine geringste Ausdehnung. Etwa 2000 Jahre vor heute kehrte sich die Entwicklung um und der Eisschild begann erneut zu wachsen.
werten die Forschenden diesen Wendepunkt als möglichen Beginn einer neuen Kaltzeit, wie «Der Westen» berichtet. Allerdings hängt diese Einordnung davon ab, welche geologischen Kriterien für den Beginn einer solchen Klimaphase gelten.
So rekonstruierten Forschende die Geschichte des Eises
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Barnes-Eiskappe auf der kanadischen Baffininsel. Sie umfasst rund 6000 Quadratkilometer und bildet den letzten erhaltenen Rest des einst riesigen Laurentidischen Eisschildes.
Das Forschungsteam untersuchte Felsen und Pflanzenreste aus der Umgebung der Eiskappe. Mithilfe der Radiokarbonmethode datierten die Forschenden Pflanzenreste, die später vom Eis eingeschlossen wurden.
Zusätzlich nutzten sie das durch kosmische Strahlung entstehende Beryllium-10, um die Freilegung der Felsen zu datieren. Die Kombination beider Methoden half, die frühere Bewegung des Eisrandes zeitlich einzuordnen.
Vom erneuten Eiswachstum zum Rückzug: Die Wende ab 1960
Eine Besonderheit der Barnes-Eiskappe erleichterte die Untersuchung: Sie ist direkt mit dem felsigen Untergrund verbunden und gleitet kaum darüber. Dadurch blieben ältere Pflanzenreste unter dem Eis erhalten, statt durch Gletscherbewegungen zerstört zu werden.
Bis etwa 1960 wuchs der Eisschild weiter und erreichte seine maximale Ausdehnung. Anschliessend sorgten steigende Sommertemperaturen dafür, dass mehr Eis schmolz, als sich im Winter neu bilden konnte.
Bis 2022 zog sich der Eisrand laut der Untersuchung um ungefähr 200 bis 800 Meter zurück. Der Geochemiker Young führt diese Entwicklung hauptsächlich auf die menschengemachte Erderwärmung zurück.
Menschengemachter Klimawandel überlagert natürliche Klimazyklen
Wie die «Welt» schreibt, bezeichnet Young diesen Vorgang als eindrückliches Beispiel dafür, wie stark Menschen das Klimasystem inzwischen beeinflussen. Die natürliche Entwicklung in Richtung eines weiteren Eiswachstums wurde durch den zusätzlichen Treibhauseffekt überlagert.
Auch «Der Spiegel» berichtet über die Ergebnisse und hebt hervor, dass die menschlichen Treibhausgasemissionen inzwischen natürliche Klimaveränderungen überlagern können. Die Untersuchung verdeutlicht damit den Einfluss der Erderwärmung auf langfristige Entwicklungen der Erdgeschichte.
Bereits in den 1970er-Jahren diskutierten Wissenschaftler über eine mögliche Abkühlung des Weltklimas. Anlass dafür waren unter anderem globale Temperaturmessungen, die seit den 1940er-Jahren zeitweise einen rückläufigen Trend erkennen liessen.
Eiszeit-Debatte: Was die Forschung wirklich vorhersagte
Als mögliche Ursache galten Aerosole, die Sonnenlicht reflektieren und dadurch kühlend wirken können. Gleichzeitig stiegen die Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre, während Klimamodelle bereits auf eine mögliche Erwärmung durch Treibhausgase hinwiesen.
Rückblickend wird die damalige Debatte häufig als wissenschaftliche Warnung vor einer unmittelbar bevorstehenden Eiszeit dargestellt. Dafür gab es jedoch keinen Konsens, denn Fachpublikationen zwischen 1965 und 1979 enthielten deutlich mehr Erwärmungs- als Abkühlungsprognosen.

Die neue Studie liefert dieser historischen Diskussion eine zusätzliche Perspektive. Der Eisschild wuchs bereits wieder, eine globale Kaltzeit stand jedoch nicht unmittelbar bevor.
Wie lange bleibt der letzte Eisschild erhalten?
Für die Barnes-Eiskappe erwarten die Forschenden einen weiteren deutlichen Rückgang. Ihren Simulationen zufolge könnten die verbliebenen Eismassen innerhalb der kommenden Jahrhunderte vollständig verschwinden.
Der Geowissenschaftler Shaun Marcott von der University of Wisconsin betont die Bedeutung der Ergebnisse. Die Studie zeige, wie empfindlich Gletscher auf Veränderungen der Sommertemperaturen reagieren.
Auch die langfristigen Folgen für andere biologische und physikalische Erdsysteme beschäftigen die Forschenden. Mit dem Verschwinden der Barnes-Eiskappe würde der letzte erhaltene Rest des einst mächtigen Laurentidischen Eisschildes verloren gehen.
















