Im Unterengadin wurde eine Insektenlarve in einer Alpenrose gesichtet. Die Entdeckung ist erstaunlich, weil Insekten die Rostblättrige Alpenrose sonst meiden.
Rostblättrige Alpenrose
Die Rostblättrige Alpenrose. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Insektenlarve wurde in einer Alpenrose bei einer Wanderung entdeckt.
  • Die Entdeckung ist spannend, da die Pflanze ansonsten wegen des Giftes gemieden wird.

Auf einer Sommerwanderung in Ardez im Unterengadin erblickten sie in einer Rostblättrigen Alpenrose eine Raupe, wie sie im Fachjournal «Alpine Entomology» berichten.

Die Rostblättrige Alpenrose ist giftig und wird von Tieren und Insektenlarven gemieden. Umso überraschter waren der Ilanzer Schmetterlingsforscher Jürg Schmid und sein Tiroler Kollege Peter Huemer, als sie eine Schmetterlingsart entdeckten, deren Raupen Alpenrosenblätter essen.

Rostblättrige Alpenrose und Raupe entdeckt

Auf einer Sommerwanderung in Ardez im Unterengadin erblickten sie in einem Alpenrosen-Blatt eine Raupe, wie sie im Fachjournal «Alpine Entomology» berichten.

«Es war sofort klar, dass es sich um eine aussergewöhnliche Art handeln muss», so Huemer. Bisher war kein Insekt bekannt, das sich auf die Rostblättrige Alpenrose spezialisiert hat.

Bei der genaueren Erforschung konnten sie eine stabile Population des Schmetterlings nachweisen. Doch die Art-Bestimmung stellte sie zunächst vor ein völliges Rätsel.

Eine spannende Neuentdeckung in der Entomologie

Sie nannten den Schmetterling «Alpenrosen-Minierfalter», weil sich die Raupe unmittelbar nach dem Schlüpfen in das Innere eines Blattes der Rostblättrigen Alpenrose bohrt, wo sie ihr gesamtes Leben bis zur Verpuppung verbringt.

Zwischen den intakten Blatthäuten ist die Raupe gut vor schlechtem Wetter und Fressfeinden geschützt und frisst das Blatt von innen heraus.

Für die Verpuppung verlässt die Raupe das befallene Blatt und legt auf dessen Unterseite ein Hängematten-ähnliches Gespinst an, wo sie sich schliesslich verpuppt.

Im Labor beobachteten die Forscher, dass nach etwa zehn Tagen ein rund zwölf Millimeter grosser, nachtaktiver Falter mit weiss-schwarz-gescheckten Flügeln schlüpfte.

Der «Alpenrosen-Minierfalter» ist jedoch weit verbreitet auf der Erde

Anhand morphologischer Merkmale wie Flügelfarbe und -muster und einem Erbgut-Vergleich fanden Huemer und Schmid heraus, dass es sich um keine neue Art handelte. Vielmehr handelt es sich beim «Alpenrosen-Minierfalter» um «Lyonetia ledi», eine in Nordeuropa, Nordasien und Nordamerika weit verbreitete Art. In Nordeuropa lebt der Falter ausschliesslich auf Sumpfporst und Gagelstrauch - typische Hochmoor-Pflanzen, die in den Alpen nicht vorkommen.

In Österreich findet man den Falter in einem kleinen Gebiet an der Grenze zu Tschechien – also mehr als 400 Kilometer vom Engadin entfernt.

Huemer vermutet daher, dass in früheren Kaltphasen - vor etwa 12'000 Jahren - der Sumpfporst und die Rostblättrige Alpenrose einen gemeinsamen Lebensraum nördlich der Alpen hatten.

Die Geschichte der Art reicht bis zur Eiszeit zurück

Nach Ende der letzten Kaltzeit und dem Abschmelzen der Gletscher könnten dann einige Populationen der Art ihre Wirtspräferenz vom Sumpfporst auf die Rosblättrige Alpenrose verlagert haben.

Durch die Trennung der Verbreitungsgebiete der beiden Pflanzen in folgenden Warmphasen könnte es dann auch zur Trennung der Falterpopulationen gekommen sein. Die alpine Population wäre somit ein Relikt der Eiszeit.

Bisher ist der «Alpenrosen-Minierfalter» nur im Unterengadin gesichtet worden. Die Wissenschaftler vermuten, dass der Schmetterling auch an Orten mit ähnlichen Bedingungen in den Nordalpen, etwa im benachbarten Tirol und Vorarlberg, entdeckt werden kann. Sie dürfte aber nicht weit verbreitet sein, sonst wäre sie nicht so lange übersehen worden.

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