Altern – Was Sprechtempo, Wortwahl und Pausen verraten
Altern hinterlässt offenbar auch Spuren in unserer Sprache. Eine Studie zeigt, wie Sprechtempo, Wortwahl und Pausen mit der Gehirngesundheit zusammenhängen.

Die Sprache kann Hinweise auf Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit liefern. Forschende untersuchten deshalb, ob kurze Sprachaufnahmen Rückschlüsse auf das geschätzte Lebensalter ermöglichen.
Dabei prüften sie auch mögliche Zusammenhänge mit kognitiven Einschränkungen. Wie die «Welt» berichtet, analysierte ein Forschungsteam Aufnahmen von 2928 Menschen.
Die Teilnehmenden stammten aus Argentinien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Peru. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal «Science Advances» veröffentlicht.
Wie die Sprachuhr das Alter anhand der Stimme berechnet
Die Teilnehmenden erzählten kurze Geschichten nach, beschrieben einen Film oder nannten innerhalb einer Minute möglichst viele Begriffe bestimmter Kategorien. Ein Computermodell analysierte anschliessend mehr als 700 Merkmale der rund vierminütigen Sprachproben.
Dazu gehörten Sprechgeschwindigkeit, Silbenlänge, Pausen, Tonhöhe, Wortwahl und emotionaler Ausdruck. Aus diesen Informationen berechnete das Modell ein geschätztes Alter, das die Forschenden mit dem tatsächlichen Lebensalter verglichen.

Die Differenz bezeichneten sie als Sprach-Alterslücke. Schätzt das Modell eine 60-jährige Person beispielsweise auf 70 Jahre, beträgt die Abweichung zehn Jahre nach oben.
Wie genau ist die Sprachuhr?
Laut der «Aponet» kann das Verfahren anhand einer kurzen Sprachprobe verschiedene Merkmale erfassen. Diese hängen mit dem Alter und der geistigen Leistungsfähigkeit zusammen.
Die Genauigkeit der Sprachuhr bleibt allerdings begrenzt. Wie die «Welt» schreibt, wich das geschätzte Alter durchschnittlich um rund neun Jahre vom tatsächlichen Lebensalter ab.
Bei geistig gesunden Menschen fiel die Sprach-Alterslücke geringer aus als bei Personen mit kognitiven Erkrankungen. Die grössten Abweichungen zeigten sich bei bestimmten Formen der frontotemporalen Demenz, bei denen insbesondere die Sprache beeinträchtigt ist.
Altern: Was Sprechtempo, Wortwahl und Pausen verraten
Wie die «T-online» berichtet, gehörten die Sprechgeschwindigkeit und die Pausen zu den wichtigsten Merkmalen der Sprachuhr. Auch die verwendeten Wörter spielten bei der Berechnung des Sprachalters eine wichtige Rolle.
Veränderungen der Tonhöhe und des emotionalen Stimmklangs standen ebenfalls mit dem errechneten Alter in Zusammenhang. Eine grössere Sprach-Alterslücke ging zudem mit schlechteren Ergebnissen bei Gedächtnistests einher.
Auch bei Untersuchungen zur Aufmerksamkeit und zu weiteren geistigen Fähigkeiten zeigten sich entsprechende Zusammenhänge. Wie deutlich diese ausfielen, hing von der jeweiligen Erkrankung und dem untersuchten Leistungsbereich ab.
Verbindung zu Alzheimer und Hirnalterung
Bei Menschen mit Alzheimer war ein höheres Sprachalter mit erhöhten Blutwerten des Biomarkers p-Tau217 verbunden. Dieser Biomarker weist auf krankhafte Veränderungen im Gehirn hin.
Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen dem Sprachalter und biologischen Merkmalen der Erkrankung. Die Forschenden untersuchten ausserdem sogenannte Hirnalterungsuhren.
Diese Hirnalterungsuhren basieren auf bildgebenden Untersuchungen und schätzen das biologische Alter des Gehirns. Dabei zeigten sich Zusammenhänge zwischen einem höheren Hirnalter und einer grösseren Sprach-Alterslücke.
Warum die Methode noch kein Demenztest ist
Sprachaufnahmen könnten künftig eine kostengünstige Ergänzung zu bestehenden Untersuchungsmethoden darstellen. Sie lassen sich ohne spezielle medizinische Geräte erstellen und anschliessend computergestützt auswerten.
Eine zuverlässige Demenzdiagnose oder die Vorhersage einer späteren Erkrankung ermöglicht die Sprachuhr bislang jedoch nicht. Da nur ein Zeitpunkt untersucht wurde, bleibt offen, ob eine grössere Sprach-Alterslücke das spätere Demenzrisiko erhöht.

Zudem untersuchte das Forschungsteam ausschliesslich spanischsprachige Menschen aus fünf lateinamerikanischen Ländern. Ob das Verfahren bei anderen Sprachen und kulturellen Hintergründen vergleichbare Ergebnisse liefert, müssen weitere Untersuchungen zeigen.












