Gewalt

    Zunahme von sexueller Gewalt in Corona-Krise

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    Deutschland,

    Gewalt gegen Frauen hat laut dem Weltbevölkerungsbericht in der Corona-Pandemie dramatisch zugenommen.

    Flüchtlingslager
    Kinder im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia. - AFP/Archiv

    Das Wichtigste in Kürze

    • Corona ist verantwortlich für diverse Krisen abseits der eigentlichen Gesundheitskrise.
    • Eine davon ist die Armutskrise, im Zuge derer es mehr Gewalt gegen Frauen gibt.
    • Der Weltbevölkerungsbericht der Vereinten Nationen macht auf dieses Problem aufmerksam.

    Vor allem geschlossene Schulen haben aufgrund der Corona-Pandemie hätten eine «Gewaltspirale» in Gang gesetzt. Davon sind besonders Frauen und Mädchen betroffen. Dies sagte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) bei der Vorstellung des Berichts am Mittwoch in Berlin.

    Die Gesundheitsseite ist nur eine Seite der Krise

    Müller sprach von einer «Poly-Pandemie». Die Gesundheitskrise durch das Coronavirus sei nur die eine Seite der Krise. Zum anderen gebe es «die Hunger- und Armutskrise», im Zuge derer es mehr Gewalt gegen Frauen und Mädchen gebe.

    Gewalt Muslime Islam
    Im familiären Rahmen, so jeder 5. muslimische Jugendliche, sei Gewalt an Frauen akzeptabel. - Keystone

    Unter dem Titel «Mein Körper gehört mir: Das Recht auf Autonomie und Selbstbestimmung einfordern» befasst sich der Weltbevölkerungsbericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) mit der Thematik. In diesem Jahr vor allem mit der körperlichen Selbstbestimmung und Unversehrtheit von Mädchen und Frauen.

    Zwangsverheiratung und Genitalverstümmelung

    «In Krisen werden noch mehr Frauen und Mädchen Opfer von Zwangsverheiratung und Genitalverstümmelung.» Dies erklärte Jan Kreutzberg, Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW), bei der Vorstellung des Berichts.

    dschibuti
    Weibliche Genitalverstümmelung: Ein Mädchen in Dschibuti wird beschnitten (Symbolbild). - keystone

    Mehr Frauen und Mädchen als je zuvor seien seit Pandemie-Beginn von geschlechtsspezifischer Gewalt und schädlichen Praktiken wie Frühverheiratung bedroht. 45 Prozent der Mädchen und Frauen in Ländern mit mittlerem oder niedrigen Einkommen können demnach nicht selbst entscheiden: Ob sie Sex haben, verhüten oder medizinische Versorgung in Anspruch nehmen wollen.

    4000 unfreiwillige Schwangere jeden Tag

    Jeden Tag seien 2020 fast 4000 Frauen unfreiwillig schwanger geworden, da sie Corona-bedingt keinen Zugang mehr zu Verhütungsmitteln gehabt hätten. Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt seien in ärmeren Ländern die häufigste Todesursache bei Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren.

    Kondom Verhütung
    Symbolbild zum Thema Verhütung. - Pixabay

    Einen dramatischen Anstieg verzeichneten die Autoren des Berichts auch bei der weiblichen Genitalverstümmelung: Fast 11.000 Mädchen pro Tag erlitten demnach im vergangenen Jahr eine Genitalverstümmelung, also vier Millionen im Jahr.

    Genitalverstümmelung hat stark zugenommen

    Laut dem Bericht hat diese Praxis im kenianischen Flüchtlingslager Dadaab seit Beginn der Corona-Pandemie um 20 Prozent zugenommen. In Somalia wurde eine Zunahme von rund 31 Prozent verzeichnet. Insgesamt könnte es nach UNFPA-Schätzungen im Zuge der Corona-Pandemie zu bis zu zwei Millionen zusätzlichen Fällen von weiblicher Genitalverstümmelung kommen.

    Genitalverstümmelung
    Genitalverstümmelung beeinträchtigt nicht nur schwer die Gesundheit betroffenen Mädchen und Frauen, sie belastet auch die Gesundheitsbudgets der Länder, in denen diese Praxis verbreitet ist. Auf dem Bild ein 9-jähriges Mädchen einige Tage nachdem ihre Genitalien verstümmelt wurden. - sda - Keystone/EPA/ULRIKE KOTERMANN

    Einen engen Zusammenhang sehen die Autoren zwischen sexueller Selbstbestimmung und dem Bildungsniveau von Frauen. Frauen, die weniger gebildet sind als ihr Ehemann oder Partner, erleben laut dem Bericht häufiger sexualisierte Gewalt. Frauen, deren Bildungsniveau mehr oder weniger dem ihres Ehepartners entspricht, müssen diese Gewalt weniger miterleben.

    Keine selbstbestimmte Entscheidung über Verhütung

    Viele Mädchen und Frauen wüssten nicht, dass sie das Recht hätten, Geschlechtsverkehr zu verweigern, heisst es in dem Bericht. So habe eine Studie in Indien gezeigt: Frisch verheiratete Frauen in Indien würden ihren ersten Sex seltener als erzwungen oder «gegen ihren Willen» bezeichnen. Weil Sex innerhalb der Ehe erwartet würde.

    Zwangsehe
    Bei Zwangsehen existiert eine hohe Dunkelziffer. - Keystone

    Solche Normen und Einstellungen verhindern laut dem Bericht oftmals auch, dass Frauen selbstbestimmte Entscheidungen über Verhütung treffen könnten. Auch, weil Männer in vielen Ländern es als ihr Recht betrachteten, die Entscheidung über die Familiengrösse zu treffen.

    «Die Tatsache, dass fast die Hälfte der Frauen immer noch nicht selbst entscheiden kann, ob sie Sex haben will. Aber auch verhüten oder medizinische Versorgung in Anspruch nehmen will oder nicht, muss uns alle empören.» Dies erklärte UNFPA-Exekutivdirektorin Natalia Kanem.

    Natalia Kanem
    Natalia Kanem ist Executive Director beim United Nations Population Fund. - United Nations Secretary-General

    Das Leben hunderter Millionen Frauen und Mädchen werde «von anderen bestimmt», beklagte sie. Mehr Männer müssten zu «Verbündeten» im Kampf für die Gleichberechtigung von Frauen werden, forderte sie.

    Einsatz für körperliche Selbstbestimmung

    Die Autoren des Berichts forderten einen entschiedeneren Einsatz der internationalen Gemeinschaft für körperliche Selbstbestimmung und Unversehrtheit. Die Bundesregierung solle ihre «Vorreiterrolle im Bereich Globale Gesundheit weiter ausbauen». Und «ihre Verantwortung für sexuelle Gesundheit und reproduktive Rechte stärker als bisher wahrnehmen», forderte die DSW.

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