Wie Wolf Biermann mit seinen Liedern einen Staat ins Wanken brachte
Der heute 90-jährige DDR-Dissident Wolf Biermann steht wie kein Zweiter dafür, dass Lyrik und Lieder politische Sprengkraft haben können. Seine Ausweisung aus der DDR vor 50 Jahren läutete den Anfang vom Ende des deutschen «Arbeiter- und Bauernstaats» ein.

Im Leben von Wolf Biermann fallen zwei Daten nahezu zusammen: Am 15. November sein Geburtstag – in diesem Jahr sein 90. – und am 16. November jährt sich seine Ausweisung aus der DDR – nun zum 50. Mal.
Am 13. November 1976 hatte er ein Konzert in der Sporthalle der westdeutschen Stadt Köln gegeben. In der Folge bürgerte ihn die DDR aus – wegen lästerlicher Lieder auf den Sozialismus im allgemeinen und auf den ersten «Arbeiter- und Bauernstaat» im besonderen. Der unerwartete Protest prominenter DDR-Künstlerinnen und -Künstler wie Christa Wolf, Stephan Hermlin oder Heiner Müller gegen die Verbannung des populären Liedermachers läutete damals den Anfang vom Ende der DDR ein. Bis zum endgültigen Kollaps sollte es allerdings noch bis 1989 dauern.
Populär trotz Berufsverbot
Schon 1963 hatte ihn die DDR-Staatspartei SED ausgeschlossen und ihm Klassenverrat und Obszönität vorgeworfen, was Berufsverbot zur Folge hatte. Im eigenen Land durfte er keine Zeile veröffentlichen, aber im Westen wurden seine Songs so populär, dass sie – heimlich kopiert – massenhaft auch in der DDR kursierten.
Ein Dorn im Auge waren den DDR-Oberen Zeilen wie: «Du, lass dich nicht verhärten/In dieser harten Zeit/Die all zu hart sind, brechen/Die all zu spitz sind, stechen/Und brechen ab sogleich». Das Zitat stammt aus dem Lied «Ermutigung» (1968). Biermann selbst nannte es «ein Stück Seelenbrot» und richtete es insbesondere an die Insassen von DDR-Gefängnissen. Die Oppositionellen machten es zur inoffiziellen Hymne der DDR.
Insgesamt 25 Jahre hatte Biermann in der DDR verbracht. Sein Vater, ein kommunistischer Jude, war von den Nationalsozialisten im KZ Auschwitz ermordet worden. Seine Mutter Emma hatte ihren Sohn mit 16 Jahren aus der Heimatstadt Hamburg in die DDR geschickt, damit er dort die kommunistischen Ideen seines Vaters umsetze. Doch nach unverhohlener Begeisterung zu Beginn war Biermann mit seinen subversiv-poetischen Liedern zusehends angeeckt bei den Machthabern.
Biermann selbst erlebte seine Ausbürgerung zunächst «als das Ende von Wolf Biermann», wie er sich später erinnerte. «Ich dachte, es ist aus mit mir, mit meinem Leben, als Liedermacher und Dichter. Na klar habe ich geflennt.»
«Vom Regen in die Jauche»
Nach anfänglich schwierigen Jahren – er sei vom «Regen in die Jauche» gekommen, sagte er selber – veröffentlichte er zahlreiche Lyrik- und Prosabände, darunter «Chausseestrasse 131». Das ist die Adresse seiner letzten Wohnung in Ost-Berlin gleich neben dem Friedhof, wo Bertolt Brecht beerdigt wurde. Dort gab Biermann während seines Berufsverbots seit 1965 seine inzwischen legendären «Hauskonzerte».
Doch auch in Westdeutschland blieb er ein Unbequemer. Politisch mischt er sich bis heute ein. Auch bei Auftritten in der Schweiz nahm er kein Blatt vor den Mund. So stiessen ihm die «sensiblen Schweizer Intellektuellen» sauer auf, die notorisch unglücklich darüber seien, dass es ihnen so gut gehe. «Da müsst ihr durch» sagte er in Zusammenhang mit einem Auftritt am Zürcher Schauspielhaus Ende 1996.
Trotzdem oder gerade deswegen zählt Biermann zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart. Mit Preisen wurde er überhäuft: vom Georg-Büchner-Preis über den Heinrich-Heine-Preis bis zum Deutschen Nationalpreis. Auch als Nachdichter von Shakespeare oder Bob Dylan machte er sich einen Namen.
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