Regisseurin Petra Volpe: «Die Geschichte hat mich gefunden»
Die Schweizer Regisseurin Petra Volpe ist mit ihrem Drama «Frank & Louis» in Locarno. Im Gespräch erzählen sie und ihre Hauptdarsteller Kingsley Ben-Adir und Rob Morgan, wie sie im Gefängnis-Setting Menschlichkeit zeigen wollten, ohne zu beschönigen.

Als das Drehbuch für «Frank & Louis» bei den Hauptdarstellern auf den Tisch lag, seien sie berührt gewesen. «Es kommt nicht oft vor, dass man ein Skript vor sich hat, dessen scheinbar simple Handlung so viele Zwischentöne und Feinheiten in sich trägt», sagt der britische Schauspieler Kingsley Ben-Adir in Locarno im Gespräch mit Keystone-SDA. In Petra Volpes Drama verkörpert er Frank, einen verurteilten Mörder und Häftling in einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis.
Der US-amerikanische Darsteller Rob Morgan spielt seinen Gegenpart, den an Alzheimer erkrankten Insassen Louis. Dieser soll sich in jungen Jahren bei einem Überfall beteiligt haben, erzählt im Film ein Häftling. Klar ist, dass er vor seiner Erkrankung ein gefürchteter Mann war.
Rob Morgan habe in dieser schweizerisch-britischen Produktion dabei sein wollen, weil es kein Gefängnisfilm im klassischen Sinne sei, sagt er. «Diese sehr verletzliche Seite der Protagonisten in einem eigentlich toxischen Umfeld zu zeigen, das hat mich eingenommen», sagt er.
Petra Volpe erzählt in ihrem neuen Film, der am Montag in Locarno auf der Piazza Grande Europapremiere hatte, die anfänglich schwierige Beziehung der beiden Gefängnisinsassen: Frank sitzt eine lebenslange Haftstrafe ab und will seine Chancen auf eine frühere Entlassung erhöhen, indem er den an Demenz erkrankten Mitinsassen Louis betreut.
Doch Louis ist verwirrt, auch mal aggressiv und will sich erst nicht helfen lassen. Frank frustriert das zeitweise dermassen, dass er auch zu unmoralischen Mitteln greift. Als die Verbindung der beiden tiefer wird, geschieht etwas mit Franks Innenleben.
Nach dem Spital der Knast
In «Heldin», dem offiziellen Schweizer Beitrag im Rennen um einen Auslandsoscar 2026, führte Petra Volpe durch einen stressigen Arbeitstag in einem Schweizer Spital. Nun, in ihrem neuen Film, nimmt sie die Zuschauenden mit in ein Gefängnis in den USA – und betritt damit in ein Setting, das beinahe schon ein eigenes amerikanisches Filmgenre bildet. Man denke etwa an Frank Darabonts «The Shawshank Redemption» (1994) und «The Green Mile» (1999), «Brawl in Cell Block 99» von S. Craig Zahler (2017) oder an die HBO-Serie «The Night Of» (2016).
Ausgesucht habe sie sich dieses Umfeld nicht – und schon gar nicht habe sie sich dabei an solchen Werken orientiert, sagt die Schweizer Filmemacherin: «Die Geschichte hat mich gefunden.»
Von der Co-Drehbuchautorin Esther Bernstroff erfuhr sie von einem Programm in einem kalifornischen Gefängnis, bei dem Insassen die Betreuung ihrer demenzkranken Mitbewohner übernehmen. Die sogenannten «Gold Coats» sind im Trakt an ihren gelben Westen zu erkennen.
Das Programm wurde ins Leben gerufen, weil die Zahl an Häftlingen mit Demenz in den USA zunimmt und die Gefängnisse nicht über genügend Ressourcen für deren Betreuung verfügen.
Volpe besuchte das Gefängnis zweimal, erstmals 2014. Sie sprach mit den «Gold Coats» beispielsweise darüber, was diese Arbeit mit ihnen macht. Die Idee für das Drama «Frank & Louis» reicht damit mehr als zehn Jahre zurück – und entstand noch vor jener für «Heldin».
Pflege und Betreuung wird somit auch in «Frank & Louis» wieder zentral. Sie interessiere sich dafür, weil Care-Arbeit alle betreffe: «Sich um andere zu kümmern, ist zutiefst menschlich und verbindet.»
Frank wird nicht zum Unschuldigen
Eine Gratwanderung des Films besteht darin, nicht ins Kitschige abzudriften. Schliesslich ist Frank ein verurteilter Mörder. Zwar ist da immer wieder viel Zärtlichkeit, doch der Film hat nicht etwa die Absicht, seine Figuren von ihren Taten reinzuwaschen.
Vom Drehbuch, über das Schauspiel und die Musik bis hin zum Schnitt sei stark darauf geachtet worden, nicht in diese sentimentale Falle zu tappen, sagt Volpe. «Das wäre nicht komplex genug.»
Kingsley Ben-Adir verkörpert im Film diese Ambivalenz: Frank sehnt sich unbedingt nach seiner Freilassung, scheint sich aber nicht mit Vergebung und Reue auseinandergesetzt zu haben. «Die Rolle von Frank war für mich so herausfordernd wie noch keine andere», so Ben-Adir.
Er habe sich zwar in das Drehbuch verliebt, sagt er. Bei der Lektüre aber habe er keine Sekunde geglaubt, die Figur bereits zu kennen: «Wie verkörpert man jemanden, der schon 20 Jahre in Haft ist? Was ist das für ein Leben, wie bewusst wird es geführt? All diese Fragen führten zu langen Diskussionen.»
Indessen setzte sich Louis-Darsteller Rob Morgan intensiv mit Alzheimer auseinander. Er traf sich mit zwei Paaren, die mit der Krankheit leben. Beide erkrankten Männer sind in ihren 50ern, die Demenz unterschiedlich weit fortgeschritten. «Ich wollte dem Skript so gerecht werden, dass ich es nach den Treffen mit den Betroffenen auch mit meinem einstigen Schauspiel-Coach durchgegangen bin.»
Erstmals Regie auf Englisch
Acht Nationen seien am Filmset für Petra Volpes englischsprachiges Spielfilmdebüt zusammengekommen. Gedreht wurde mehrheitlich in einem leerstehenden Gefängnis in England, ein kleiner Teil in Winterthur.
«Ein bisschen nervös war ich schon, auf Englisch Regie zu führen», sagt sie. «Manchmal konnte ich vielleicht nicht ganz so präzise sein, wie ich es im Deutschen bin.» Gleichzeitig sei die Arbeit an diesem internationalen Set befreiend gewesen: «Auch das Schweizerdeutsche hat manchmal seine Grenzen.» Ausserdem, meint Rob Morgan, habe oft ein Lächeln oder Weinen gereicht – «Und alles war gesagt!»










