Die vielleicht letzte grosse Rolle für Jean-Luc Bideau

Keystone-SDA
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Locarno,

Am laufenden Locarno Film Festival ist der Schweizer Schauspieler Jean-Luc Bideau doppelt vertreten: Am Samstagabend wird er auf der Piazza Grande mit einem Spezialpreis für sein Lebenswerk geehrt. Am Sonntag ist er im Film «Ah que le bonheur est proche!» zu sehen.

Jean-Luc Bideau prägte den Neuen Schweizer Film. Beim diesjährigen Locarno Film Festival wird er mit einem «Pardo speciale alla carriera» ausgezeichnet und ist auf der Leinwand in der...
Jean-Luc Bideau prägte den Neuen Schweizer Film. Beim diesjährigen Locarno Film Festival wird er mit einem «Pardo speciale alla carriera» ausgezeichnet und ist auf der Leinwand in der... - Keystone/SALVATORE DI NOLFI

Er vertrat den Neuen Schweizer Film. Heute glaubt der 86-jährige Jean-Luc Bideau, seine Karriere einer Improvisation in einem Film von Michel Soutter zu verdanken. Der Genfer Regisseur Soutter (1932–1991) war neben Alain Tanner, Claude Goretta, Jean-Louis Roy und Jean-Jacques Lagrange eines der Gründungsmitglieder der Groupe 5. Das Kollektiv verkörperte ab Ende der 1960er-Jahre mit die Erneuerung des Westschweizer Kinos.

Im Gespräch mit Keystone-SDA erinnert sich der gebürtige Genfer Bideau zurück: «Wir haben 1970 diesen Film gedreht, 'James ou pas', der – wie alle Filme von Soutter – sehr poetisch und schwer zu verfolgen war. Er sagte zu mir: Improvisiere.»

Was dabei rauskam, habe dann Alain Tanner und Claude Goretta so beeindruckt, glaubt Bideau, dass wegweisende Filme wie «La Salamandre» mit der französischen Schauspielerin Bulle Ogier (1971) und die Sozialsatire «L'invitation» (1973) für ihn folgten.

Zwar wirkte Bideau in ganz unterschiedlichen Werken mit, bekannt ist er bei vielen für seine schrägen Figuren und seinen ironischen Humor. Der Schauspieler arbeitete mit international bekannten Regisseuren wie Claude Chabrol und Costa-Gavras.

Er spielte im französischen Publikumserfolg «Et la tendresse ?... Bordel!» (1979) eine wichtige Rolle. Rückblickend meint er, seiner Karriere mit zu vielen lukrativen Projekten, bei denen es in erster Linie um Geld ging, geschadet zu haben.

«Ich habe nicht aufgepasst»

«Ich habe Blödsinn gemacht, sinnlose Fernsehrollen angenommen», sagt er. Seine Persönlichkeit sei dadurch ein wenig in den Hintergrund geraten. «Ich habe nicht aufgepasst.»

Spielt er dann in einem Film mit, scheint dagegen kein grosses Aufpassen angesagt zu sein, vielmehr verfolgt er einen instinktiven Ansatz: «Ich bin kein Schauspieler, der seine Rolle einstudiert. Ich lerne meine Texte sehr schlecht auswendig und schlüpfe nach und nach in die Figur.»

Beeinflusst hat ihn seine Frau Marcela Salivarova-Bideau, die unter anderem eine vielbeachtete Inszenierung am Pariser Traditionstheater Comédie-Française realisiert hat, wodurch Bideau dort als festes Ensemblemitglied aufgenommen wurde. Ihr schreibt er einen entscheidenden Einfluss auf seine Laufbahn zu, auch weil sie seine Schwächen kenne.

Don Quijote im Wahn

In Locarno ist Bideau einerseits als Spezial-Ehrenpreisträger, aber auch auf der Leinwand zu sehen. Im Film «Ah que le bonheur est proche!» des französischen Regisseurs François-Christophe Marzal, der am Sonntag in Locarno Weltpremiere hat, gibt er einen alternden Schauspieler, der Don Quijote verkörpert. Zum Verhängnis könnten ihm im Film sein Gedächtnis und Halluzinationen werden, sodass die Filmproduktion gleich ein Stuntdouble engagiert – als Prävention sozusagen. In der Überzeugung, dieser wolle ihm die Rolle klauen, versinkt der Schauspieler nach und nach im Wahn.

Es könnte eine der letzten grossen Rollen von Jean-Luc Bideau im Kino sein – auch wenn der Schauspieler offen ist für neue Angebote. «Ich möchte immer noch drehen, aber ich bin ein bisschen erschöpft.» Und dennoch, wenn er nach dieser Hommage in Locarno ein letztes Geschenk erhalten sollte, wäre es dieses: «Es reicht schon, wenn sich neue Regisseure wegen eines weiteren Films bei mir melden.»

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