Alexander Schallenberg ist als Österreichs neuer Kanzler vereidigt worden. Er glaubt in der Korruptionsaffäre an die Unschuld seines Vorgängers.
schallenberg
Die Vereidigungszeremonie in der Wiener Hofburg. - APA/AFP

Das Wichtigste in Kürze

  • Alexander Schallenberg ist der neue österreichische Kanzler.
  • Gegen seinen Vorgänger wird wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und Untreue ermittelt.
  • Schallenberg glaubt jedoch an die Unschuld von Sebastian Kurz.

Mit der Vereidigung des neuen Kanzlers Alexander Schallenberg (ÖVP) zieht Österreich einen Schlussstrich unter eine kurze, aber heftige Regierungskrise.

Der bisherige Aussenminister folgt auf den bisherigen Regierungschef Sebastian Kurz. Gegen Kurz und sein Umfeld wird wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und Untreue ermittelt.

Mit den mitregierenden Grünen unter Werner Kogler wolle er gemeinsam im Sinne Österreichs arbeiten. Dies sagte der 52-jährige neue Kanzler am Montag nach seiner Vereidigung durch Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

strache kurz
Sebastian Kurz (l), ehemaliger österreichischer Bundeskanzler (ÖVP), und der ehemalige Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) während des Pressefoyers im Rahmen einer Sitzung des Ministerrats im Bundeskanzleramt. - dpa

«Gemeinsam mit Vizekanzler Werner Kogler werde ich alles daran setzen, die entstandenen Gräben zuzuschütten. Und die gemeinsame Sacharbeit wieder in den Vordergrund zu stellen», sagte der 1969 in Bern geborene Diplomatensohn. Zugleich bekannte Schallenberg sich zu einer engen Zusammenarbeit mit seinem Vorgänger Kurz. Dies war in dieser Deutlichkeit durchaus überraschend.

«Alles andere wäre demokratiepolitisch absurd», verwies er auf dessen einflussreiche Rolle als ÖVP-Partei- und Fraktionschef. Obendrein glaube er in der Korruptionsaffäre an die Unschuld seines Vorgängers.

Wichtige Weichen in ÖVP gestellt

Auch Kogler hat sich dazu bekannt, die Koalition von ÖVP und Grünen nun bis 2024 fortzusetzen. Eine für Dienstag anberaumte Sondersitzung des Nationalrats wird die Opposition zwar zur Abrechnung mit dem «System Kurz» nutzen wollen.

Aber die Sprengkraft für die Koalition ist nach dem Rücktritt von Kurz dahin. Der Spitzenpolitiker soll seinen Aufstieg auch mithilfe von Steuergeldern und geschönten Umfragen arrangiert haben. Kurz bestreitet die Vorwürfe.

Unterdessen werden ÖVP-intern wichtige Weichen gestellt. Bemerkenswert ist eine Aussage des Landeshauptmanns der Steiermark, Hermann Schützenhöfer.

Auf die Frage, ob Kurz wieder als ÖVP-Spitzenkandidat infrage käme, sagte der Landespolitiker der «Kleinen Zeitung»: «Wir konzentrieren uns jetzt auf den Alexander Schallenberg.»

Schallenberg
Alexander Schallenberg kurz vor seiner Vereidigung als Kanzler. - keystone

«Die gerichtlichen Verfahren (Anm.: gegen Kurz), die es abzuwarten gilt, werden mehrere Wahlen überleben. Insofern halte ich Ihre Frage für theoretisch.» Schallenberg «ist keine Puppe», ist sich Schützenhöfer sicher.

Ex-Kanzler Kurz bleibt als ÖVP-Chef und künftiger Fraktionschef weiterhin mächtig. Im Kabinett sitzen mit Agrarministerin Elisabeth Köstinger, Kanzleramtsministerin Karoline Edtstadler und Finanzminister Gernot Blümel engste Vertraute des 35-Jährigen. Viele im Machtgefüge haben Kurz viel zu verdanken. Loyalität über den Rücktritt hinaus ist sehr wahrscheinlich.

Jahrelange Zusammenarbeit von Schallenberg und Kurz

Schallenberg ist Diplomat. Und damit auch aus Sicht von Bundespräsident Van der Bellen bestens geeignet, zwischen den Bündnispartnern wieder ein Vertrauensverhältnis zu schaffen.

«Wir erwarten doch alle, dass die Regierung jetzt gemeinsam wieder an die Arbeit geht und gemeinsam etwas weiter bringt.» Dies sagte das Staatsoberhaupt bei der Vereidigung. Als neuer Aussenminister Österreichs wurde Michael Linhart vereidigt. Der 63-Jährige arbeitete zuletzt als Botschafter in Paris.

Der neue und der alte Regierungschef, Schallenberg und Kurz, haben jahrelang zusammengearbeitet. Als Kurz vor seiner Zeit als Kanzler noch Aussenminister war, beriet ihn der welt- und sprachgewandte Schallenberg als Chefstratege.

schallenberg
Alexander Schallenberg ist neuer österreichischer Bundeskanzler. - dpa-infocom GmbH

Im Jahr 2019 wurde Schallenberg Aussenminister in einem Übergangskabinett und wechselte in gleicher Funktion in das neue Kabinett von Kurz. Schallenberg entstammt einer ehemaligen Adelsfamilie. Als Sohn eines Diplomaten wuchs er in Indien, Spanien und Frankreich auf.

Der neue Kanzler vertritt eine genauso restriktive Haltung in Sachen Migration wie sein Vorgänger. Er hat mitunter auch die EU-kritischen Töne von Kurz unterstützt.

«Ich glaube, ein pragmatischer und realistischer Blick auf die EU ist das Beste für die EU. (...) Wir haben grosses Interesse daran, dass dieses Projekt auch Erfolg hat», sagte er einmal.

Schallenberg warnt vor Klimawandel

Sticheleien gegen die deutsche Kanzlerin Angel Merkel gehörten bislang nicht zu seinem Repertoire. Solche waren immer wieder von Kurz zu hören. Beim Klimawandel ist Schallenberg ganz auf der Seite der Warner.

«Das ist der Super-GAU unter den Krisen. Die Uhr tickt. (...) In Wahrheit müssten wir mehr Alarmismus schaffen», sagte er jüngst bei einer Rede vor den Vereinten Nationen.

Die Spitzen der EU-Institutionen haben dem neuen Regierungschef Österreichs zu seinem neuen Amt gratuliert. «Ich freue mich auf weitere erfolgreiche Zusammenarbeit für Österreich und Europäische Union. Und wünsche eine glückliche Hand für die anstehenden Aufgaben», schrieb EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen auf Twitter.

Die turbulenten Ereignisse seit voriger Woche erinnern an die Ibiza-Affäre von 2019. Damals war Vize-Kanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache auch auf massiven Druck von Kurz sehr schnell von allen politischen Ämtern zurückgetreten. Er verspüre weder Genugtuung noch Schadenfreude, sagte der 52-Jährige dem Sender «Puls24» am Montag.

«Man kann vielleicht festhalten, dass das, was Sebastian Kurz gesät hat, er auch geerntet hat», fügte er hinzu. Er habe Kurz, der bald Vater wird, in einem kurzen Telefonat darauf hingewiesen: Das Wichtigste im Leben sei die Familie. «Das ist letztlich der Sinn des Lebens», sagte Strache.

Mehr zum Thema:

Ursula von der Leyen Europäische Union Sebastian Kurz Regierungschef Klimawandel Botschafter Opposition Regierung Migration Twitter Vater FPÖ EU