Bislang ging der Karlspreis oft an Politiker in Amt in Würden. 2022 aber werden drei oppositionelle Aktivistinnen aus Belarus ausgezeichnet. Zwei wollen die Auszeichnung selbst entgegennehmen.
Maria Kolesnikowa (l-r), Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo. Foto: Sergei Grits/AP/dpa
Maria Kolesnikowa (l-r), Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo. Foto: Sergei Grits/AP/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Karlspreis 2022 geht an die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja und zwei ihrer Mitstreiterinnen.

Damit würden Tichanowskaja sowie Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo für ihren mutigen und ermutigenden Einsatz auch für Freiheit, Demokratie und für die Aufrechterhaltung der Menschenrechte ausgezeichnet, teilte das Direktorium des Internationalen Karlspreises zu Aachen am Freitag mit. Der Vorsitzende Jürgen Linden sagte, alle drei hätten den Preis «mit grosser Freude» angenommen.

Tichanowskaja schrieb auf Twitter, sie fühle sich «zutiefst geehrt» von der Auszeichnung. Zepkalo erklärte, der Preis gehe an alle Belarussen, «die ihren Kampf nicht aufgeben».

Tichanowskaja ist das Gesicht der Opposition gegen den autoritären Machthaber Alexander Lukaschenko. Als ihr Ehemann bei der Präsidentschaftswahl in Belarus (Weissrussland) nicht antreten durfte, kandidierte sie im vergangenen Jahr selbst. Erneut zum Sieger ausrufen liess sich damals der oft als «letzter Diktator Europas» kritisierte Lukaschenko. Der Westen erkennt dies nach Berichten über massive Fälschungen aber nicht an. Inzwischen lebt die 39-jährige Tichanowskaja im Exil in Litauen. Ihr Mann sitzt in Belarus in Haft.

Preisvergabe sei das Signal an eine ermüdende Gesellschaft

«Dies wird ein Karlspreis, wie er in der 71-jährigen Geschichte des Preises noch nicht vorgekommen ist», sagte Linden. Die drei Leitfiguren der demokratischen belarussischen Opposition seien Symbole für den Geist der Freiheit. Ihr Einsatz gegen die brutale staatliche Willkür, Folter, Unterdrückung und die Verletzung elementarer Menschenrechte habe zutiefst beeindruckt. Mit der Preisvergabe sei das Signal an eine ermüdende europäische Gesellschaft verbunden, wieder kämpferisch für die europäischen Werte einzutreten. Gerade an den Aussengrenzen der Union zeige sich die brüchige Kostbarkeit der Friedens- und Freiheitsordnung.

Tichanowskaja wird von Kolesnikowa, die Anfang September in einem international kritisierten Prozess zu elf Jahren Straflager verurteilt wurde, und Zepkalo unterstützt. Die beiden in Freiheit lebenden Frauen wollten den Preis selbst entgegennehmen. Für Kolesnikowa wolle ihre Schwester kommen, sagte Linden. Kolesnikowa sei im Moment in Minsk inhaftiert. Er habe gehört, dass sie in ein Provinzgefängnis verlegt werden solle.

Die Ehrung soll am 26. Mai 2022 im Krönungssaal des Aachener Rathauses übergeben werden. Der Karlspreis wird seit 1950 für besondere Verdienste um die europäische Einigung verliehen. Zuletzt war im Oktober der rumänische Präsident Klaus Iohannis für seine pro-europäische Haltung geehrt worden.

Aachens Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen (parteilos) sagte, mit diesen Preisträgerinnen werde der Karlspreis in die Zukunft getragen. «Dieses Engagement der Frauen berührt unendlich», sagte Keupen. Sie stünden auch für eine neue Form von politischer Auseinandersetzung. Sie erwähnte auch die immer wieder gezeigten Gesten der drei Frauen: Faust, Victory-Zeichen und Herz.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) würdigte, die Preisträgerinnen hätten gewaltfrei eine demokratische Bewegung in Gang gesetzt. «Sie treten ein für die Ideale, die Europa gross gemacht haben und Europas Fundament bilden», erklärte er.

Mit dem politischen Preis wurden bislang vor allem Menschen in Amt und Würden geehrt. Dazu gehören Ex-Kanzlerin Angela Merkel, der frühere Premierminister Tony Blair oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Die Auszeichnung erinnert an Karl den Grossen (747/748-814), dessen Reich sich über einen Grossteil Westeuropas erstreckte.

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