Je nach Geschlecht: Schon Neugeborene haben Präferenzen
Zufall oder angeboren? Mädchen schauen auf Gesichter, Jungen auf Dinge – und das schon kurz nach der Geburt.

Das Wichtigste in Kürze
- Forscher testen 130 Babys bereits 33 Stunden nach der Geburt.
- Weibliche Babys schauen länger auf Gesichter, männliche eher auf Objekte.
- Die Studie liefert Hinweise auf Biologie, beweist aber keine festen Geschlechterrollen.
Wie stark sind Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen anerzogen statt angeboren? Diskutiert und erforscht wird das schon seit Jahrzehnten – für einen Aspekt legt ein Forschungsteam nun ein Studienergebnis vor.
Unterschiede bei der Aufmerksamkeit für bestimmte Dinge gibt es demnach schon bei Neugeborenen. Männliche Säuglinge widmen dem Betrachten sozialer Reize – wie Gesichtern – einen kleineren Zeitanteil als weibliche. Das berichten die Wissenschaftler im Fachjournal «Biology of Sex Differences».
Frauen als soziale Wesen, die die Familie zusammenhalten, – und Männer als «Mann fürs Grobe»: Technisch interessiert und versiert, aber häufiger mal mit Defiziten im Sozialen.

Solche oder ähnliche Bilder von den Geschlechtern stecken in vielen Köpfen. Schon im Kindergarten sind Mädchen gerne bei Spielen wie «Mutter, Vater, Kind» dabei. Jungs flitzen dagegen eher umher oder werkeln in der Bauecke.
Seit langem schwelt die Frage: Ist das angeboren? Oder doch eher anerzogen?
Einfach zu ergründen ist das nicht, weil soziale Einflüsse sehr früh beginnen. Eltern, Betreuungspersonen, Geschwister, Gleichaltrige, Medien und Institutionen: Sie vermitteln – bewusst oder unbewusst – Erwartungen darüber, was als typisch für Mädchen oder Jungen gilt.
Schon das Design von Schnullern und Greiflingen ist geschlechtsspezifisch. Selten bekommt ein Junge als Kleinkind eine Puppe geschenkt – und selten ein Mädchen eine Spielzeug-Bohrmaschine.
Was ist angeboren?
Forschungsergebnisse zeigen, dass Mädchen im Durchschnitt früher sprechen lernen und ihre sozialen Fähigkeiten schneller entwickeln als Jungen. Doch geht das auf biologische Faktoren oder die Sozialisation zurück?
Zur Klärung ergründen Wissenschaftler, welche Geschlechtsunterschiede bereits direkt nach der Geburt bestehen, also bevor Gesellschaft und Kultur die Entwicklung beeinflussen.
Eine im Jahr 2000 veröffentlichte Studie der Universität Cambridge hatte bereits darauf hingewiesen. Mädchen würden bei der Geburt im Durchschnitt länger Gesichter betrachten. Jungen dagegen betrachten im Durchschnitt länger Objekte.
130 Neugeborene
Das Team um Yumnah Khan von der Universität Cambridge bezog nun 130 Neugeborene in eine Studie mit verbesserter Auswertung ein.
Die Babys wurden im Mittel 33 Stunden nach der Geburt getestet. Ihnen wurde gleichzeitig ein Video eines menschlichen Gesichts mit wechselnder Mimik sowie eines von einer Reihe schwingender Metallkugeln gezeigt.

Unabhängig vom Geschlecht betrachteten die Neugeborenen bevorzugt das Gesicht, wie die Forschenden berichten. Diese Präferenz war aber bei weiblichen Säuglingen stärker ausgeprägt: Im Mittel verbrachten sie anteilig einen grösseren Teil der Zeit damit, den sozialen Reiz zu betrachten, als männliche Säuglinge.
Männliche Neugeborene wiederum verbrachten im Vergleich zu weiblichen einen grösseren Anteil ihrer Zeit damit, das Objekt zu betrachten.
Hinweise, keine Beweise
Die Forschenden sehen darin einen möglichen Hinweis auf biologische Faktoren in der Schwangerschaft. Dazu zählen etwa Hormonspiegel und Genetik. Es seien allerdings auch andere Gründe möglich, etwa Unterschiede im Reifungsstand oder in visuellen Merkmalen der gezeigten Reize.
Zudem gebe es einen Faktor zu berücksichtigen: «Die Unterschiede, die wir feststellen, gelten nicht für alle männlichen oder alle weiblichen Säuglinge. Sondern zeigen sich im Durchschnitt nur beim Vergleich von Gruppen männlicher und weiblicher Säuglinge.»
Das erklärte Mitautorin Carrie Allison von der Universität Cambridge. «Innerhalb jedes Geschlechts gibt es grosse Schwankungen und Überschneidungen.»
Das Team möchte nun weiter ergründen: Tragen die frühen geschlechtsspezifischen Unterschiede zu späteren Unterschieden in der Psyche, im Gehirn und im Verhalten der Kinder bei?
«Wichtige Ausgangspunkte»
«Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Geburt sind wichtige Ausgangspunkte. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie nicht vollständig bestimmen, wie Kinder im späteren Leben lernen und sich entwickeln.» Das sagte Mitautor Alex Tsompanidis, ebenfalls von der Universität Cambridge.
Biologische und soziale Faktoren stünden stets in Wechselwirkung und trügen so zur Vielfalt menschlicher Gesellschaften bei.












