Aus der Schaltsekunde für Uhren beschlossen
Die Schaltsekunde wird abgeschafft. Das hat die Generalkonferenz für Mass und Gewicht (CGPM) am Donnerstag in Versailles bei Paris entschieden. Die neue Regelung gilt ab dem 20. Mai 2027.

Bisher wurde immer wieder einmal eine Schaltsekunde eingefügt, um unsere Uhren mit der astronomischen Zeit in Einklang zu halten. Mit der Entscheidung will die CGPM für mehr Stabilität sorgen.
Bei der Zeitmessung gibt es zwei verschiedene Grundlagen. Die koordinierte Weltzeit UTC basiert auf der Messung von Atomuhren. Die astronomische Zeit (UT1, Universalzeit) wird durch die Erdrotation bestimmt. Die Atomuhren liefern eine konstante Zeit. Die Rotationsgeschwindigkeit der Erde hingegen schwankt geringfügig, von Tag zu Tag, von Jahreszeit zu Jahreszeit und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Das wiederum bedeutet, dass die beiden Zeitskalen leicht voneinander abweichen.
Um die Zeiten möglichst gleich zu halten, galt bisher, dass UTC und UT1 maximal 0,9 Sekunden voneinander abweichen dürfen. War die Differenz erreicht, wurde eine Schaltsekunde eingefügt. Das ist seit der Einführung des Verfahrens 1972 genau 27 Mal geschehen, entschieden vom Internationalen Erdrotations- und Referenzsystemdienst (IERS). Zuletzt wurde Ende 2016 eine Schaltsekunde eingefügt. Die zusätzliche Sekunde wurde in der Vergangenheit entweder am Ende des 30. Juni oder des 31. Dezember eingeschoben. Diese eine Minute hatte dann 61 statt der üblichen 60 Sekunden.
Künftig soll die Koordinierte Weltzeit nach Entscheidung der Generalkonferenz bis zu 3600 Sekunden – also eine ganze Stunde – von der astronomischen Zeit abweichen dürfen. Die Fachleute hoffen, dass die Zeiterfassung so für mehrere Jahrhunderte nicht angepasst werden muss.
Die Konferenz hat sich für diesen Schritt entschieden, weil die Sekunde für Menschen zwar meist unbemerkt bleibt, in Computersystemen aber Störungen verursachen kann. Auch kritische Infrastruktur wie Energieversorgung, Telekommunikation oder Verkehr brauchen laut CGPM eine konstante Zeit ohne Anpassungen.
Schon in der Vergangenheit war über ein Aus der Schaltsekunde diskutiert worden. Dass die CGPM sich nun schon früher als einst angedacht für diesen Schritt entschied, liegt daran, wie die Erdrotation sich zuletzt verändert hat. Über sehr lange Zeiträume wird diese durch Gezeitenkräfte von Mond und Sonne gebremst. In den vergangenen Jahren allerdings hat sich die Erdrotation laut CGPM leicht beschleunigt.
Gemäss Fachleuten bestand dadurch die Möglichkeit, dass erstmals eine Sekunde abgezogen und nicht hinzugefügt werden müsste, um UTC und UT1 wieder anzugleichen.
Dies würde «ein völlig neues Ereignis darstellen», hiess es vom Bundesamt für Metrologie (Metas) im Vorfeld der Entscheidung auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Viele Systeme seien ausschliesslich für den Fall einer positiven Schaltsekunde entwickelt und getestet worden. Die Reaktionen bestimmter Hard- und Softwaresysteme, die auf ein solches Szenario nicht vorbereitet sind, seien «potenziell unvorhersehbar». «Betroffen sein könnten Telekommunikationssysteme, Computernetzwerke, gewisse Finanzmarktinfrastrukturen oder industrielle Anwendungen, die auf eine genaue Zeitsynchronisation angewiesen sind.»
Im Alltag dürfte die Abschaffung der Schaltsekunde kaum auffallen. «Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung würde der Ersatz der Schaltsekunde durch eine Schaltstunde völlig unbemerkt bleiben», so das Metas.
Der Unterschied zwischen der Zeit der Erdrotation und jener der Atomuhren sei sehr klein. «Über einen Zeitraum von hundert Jahren würde die Abweichung lediglich einige Dutzend Sekunden betragen. Eine solche Differenz ist im Alltag nicht wahrnehmbar und hat für die meisten Anwendungen keine praktischen Konsequenzen» so das Metas. «Die Sonne wird beispielsweise auch künftig praktisch mit derselben Genauigkeit wie heute um die lokale Mittagszeit ihren höchsten Stand erreichen.»
Eine Abschaffung der Schaltsekunde bedeute ausserdem nicht, dass man die Verbindung zwischen der Zeit auf unseren Uhren und dem astronomischen Phänomen aufgebe. «Vielmehr verschiebt sie die Notwendigkeit allfälliger grösserer Anpassungen in eine sehr ferne Zukunft», heisst es vom Metas. «Künftige Generationen werden damit mehrere Jahrhunderte Zeit haben, um zu entscheiden, wie mit dieser allmählich zunehmenden Differenz am besten umzugehen ist.»
Auswirkungen könnte die Änderung vor allem für diejenigen haben, die mit der astronomischen Zeit arbeiten – etwa Astronomen oder Fachleute der Geodäsie, der Vermessung der Erdoberfläche.










