Tourismusförderung in einem Vorarlberger Bergdorf und Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit: Eine Theaterwanderung schafft beides. Die Inszenierung zeigt Flüchtlingsbiographien aus der NS-Zeit an Originalschauplätzen, die sich Publikum und Schauspieler erwandern.
Die Montafoner Theaterwanderung erzählt auch die tragische Fluchtgeschichte von zwei jüdischen Schwestern.
Die Montafoner Theaterwanderung erzählt auch die tragische Fluchtgeschichte von zwei jüdischen Schwestern. - sda - Montafon Tourismus
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Das Wichtigste in Kürze

  • Gargellen, der höchstgelegene Ort im Montafon, war ab April 1938, nach dem gewaltsamen Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland, einer der wichtigsten Orte, von denen aus Flüchtlinge in die Schweiz zu gelangen versuchten.

Manche wagten die riskante Flucht über die Berge allein, manche mit Fluchthelfern.

Zeitzeugenberichte und Dokumente überliefern die Geschichte des deutschen Deserteurs Nikolaus Staudt, der sich im September 1944 einem einheimischen Fluchthelfer anvertraute, um sicher in die Schweiz zu gelangen.

Der Schlepper gab vor, Staudt helfen zu wollen und führte ihn aufs Gafierjoch bei Gargellen. Zuvor hatte er jedoch die Grenzschutzbeamten über den Fluchtversuch informiert. Der Medizinstudent wurde bei der Verhaftung tödlich verwundet.

Das tragische Schicksal des jungen Mannes brachte den Heimatforscher Friedrich Juen und das Teatro Caprile vor zehn Jahren zusammen. Beide suchten nach authentischen Fluchtgeschichten im Montafon. «Damals gab es noch einige Zeitzeugen», sagt Juen. Heute sei es für Gemeinden, die erst jetzt mit der Aufarbeitung beginnen würden, schwierig, die Ereignisse nachzuzeichnen.

Der Leichnam von Nikolaus Staudt wurde in Gargellen beerdigt. Das war allerdings erst aufgrund der nachdrücklichen Forderung des damaligen Paters möglich. Die Theaterwanderung «Auf der Flucht» startet genau bei dieser Kirche.

Rund 30 Personen finden sich an diesem Sonntagmorgen ausgerüstet mit Wanderschuhen und Rucksäcken ein. Eine Büchse Sardinien gilt als Eintrittskarte. Wie die Teilnehmenden später erfahren werden, war dieser Proviant in Nikolaus Staudts Gepäck gefunden worden.

Die interaktive Reise in die Vergangenheit wird von Friedrich Juen geführt. Ein Glücksfall: Juen stammt aus einer Schmuggler-Familie in Gargellen. Sein Grossonkel Meinrad Juen galt als besonders gewiefter Schmuggler, der rund 40 Menschen zur Flucht in die Schweiz verhalf, wie sein Nachkomme auf der Wanderung erzählen wird.

Die erste Szene spielt im Hotel Madrisa. Vier Begegnungen führen das Publikum in das Thema Flucht ein. Das Stück, 2016 mit dem Vorarlberger Tourismus Innovationspreis ausgezeichnet, basiert auch auf literarischen Texten von Jura Soyfer, Franz Werfel und anderen Schriftstellern, die aus Nazi-Deutschland flüchten mussten.

Zuerst folgt die Gruppe der Strasse, die sich in Serpentinen hoch schlängelt, bevor sie einen steilen Pfad erreicht, den sie bis zur Alpe Rongg auf 1580 Meter über Meer erklimmt. Rund einen Drittel der 500 Höhenmeter hat der Wanderzug damit hinter sich gebracht. Nicht nur die Beine müssen an diesem Tag arbeiten, und auch das Mitgefühl wird auf die Probe gestellt.

Der Halt ist nicht zufällig gewählt. «Es ist einer jener Orte, an dem sich genau solche schicksalhafte Szenen abgespielt haben», erklärt Friedrich Juen. Bei der Mistgrube hinter dem Stall wird die Gruppe mit den Leidensgeschichten von Menschen, die als «Untermenschen» behandelt wurden, konfrontiert.

Trotz strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen läuft den Zuschauenden immer wieder ein kalter Schauer über den Rücken. Als die Schauspielerin von einigen Umstehenden von den Qualen in der Grube befreit wird, werden die ersten Taschentücher gezückt.

Die Gruppe begleitet zwei jüdische Frauen, die alles zurücklassen mussten und sich ihrer Identität beraubt fühlen. Auch zwei Einheimische, ein Gestapo-Mann und ein Schweizer Zöllner reflektieren ihre damalige Situation.

Das Schicksal der beiden Frauen klärt sich nach und nach. Es handelt sich um zwei Schwestern aus Berlin. Nach der gescheiterten Flucht und der Inhaftierung in der Arrestzelle in St. Gallenkirch nahmen sie sich dort am 24. September 1942 das Leben.

Nach rund fünf Stunden erreicht die Gruppe wieder die Alpe Rongg. Die Wirtin hat frischen Marillenkuchen gebacken. Bei der Jause vor der Stallscheune werden die Eindrücke ausgetauscht. Seit einigen Jahren sei Montafon Tourismus für die Buchungen und die Organisation zuständig, erzählt einer der Schauspieler, der die gesamte Route ebenfalls zu Fuss zurücklegt hat.

Weitere Termine vom 26. bis 28. August sowie vom 2. bis 4. September.

www.montafon.at

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