AfD

    Abstiegssorgen: Darum holt die AfD so viele Deutsche ab

    Antun Boskovic
    Antun Boskovic

    Deutschland,

    Nach dem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt verbucht die AfD in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin weitere Wahlerfolge. Ein Experte erklärt, wieso sie so viele wählen.

    weidel
    Ihre Partei holt immer mehr Deutsche ab: AfD-Chefin Alice Weidel. - keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Abstiegssorgen und Verlustängste treiben viele Menschen zur AfD.
    • «Das Label ‹rechtsextrem› hat sich in Teilen der Bevölkerung abgenutzt», erklärt Politologe Roger Stöcker.
    • Er erwartet auch im Westen Deutschlands langfristig weitere AfD-Gewinne.

    Gestern Sonntag wurden in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin die Landesparlamente gewählt: Nach dem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen ist die AfD auch in Mecklenburg-Vorpommern neu stärkste Partei.

    Um satte 21,5 Prozent legte die rechtspopulistische Partei in dem ostdeutschen Bundesland zu. Ausser ihr und dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) verloren alle anderen Parteien an Wähleranteil.

    Druck auf Merz steigt

    Und auch in Berlin kann die Alternative für Deutschland feiern: Dort legte sie um 7,2 Prozent zu. Sie ist neu mit 16,3 Prozent der Wählerstimmen drittstärkste Kraft hinter der Linken und CDU.

    Die CDU wiederum scheiterte in Mecklenburg-Vorpommern erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik bei einer Wahl an der Fünf-Prozent-Hürde.

    Damit fliegt die Kanzler-Partei dort aus dem Landtag. Auch in Berlin sank der CDU-Wähleranteil um 9,5 Prozent.

    Friedrich Merz
    Durch die schlechten Wahlergebnisse steigt der Druck auf Kanzler Friedrich Merz. Auch innerhalb seiner CDU fordern erste Funktionäre bereits offen seinen Rücktritt. - keystone

    Der Druck auf Kanzler Friedrich Merz steigt also weiter. Auch innerhalb der CDU fordern erste Funktionäre bereits offen seinen Rücktritt.

    «Für viele Normalpartei geworden»

    Doch wie gelingt es der AfD, die in einigen Bundesländern als «gesichert rechtsextrem» gilt, so viele Wählerinnen und Wähler abzuholen?

    «Die AfD profitiert vor allem von Abstiegssorgen, kulturellen Verlustängsten und dem Gefühl, von ‹denen da oben› nicht gesehen zu werden.» Das erklärt Politologe Roger Stöcker von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg auf Anfrage von Nau.ch.

    Diesem «Unzufriedenheitsgemisch» hätten die aktuell regierenden Parteien derzeit kaum etwas entgegenzusetzen. Hinzu komme: «Der AfD wird inzwischen – etwa in Sachsen-Anhalt – selbst bei Wirtschaft und Bildung eine hohe Kompetenz zugeschrieben.»

    Und: «Für viele ist – zumindest in Ostdeutschland – aus der Protestpartei eine Normalpartei geworden. Die man nicht mehr trotz, sondern wegen ihrer Positionen wählt.»

    «Label ‹rechtsextrem› hat sich in Teilen der Bevölkerung abgenutzt»

    Spielt die teilweise Rechtsextremismus-Einstufung also für die Wählerschaft gar keine Rolle mehr? «Für viele Menschen spielt es durchaus eine Rolle. Allerdings eine deutlich kleinere als noch vor einigen Jahren», sagt der Politologe.

    Denn: «Das Label ‹rechtsextrem› hat sich in Teilen der Bevölkerung abgenutzt.»

    Stöcker spricht von einer Art Etikettenmüdigkeit, die sich eingestellt habe. «Viele lesen den Vorwurf ‹rechtsextrem› eher als Kampfbegriff der AfD-Gegner denn als Warnsignal.»

    Würdest du die AfD wählen?

    Die AfD mobilisiere die Wählerschaft, indem sie Gefühle anspreche, wo andere Zuständigkeiten erklärten. «Sie weckt die Sehnsucht nach der ‹guten alten Zeit› in den Menschen. Und wandelt dieses wohlig-nostalgische Gefühl in politische Zustimmung um.»

    Die übrigen Parteien würden sich dagegen in erster Linie an der AfD abarbeiten, statt greifbare eigene Angebote zu machen. «Und drehen sich so im Hamsterrad der Abgrenzung, in dem sie am Ende vor allem eines verlieren: Ihre Erkennbarkeit.»

    Experte rechnet auch im Westen mit AfD-Wähler-Zunahme

    Die nächsten Landtagswahlen finden in Deutschland erst Mitte beziehungsweise gegen Ende April statt. Im Gegensatz zu Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind dann drei nicht-ostdeutsche Bundesländer an der Reihe (Schleswig-Holstein, Saarland und Nordrhein-Westfalen).

    Doch laut Stöcker ist auch dort mit einer Zunahme des Wähleranteils bei der AfD zu rechnen. Aber: «Werte um die 40 Prozent wie im Osten dürften im Westen – zumindest vorerst – ausser Reichweite bleiben. Weil Parteibindungen und Vertrauen in Institutionen dort stabiler sind.»

    AfD
    Die nächsten Landtagswahlen finden in westlichen Bundesländern statt. Experte Roger Stöcker rechnet auch dort mit einer Zunahme beim Wähleranteil der AfD. - keystone

    Dennoch sei langfristig ein weiterer Aufstieg nicht auszuschliessen. Stöcker hält fest: «Ein Schlüsselmoment hierbei dürfte eine erste tatsächliche AfD-Regierung und deren Bilanz darstellen.»

    Kommentare

    User #1183 (nicht angemeldet)

    Lügen haben kurze Beine. Das bekommt Merz zu spüren. Er hat dem Vertrauen in die Politik massiv verschlechtert mit seiner unsäglichen Art der gebrochenen Wahlversprechen.

    User #4947 (nicht angemeldet)

    Der Schweizer reibt sich verdutzt die Augen. Wie ist es möglich, dass so eine Partei 2026 auf fast die Hälfte aller Stimmen kommen kann in Deutschland? Sie sollen mal irgenwo regieren. Dann geht es nicht lange und der Zauber ist weg!

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