Poesie gegen Ideologie: Die Autorin Ilma Rakusa wird 80

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Bern,

Die Schweizer Autorin Ilma Rakusa hat sich der Gegenwart verschrieben statt zurückzublicken. Ihr neues Buch «Wo bleibt das Licht» hat sie begonnen, als Russland die Ukraine überfiel. Es ist voller Wut, Wissen und Poesie – wie das Gespräch zu ihrem 80. Geburtstag.

Der Schweizer Autorin Ilma Rakusa ist alles Ideologische fremd. Wo es um Ideologien gehe, da sei das Gespräch nicht mehr möglich, sagt sie im Gespräch zu ihrem 80. Geburtstag.
Der Schweizer Autorin Ilma Rakusa ist alles Ideologische fremd. Wo es um Ideologien gehe, da sei das Gespräch nicht mehr möglich, sagt sie im Gespräch zu ihrem 80. Geburtstag. - Keystone/ENNIO LEANZA

Ilma Rakusa behält zum Gespräch in der Villa Morillon in Bern den Mantel an. «Ich bin en Gfröörli.» Das Cheminee ist kalt an diesem Dezembertag, doch für Feuer sorgt die Grande Dame der Slavistik, sobald sie zu sprechen beginnt. Auf Hochdeutsch: «Ich kann nur so formulieren», sagt sie, die 1951 als Fünfjährige in die Schweiz kam. «Dialekt ist für den Alltag.»

«Es ist Sommer. Aber was heisst Sommer, wenn die Felder in der Ostukraine von Artilleriefeuern brennen.» So beginnt Ilma Rakusas Buch «Wo bleibt das Licht», das sie 2022 zu schreiben begann. Am Schluss nimmt man ein letztes Mal lesend teil an einem der kostbaren Momente, welche die Autorin mit Enkel Theo teilt. In der Ausstellung von Marina Abramović im Kunsthaus Zürich spielen die beiden Reiskörnerzählen. Danach räumt Theo alles fein säuberlich auf. «Auf das Papier schreibt er THEO und ILMA. Sind wir glücklich gewesen? Ja! Glücklich, glücklich, glücklich.»

So bleibt ein Schimmer Hoffnung am Schluss dieser «Tagebuchprosa». Allerdings ist die Hoffnung grammatikalisch in die Vergangenheit gesetzt. Ja, gegenwärtig falle es ihr schwer, die Hoffnung nicht zu verlieren, sagt Ilma Rakusa, obwohl sie doch immer «staunend und vertrauend» durchs Leben gegangen sei. Staunend über die Schönheit der Schöpfung, vertrauend auf das Gute und Schöpferische im Menschen – und auf Gott. «Ich unterhalte mich oft mit ihm», verrät sie und zeigt himmelwärts.

Im Gespräch macht sich Ilma Rakusa Sorgen um die Zukunft Europas. «Die Europäer sind so blauäugig, was Russland betrifft», stellt sie fest. «Ich weiss, wie die Menschen dort ticken.» Ihr darf man das glauben, da sie nicht nur in Russland studiert hat, sondern als Übersetzerin auch mit der russischen Literatur und Kultur gut vertraut ist. Noch immer reist sie, trifft mittel- und osteuropäische Intellektuelle, bekommt Informationen aus erster Hand. Zugleich übersetzt sie gerade den vierten und letzten Band von Marina Zwetajewas Gesamtwerk. Über die grosse russische Dichterin, die sich infolge Armut und Repression unter Stalin und später den Sowjets 1941 das Leben nahm, berichtet sie wie über eine gute Freundin.

Rakusa ist die Tochter einer Ungarin und eines Slowenen, sie spricht sieben Sprachen. Aus dem Ungarischen hat sie Imre Kertész und Peter Nádas übersetzt, aus dem Serbokroatischen Danilo Kiš, aus dem Französischen Marguerite Duras. Auch der italienischen Kultur ist sie verbunden: Vor der Migration in die Schweiz lebte die Familie in Triest.

Als Kind setzte Ilma Rakusa von einem Land ins nächste über, als sesshafte Erwachsene übersetzt sie von einer Sprache in die andere. So pflegt sie im Deutschen die Mehrdeutigkeit der Wörter, spielt mit feinsten Nuancen. «Die Sprache ist für mich wie ein Ball aus Seidenpapier», erklärte sie in einem früheren Gespräch. Behutsam, bildhaft, poetisch – so ist nicht nur ihre Lyrik, auch die Prosa, die stets zwischen Essay und Erzählung changiert. Die hybriden Formen, die Rakusas Literatur aufweist, entziehen sich jeglicher Etikettierung.

Alles Ideologische ist dieser Autorin fremd. «Meinungen gehören nicht zur Poesie», sagt sie. «Ideologien sind der Kunst entgegengesetzt.» Wo es um Ideologien gehe, da sei das Gespräch nicht mehr möglich. Sie verzieht das Gesicht. Das hässliche Antlitz der Welt ist ihr zuwider, in der Schönheit findet sie Trost.

Sie beschreibt die Gemälde des Renaissance-Malers Fra Angelico, die sie unlängst in Florenz bewundert hat, aber auch alltägliche Betrachtungen in der Natur (das Licht) oder in ihrem waldnahen Haus in Zürich-Fluntern (der Lichteinfall, die alte Schreibmaschine). Es sei wichtig, die Wahrnehmung zu schulen, sinniert sie. Und äussert wieder einen dieser Sätze, die bleiben: «Schönheit beinhaltet nicht nur Ästhetik, sondern auch Ethik.»

Die Schweizer Autorin Ilma Rakusa ist 1946 in der Slowakei geboren worden. Die ersten Lebensjahre hat sie in Budapest, Ljubljana und Triest verbracht, bevor sie 1951 mit der Familie in die Schweiz kam.

Die Schulen besuchte sie in Zürich, das Studium der Slavistik und Romanistik absolvierte sie in Zürich, Paris und – damals noch – Leningrad. 1971 dissertierte sie mit «Studien zum Motiv der Einsamkeit in der russischen Literatur».

Von 1977 bis 2006 wirkte Ilma Rakusa als Lehrbeauftragte am Slavischen Seminar der Universität Zürich. 1982 erschien ihr erstes eigenes Prosawerk «Die Insel», dem zahlreiche Erzähl- und Gedichtbände sowie Essays folgten. Zudem war sie als Publizistin für die «Neue Zürcher Zeitung» und «Die Zeit» tätig; zudem übersetzt sie Literatur aus vier Sprachräumen.

Ilma Rakusa wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, beispielsweise 2009 mit dem Schweizer Buchpreis für das Erinnerungsbuch «Mehr Meer» und 2019 mit dem Kleist-Preis. 2025 erhielt sie den mit 20'000 Franken dotierten Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay sowie die Goldenen Ehrenmedaille des Kantons Zürich. Beide Preise beziehen sich auf ihr essayistisches Werk und auf ihr lebenslanges Wirken in Zürich, ihrer Heimat im Exil. Sie hat einen Sohn und zwei Enkelkinder, von denen auch in ihrem neuen Buch «Wo bleibt das Licht» die Rede ist.*

*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

Kommentare

User #5604 (nicht angemeldet)

Was Frau Rakusa zu sagen hat, interessiert mehr als die Ausführungen eines Marko Kovic – Bietet ihr eine Kolumne an liebe Nau.ch-Redaktion.

User #4018 (nicht angemeldet)

Dann soll die uns in einem Artikel aufklären, resp. die Politik aufklären, aus welchem Grund den Russen nicht vertraut werden darf. Wäre wichtig wenn sich die akademische Welt klipp und klar äussert.

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