Nipah-Ausbruch in Indien: Was bedeutet das für uns?
Zwei bestätigte Nipah-Virus-Infektionen in Indien haben in mehreren asiatischen Ländern Schutzmassnahmen ausgelöst. Droht die nächste weltweite Pandemie?

Das Wichtigste in Kürze
- Nipah-Virus-Infektionen in Indien sorgen in mehreren asiatischen Ländern für Massnahmen.
- Droht das Nipah-Virus auch in die Schweiz zu kommen? Könnte eine Pandemie entstehen?
- Das BAG und ein Virologin schätzen die Situation ein.
Indien hat Ende Januar zwei Infektionen mit dem gefährlichen Nipah-Virus gemeldet. Als Reaktion auf die beiden Infektionsfälle im Bundesstaat Westbengalen sind die Überwachung, die Labortests und die Vor-Ort-Untersuchungen verstärkt worden.
Auf den Ausbruch in Indien reagierten mehrere asiatische Länder mit Vorsichtsmassnahmen: Beispielsweise in Thailand wurden an drei grossen Flughäfen Reisende aus Kolkata – der Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen – kontrolliert.
Temperaturmessungen an den Flughäfen sollen einen weiteren Ausbruch verhindern.
WHO: Hohe Sterblichkeitsrate bei Nipah-Virus
Die Erkrankung mit dem Nipah-Virus ist gefährlich. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben 40 bis 75 Prozent der Infizierten daran. Das Nipah-Virus ist ein Erreger, der ursprünglich bei Tieren vorkommt, aber auch Menschen infizieren kann. Natürliche Wirte sind Flughunde.
Die Übertragung erfolgt meist von infizierten Fledermäusen oder anderen Tieren auf den Menschen. Eine Übertragung ist aber auch von Mensch zu Mensch möglich. Eine Behandlung oder Impfung gibt es derzeit nicht.

Die Massnahmen der asiatischen Länder erinnern stark an die Covid-19-Pandemie. Auch, dass das Virus ursprüglich von Fledermäusen stammt, weckt Assoziationen mit dem Corona-Virus. Kann es zu einer weltweiten Nipah-Virus-Pandemie kommen? Müssen wir uns auch in der Schweiz Sorgen machen?
Nau.ch hat beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) nachgefragt: «Das Nipah-Virus kann beim Menschen schwere Erkrankungen verursachen und weist eine hohe Sterblichkeit auf. Die Symptome reichen von Fieber und Kopfschmerzen bis hin zu schweren Verläufen mit Atemproblemen und Gehirnentzündung.» Das erklärt BAG-Mediensprecher Simon Ming.
BAG: Kontakt mit Fledermäusen vermeiden
Und weiter: «In der Schweiz hat es bislang keine bestätigten Fälle von Nipah-Virus-Infektionen gegeben.» Für Reisende von und nach Indien werde das Risiko einer Ansteckung laut Ming als sehr gering eingeschätzt. Insbesondere für Personen, die keinen engen Kontakt zu Erkrankten oder zum Umfeld eines Ausbruchs hatten.
«Reisenden wird empfohlen, den Kontakt mit Fledermäusen zu vermeiden», erklärt der BAG-Mediensprecher. Dazu gehöre auch: Keine potenziell durch Fledermäuse kontaminierten Lebensmittel zu verzehren und keinen rohen Dattelpalmsaft zu trinken. Aber auch auf eine gute Lebensmittelhygiene zu achten und eine reisemedizinische Beratung in Anspruch zu nehmen.

«Das Risiko für die Schweiz wird insgesamt als gering eingestuft», erklärt Ming. Die relevanten Tierreservoire würden hierzulande nicht vorkommen und eine anhaltende Übertragung in der Allgemeinbevölkerung sei nicht zu erwarten. «Aufgrund des Ereignisses in Indien werden in der Schweiz deshalb keine zusätzlichen Massnahmen eingeführt, auch nicht für Reisende aus Indien.»
Virologin: «Eine Eintragung in die Schweiz halte ich für sehr unwahrscheinlich»
Wie beurteilt Virologin Isabella Eckerle das derzeitige Ausbruchsgeschehen des Nipah-Virus in Westbengalen? Sie ist die Direktorin des Zentrums für neu auftretende Viruserkrankungen am Universitätsspital in Genf.
«Eine Eintragung in die Schweiz halte ich für sehr unwahrscheinlich», sagt Eckerle zu Nau.ch. Bislang habe es keine weiteren Fälle gegeben und die beiden bekannten Patienten seien isoliert.

Eckerle: «Es handelt sich bei Nipah um ein gefährliches Virus mit hoher Sterblichkeit, aber menschliche Fälle treten insgesamt selten auf. Seit der ersten Beschreibung des Virus im Jahr 1998 hat man bis heute weltweit weniger als 800 Fälle verzeichnet.»
«Nach allem, was wir bisher über dieses Virus wissen, droht hier keine Gefahr für eine Pandemie», hält die Virologin fest.
Virologin: Virus kann sich mutieren
Das Virus gehöre zu den sogenannten Zoonosen, also Krankheitserregern, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Das Nipah-Virus werde von Flughunden in Asien in deren Urin und Speichel ausgeschieden, ohne dass die Tiere selbst erkranken. Die Übertragung erfolge laut der Virologin über kontaminierte Lebensmittel. Also beispielsweise angefressene Früchte oder Palmensaft, der mit Ausscheidungen der Tiere kontaminiert ist.

«Die Übertragung von Mensch-zu-Mensch ist nicht sehr effizient und findet nur bei engem Kontakt zu einer erkrankten Person statt. Es wird nicht über die Luft übertragen, sondern über infizierte Körperflüssigkeiten. Das Potential, eine Pandemie auszulösen, ist also gering.»
«Dennoch sollte man dem Virus keine Gelegenheit geben, sich unkontrolliert auszubreiten», sagt Eckerle. Das schnelle Handeln der indischen Behörden sei vorbildlich gewesen.
Denn: «Das Virus gehört zu den RNA-Viren, die mutieren und sich an einen neuen Wirt anpassen können», erklärt die Virologin. Und auch wenn das Risiko für eine Ausbreitung gering ist: Das Nipah-Virus werde von der WHO aufgeführt als einer der Erreger, zu denen mehr geforscht werden sollte. Namentlich zu Diagnostik, Therapie und Impfung, so Eckerle.















