Wieso haben Epstein-Akten in den USA keine Konsequenzen?
In Europa sorgen die Epstein-Files für Festnahmen. Ausser für Epstein und Maxwell gibt es in den USA kaum Konsequenzen. Ein Experte erklärt, wieso.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Epstein-Akten sorgen in Europa für Rücktritte, Festnahmen und Untersuchungen.
- In den USA gibt es nach den jüngsten Veröffentlichungen bisher noch kaum Konsequenzen.
- US-Experte Reinhard Heinisch erklärt, wieso das so ist.
Die Epstein-Akten sorgen fast täglich für neue Schlagzeilen. Jüngste Beispiele: Am Donnerstag kündigte WEF-Chef Børge Brende seinen Rücktritt an, nachdem seine Beziehung zu Epstein durch die veröffentlichten Akten publik wurde.
Diese Woche kam zudem ans Licht, dass neue Beweismittel in einem Lagerraum in Florida gefunden wurden. Darunter auch anstössige Aufnahmen von Minderjährigen.

In Grossbritannien haben die veröffentlichten Epstein-Files Konsequenzen: Ex-Prinz Andrew wurde festgenommen.
In seiner Rolle als britischer Handelsbeauftragter wird ihm im Zuge der veröffentlichten Epstein-Files Amtsmissbrauch vorgeworfen.
Und auch der frühere britische US-Botschafter Peter Mandelson wurde am Montag wegen Verdachts auf Fehlverhalten im Amt festgenommen.
Konsequenzen in Europa, warum nicht in den USA?
Kurz: In Europa werden aufgrund der Epstein-Akten Menschen verhaftet und es werden Untersuchungen eingeleitet. Warum gibt es in den USA bisher nur für Epstein und seine Gehilfin Ghislaine Maxwell Konsequenzen?
Nau.ch hat beim US-Experten Reinhard Heinisch nachgefragt. Der Politikwissenschaftler sagt: «In den USA gab es ja durchaus bereits Verurteilungen am Anfang der Causa: Etwa von Epstein selbst, seiner Partnerin Ghislaine Maxwell oder Personen wie Harvey Weinstein».
Weinstein sei zwar im Zuge von «MeToo» aufgeflogen, wird aber ebenfalls in den Epstein-Akten erwähnt.
Heinisch: «Zwischen 2015 und 2020 wurden viele Männer in Machtpositionen – in Konzernen, in Hollywood, in den Medien usw. – öffentlich angeprangert, angeklagt oder sie verloren ihre Posten. Diese Phase hatte in den USA deutlich weitreichendere Konsequenzen als in Europa und überlappt sich mit der Epstein-Affäre.»
Reiche Amis haben wohl Schweigegeld bezahlt
Zudem würden sich laut dem US-Experten die Anklagepunkte erheblich unterscheiden: «Personen wie Mandelson oder Andrew wurden verhaftet und verhört, weil ihnen zunächst einmal Geheimnisverrat im Zusammenhang mit Epstein vorgeworfen wird.»
Das sei ein Vorwurf, der sich so gegen Amerikaner kaum erheben lasse, sondern primär gegen ausländische Staatsbürger. Die Ausgangslage sei also eine andere.
Hinzu kommt: Laut Heinisch ist in den USA davon auszugehen, «dass viele wohlhabende Verdächtige – sofern sie sich schuldig gemacht haben – aussergerichtliche Vergleiche mit Schweigeklauseln erzielt haben.»
Gleichzeitig würden viele Opfer den Gang an die Öffentlichkeit scheuen. Dies, weil ein «Outing als Betroffene» in sozialen Medien häufig mit Anfeindungen verbunden sei, erklärt der US-Experte.
Funktioniert die US-Justiz noch?
Heinisch stellt fest: «Die amerikanische Justiz hat zunehmend Schwierigkeiten, sehr prominente, vermögende und mächtige Personen anzuklagen. Allen voran Trump nach dem 6. Januar 2021.»
Zur Erinnerung: Damals stürmten Trump-Anhänger das Kapitol in Washington.
Das sei laut Heinisch ein «weiteres Indiz für die Dysfunktionalität des US-Systems infolge der extremen politischen Polarisierung: Rechtliche Schritte werden schnell als politische Vendetta interpretiert. Staatsanwälte stehen unter Druck, und Richter geraten unter öffentliche Diskreditierung.»
Das Fazit des US-Experten: «Es bleibt abzuwarten, ob sich tatsächlich ein struktureller Unterschied zwischen den Kontinenten zeigt. Oder ob die wenigen europäischen Fälle eher Ausreisser bleiben.»

















