Wenn Facebook die Zeitung ersetzt - Nachrichtenwüsten in den USA
Im Mai 2025 war für die Lokalzeitung Malheur Enterprise im Osten des US-Staates Oregon nach 115 Jahren Schluss. Das Blatt erschien – trotz einer handfesten Reputation für investigative Recherchen, die etwa Korruption und Misswirtschaft aufdeckten – zum letzten Mal. Die Suche nach einem Nachfolger war gescheitert und so blieb den in den Ruhestand gehenden Verlegern Les Zaitz und Scotta Callister nicht viel anderes übrig, als die Wochenzeitung einzustellen.

Die Malheuse Enterprise ist eine von Tausenden Lokalzeitungen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten eingestellt wurden. Laut einem Zustandsbericht der Local News Initiative von der Northwestern University sind fast 40 Prozent aller lokalen US-Zeitungen verschwunden. In mehr als 1.500 Gemeinden stünden Menschen zudem nur eine klassische Nachrichtenquelle zur Verfügung, typischerweise eine Wochenzeitung, so der Bericht. 50 Millionen Amerikaner und Amerikanerinnen hätten dadurch nur noch begrenzten oder gar keinen Zugang mehr zu einer zuverlässigen journalistischen Quelle lokaler Nachrichten.
Gebiete ohne nennenswerte Nachrichtenquellen, die nur wenig Berichterstattung erhalten, werden als «news deserts» – also Nachrichtenwüsten – bezeichnet. Das traf für 2025 auf etwa 200 von rund 3.200 Gemeinden in den USA zu. Zwar gebe es digitale Alternativen, die könnten aber weder die durch die Einstellung von Print-Ausgaben weggefallenen Jobs ersetzen, noch die Zahl der Zeitungen, so die Initiative. Zudem entstünden sie meist in urbanen Gegenden.
Auch die Inhaberstruktur hat sich drastisch gewandelt: Die überwiegende Mehrheit der Tageszeitungen gehöre zu grösseren und mittelständischen Ketten. Weniger als 15 Prozent seien noch unabhängig.
Grund für das Verschwinden ist häufig, dass das Geschäftsmodell lokaler Medien kollabiert. Jahrzehntelang finanzierten Einnahmen aus der Werbung im weiteren Sinne das Geschäft. Dieses Geld ist mit der Zeit in digitale Plattformen gewandert. Viele Blätter verloren damit ihre wichtigste Einnahmequelle, ohne online ein ähnlich tragfähiges Modell aufbauen zu können.
Das hat fatale Folgen, wie etwa Steven Waldman warnt: «Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass dort, wo lokale Nachrichten fehlen, die Wahlbeteiligung sinkt, Entfremdung zunimmt, die Polarisierung wächst, Menschen sich unversöhnlicher gegenüberstehen und sich Falschinformationen stärker verbreiten. Für Gemeinschaften ist es äusserst schädlich, keinen Lokaljournalismus zu haben», sagte der Gründer einer Organisation, die sich gegen den Niedergang lokaler Nachrichten einsetzt.
Aber Menschen hören nicht auf, Nachrichten zu lesen – oder das, was sie dafür halten. Laut der Local News Initiative verlassen sich Menschen in Regionen mit schlechter Lokalnachrichtenversorgung stark auf soziale Medien und andere nicht-journalistische Quellen, um sich auf dem Laufenden zu halten. Was aber sinkt, ist das Vertrauen in Nachrichtensender.
«Man mag sich als Teil einer eng verbundenen Gemeinschaft fühlen, die über alles Bescheid weiss, aber Orte mit einem Mangel an Journalismus vermissen eine externe Informationsquelle und ein System der Rechenschaftspflicht der Machthabenden», sagt Zach Metzger, Direktor der Initiative.
Ein Negativbeispiel dafür, wie sich die Verbreitung von Falschinformationen und das Fehlen einer vertrauenswürdigen Nachrichtenquelle auswirken kann, zeigt ein von der New York Times recherchierter Vorfall im kalifornischen Oakdale im Jahr 2020, als plötzlich bewaffnete Männer auf den Bürgersteigen patrouillierten. Ein Bar-Inhaber in dem 20.000 Einwohner zählenden Ort hatte eine bewaffnete Miliz engagiert, nachdem in einer Facebook-Gruppe die Nachricht umhergegangen war, eine grosse Demonstration der Bürgerrechtsbewegung «Black Lives Matter» werde in die Stadt eindringen. Passiert ist das nicht. In dem Ort hatten, so der Bericht, Facebook-Gruppen die Rolle der Lokalzeitungen übernommen.
Die Krise im Lokaljournalismus hat auch eine politische Couleur: Laut einer Analyse der Initiative hat Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl in 91 Prozent der Nachrichtenwüsten gegen seine demokratische Herausforderin Kamala Harris gewonnen – mit durchschnittlich 54 Prozentpunkten.
Zusätzliche Last für die lokale Medienlandschaft in den USA ist die von Trump initiierte Einstreichung von Bundesmitteln für öffentliche Rundfunksender, was vor allem vielen lokalen Sendern einen schweren Schlag versetzt. PBS North Carolina und andere kündigten infolge der Kürzungen etwa Entlassungen an.
Es gibt eine Reihe von Vorschlägen, dem aktuellen Trend entgegenzuwirken, wie etwa Steueranreize für lokale Medien, Umlenkung staatlicher Werbegelder oder etwa die staatliche Finanzierung von Stipendien in dem Bereich. Laut dem Journalismusmagazin Nieman Reports der Harvard University haben bisher aber nur die wenigsten dieser Initiativen Erfolg gehabt. Der Autor schreibt, es brauche manchmal einfach Zeit, bis sich neue Initiativen durchsetzten. Medienpolitische Signale aus Washington deuten darauf derzeit allerdings nicht hin.














