Es ist eines der dunkelsten Kapitel Kanadas: Bei einem ehemaligen Internat wurden 215 Kinderleichen kanadischer Ureinwohner entdeckt.
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In Kanada wurden auf dem Gelände eines ehemaligen Internats 215 Kinderleichen entdeckt. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei einem ehemaligen Internat wurden die Überreste von 215 Kindern entdeckt.
  • Die Einrichtung war eine Art Umerziehungscamp für Kinder kanadischer Ureinwohner.

Sie galten jahrzehntelang als verschwunden – und nun wurden sie gefunden: Auf dem Grundstück eines ehemaligen Internats haben Spezialisten die Überreste von 215 Kindern kanadischer Ureinwohner entdeckt.

Bei der Suche in der Nähe der Stadt Kamloops im Westen Kanadas seien Radargeräte eingesetzt worden. Das sagte Rosanne Casimir, die Leiterin der dort lebenden indigenen Gruppe. «Die Ahnung, die wir alle verspürten, hat sich bestätigt.»

Einige der Jungen und Mädchen wurden laut Casimir nur drei Jahre alt. Woran sie starben, sei noch unklar. Die Einrichtung ist eine frühere Residential School – eine Art Umerziehungscamp für Ureinwohner-Kinder.

Kanada wollte Kultur der Ureinwohner vernichten

Es handelt sich um eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Kanadas: Über Jahrzehnte riss die Regierung Tausende Söhne und Töchter aus ihren Familien und steckte sie in Internate. Dort sollten sie ihre Kultur vergessen – Feste, Lieder, Sprache, Religion – und die Traditionen der europäischen Einwanderer erlernen. Gewalt und sexueller Missbrauch waren dabei an der Tagesordnung.

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Die ehemalige Kamloops Indian Residential School. Überreste von 215 Kindern kanadischer Ureinwohner sind auf einem Grundstück einer sogenannten Residential School in Kanada entdeckt worden. Sie seien bei Radar-Untersuchungen des Grundstücks in der Nähe der Stadt Kamloops im Westen Kanadas gefunden worden. Foto: Andrew Snucins/The Canadian Press/dpa - dpa

Die Residential School bei Kamloops war nach Angaben von Casimir die grösste in Kanada. Sie wurde von 1890 bis 1978 betrieben, zunächst von der katholischen Kirche, später von der Regierung.

Bis zu 500 Jungen und Mädchen hätten dort gelebt – unter schlimmen Bedingungen. Viele von ihnen litten laut Casimir unter Hunger, weil die Regierung nicht ausreichend Geld für die Verpflegung zur Verfügung stellte. Der Tod der Kinder, deren Überreste nun gefunden wurden, sei von der Schulleitung nie dokumentiert worden.

«Jeder Schüler roch nach Hunger»

Im Jahr 2015 veröffentlichte eine kanadische Regierungskommission einen Bericht, der das Leid in den berüchtigten Internaten detailliert beschrieb. Darin finden sich auch Erfahrungsberichte aus Kamloops.

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Delhia Nahanee legt eine Rose auf eines von 215 Paar Kinderschuhen auf den Stufen der Vancouver Art Gallery. Auf dem Grundstück einer Einrichtung einer früheren Residential School in der Nähe der Stadt Kamloops haben Spezialisten die Überreste von 215 Kindern kanadischer Ureinwohner entdeckt. Foto: Darryl Dyck/The Canadian Press via ZUMA/dpa - dpa

«Jeder Schüler roch nach Hunger», so ein Überlebender. Zudem wird die Einrichtung als extrem unhygienisch beschrieben. Viele Kinder, heisst es, seien an Masern, Tuberkulose und Grippe gestorben.

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