Tim Berni – Die Rückkehr des Abwehrchefs der Zukunft
Nach fünf Jahren im Ausland kehrt WM-Verteidiger Tim Berni zum ZSC zurück. Dort soll er zum Abwehrchef werden, hat die NHL aber noch nicht abgeschrieben.

Es ist alles eine Frage der Perspektive. 52 Partien bestritt Tim Berni in der Saison 2022/23 für die Columbus Blue Jackets, damals eines der schwächsten Teams der NHL: Es setzte 57 Niederlagen in 82 Partien ab. Berni bestritt 59 Spiele, er erzielte ein Tor, produzierte zwei Assists und erreichte eine Bilanz von Minus-26.
Aus der Distanz denkt man: Ein schwieriges Jahr. Aber jetzt steht Berni, 26, Ende September vor der ZSC-Garderobe in der Swiss Life Arena und sieht es diametral anders: «Das war ein extrem cooles Jahr für mich. Ich habe viel gelernt, es war sehr bereichernd und hat mich weitergebracht. Mir hat auch das Leben in den USA gefallen.»
Und wenn man ihn fragt, ob er die NHL weiterhin im Hinterkopf habe, dann antwortet er: «Ja, klar. Ich denke, jeder Nationalspieler, der noch nicht 30 ist, sollte das Ziel haben, in der NHL zu spielen.» Bis 2027 liegen Bernis Rechte noch bei den Blue Jackets, die ihn 2018 in der sechsten Runde an 159.
Stelle drafteten. Seit seiner Rückkehr in die Schweiz vom Sommer 2023 gab es noch einmal Verhandlungen mit Columbus – die Parteien konnten sich aber nicht auf die Konditionen für den angedachten Zweijahresvertrag (Two-Way) einigen.

So ist Berni in den letzten drei Jahren in Genf gereift, er hat sich dort zu einem der besten Verteidiger der National League aufgeschwungen. 2025 und 2026 war er unumstrittener Stammspieler des Nationalteams und gehörte zu den Teams, die WM-Silber gewannen.
Nach dem NHL-Abenteuer waren die Perspektiven in Genf besser
Unmittelbar nach der Unterschrift bei Servette jedoch hatte Berni sich schwergetan. In der NHL war er ein strikter Defensivverteidiger gewesen. In Les Vernets wurde von ihm erwartet, auch in der Vorwärtsbewegung mehr Verantwortung zu übernehmen.
Das brauchte seine Zeit, in der Berni die Stabilität manchmal ein bisschen zu fehlen schien. Insgesamt aber war der Wechsel die richtige Entscheidung. «Ich hatte damals mehrere Angebote, sah in Genf aber die besten Perspektiven», sagt Berni.
Das gilt auch fürs Team, denn Berni schloss sich Servette unmittelbar nach dem ersten Meistertitel der Klubgeschichte an und gewann 2024 die Champions Hockey League. Vor allem aber traf es auf persönlicher Ebene zu.
Beim ZSC hätte sich Berni mutmasslich hinter Kukan, Lehtonen, Marti, Weber und damals vielleicht sogar Geering einreihen müssen. Bei Servette erhielt er viel Auslauf, oft um die 20 Minuten pro Abend. Für seine Entwicklung war das Gold wert. Er ist nun mit einem anderen Standing nach Hause zurückgekehrt.
Er sagt: «Ich habe bei Servette viel Vertrauen erhalten und konnte mein Profil als Zwei-Weg-Verteidiger schärfen.» Gleich für sechs Jahre nahm der ZSC den Männedorfer unter Vertrag, kein anderer ZSC-Profi ist so lange gebunden wie er. Simon Knak, der zweite ZSC-Sommerzuzug aus dem Nationalmannschaftskader, ist mit einem Vertrag bis 2031 neben Berni der einzige Akteur mit einer Vereinbarung über 2030 hinaus.

Der Plan ist klar: Berni soll der ZSCAbwehrchef der Zukunft werden. Er liefert die Blutauffrischung, welche dieser Defensivverbund dringend nötig hat: Kukan ist 33, Marti wird im März 34. Es ist anzunehmen, dass nur einer aus dem Duo Geering (wird im Februar 37)/Weber (38) auch 2027/28 noch für den ZSC spielt.
Berni soll die Fackel der stolzen ZSC-Abwehrtradition weitertragen. Und wer könnte für diesen Part besser geeignet sein als Berni, der einst schon mit Matias Seger, Kevin Klein und Severin Blindenbacher verteidigte.
Berni kennt die ZSC-DNA, er hat sein halbes Leben in diesem Klub und dessen weit verästelten Nachwuchspyramide verbracht. Der Pfad ins Eishockey war ohnehin vorgezeichnet: Schon sein Vater Marco liebte den Sport. Sein zwei Jahre älterer Bruder Fabian stürmte für die GCK Lions.
Die Cousins Joshua und Nils wurden ebenfalls in der ZSC-Organisation gross – und sorgen heute in der 1. Liga im EHC Wallisellen für Furore. Für sie alle ist das Eishockey vor allem: ein Hobby, eine Leidenschaft. Für Tim Berni ist es der Beruf, der ihm ein einträgliches Salär garantiert.
Berni investiert auch in sich selbst: Er vertraut auf die Ratschläge des Athletiktrainers und Sportpsychologen Alex Brooker, mit dem auch Nico Hischier und Jonas Siegenthaler zusammenarbeiten.
Brooker ist ein faszinierender Charakter, er bestreitet immer wieder extreme Ruderrennen, zuletzt etwa im Rahmen des «World’s Toughest Row» 4800 Kilometer von La Gomera nach Antigua. Da geht es bei Berni punkto Freizeitgestaltung konventioneller zu und her: Er absolviert ein Fernstudium in Sportmanagement und Wirtschaft, die Nationalmannschaftscopains Sven Andrighetto und Christoph Bertschy gehören zu seinen Kommilitonen.
Eine Zürcher WG mit Praplan und Prassl
In den letzten Monaten musste Berni zudem einiges an Zeit für die Wohnungssuche aufwenden. Selbst für Grossverdiener von einem gewissen Standing ist es eine Herausforderung geworden, in Zürich eine Bleibe zu finden.
«Wir haben wie alle anderen auf den bekannten Internetplattformen unser Glück versucht. Es war nicht so einfach, wir waren bei mehreren Besichtigungen», sagt Berni. Zwar hat er auch nach dem Weggang vom ZSC die Sommer jeweils in Zürich verbracht, aber er tat das in einer WG mit Vincent Praplan (Servette) und Raphael Prassl (Kloten).
Als Dauerlösung war das selbstredend keine Option mehr. Was Berni während den Sommermonaten ebenfalls beschäftigte, war der verlorene WM-Final, dieses 0:1 nach Verlängerung gegen Finnland in seinem neuen Heimstadion.
«Es hat schon ein paar Wochen gedauert, bis ich das verarbeiten konnte. Es war hart. Wieder hat nur ein Tor gefehlt. Aber so ist nun mal der Sport. Im Rückblick können wir stolz darauf sein, was wir erreicht haben.»
Tim Berni
Geboren: 11. Februar 2000
Grösse: 182 cm
Gewicht: 89 kg
Bei den ZSC Lions seit: 2026
Vertrag bis: 2031/32
Bisherige Klubs: Genève-Servette HC, Cleveland Monsters (AHL), Columbus Blue Jackets (NHL), GCK Lions (SL), EHC Dübendorf (diverse Stufen)
Die Erkenntnis half Berni dabei, nach vorne zu schauen und sich mit frischem Tatendrang der Mission des elften ZSC-Meistertitels zu widmen. Einmal mehr verfügen die Zürcher über ein Luxuskader. Durch die Zuzüge von Berni und Knak finden sich rekordverdächtige sieben Schweizer WM-Teilnehmer in der Equipe.
Das zweite Alleinstellungsmerkmal besteht darin, dass zwölf der 24 Kaderspieler aus dem eigenen Nachwuchs stammen. «Das ist ein Riesenluxus und verstärkt die Identifikation», sagt Berni, der sich bei aller Vertrautheit auch erst einmal einleben musste.

«Ich war nur fünf Jahre weg, aber es ist sehr vieles neu», sagt er. Das beginnt beim Stadion – Berni spielte noch im Hallenstadion – und gilt auch für die Mannschaft: Nur sieben Spieler von 2019/20 sind noch da: Robin Zumbühl, Patrick Geering, Christian Marti, Sven Andrighetto Chris Baltisberger, Willy Riedi und Justin Sigrist.
So schnell gehts im Sport. Immerhin: Mit seinem Sechsjahresvertrag ist Berni eine Art Antithese zur hohen Fluktuation. Er soll bis mindestens 2032 eine der tragenden ZSC-Säulen sein.












