TCS

«Overlanden ist der bewusste Ausbruch aus der Schweizer Sicherheit»

Travelnews
Travelnews

Zürich,

TCS-Chef Jürg Wittwer erzählt im Travelnews-Interview von seiner Südamerika-Reise, seinem Expeditionsfahrzeug und dem Leben zwischen Abenteuer und Management.

Jürg Wittwer
Jürg Wittwer ist seit zehn Jahren Generaldirektor des Touring Club Schweiz. Privat entdeckt er entlegene Regionen der Welt mit einem Expeditionsfahrzeug. - TCS

Jürg Wittwer ist nicht nur Generaldirektor des TCS und Chef von 2200 Mitarbeitenden, sondern auch leidenschaftlicher Overlander.

Im Interview spricht er über seine Reise quer durch Südamerika, warum er sein Expeditionsfahrzeug verkleinern will und wie er sich als Top-Manager Freiräume schafft.

Travelnews: Herr Wittwer, viele kennen Sie als TCS-Chef, aber auf Instagram betreiben Sie den Kanal @vanlifecoco. Sie fahren ein ziemlich beeindruckendes Expeditionsfahrzeug. Erzählen Sie uns von dem Wagen.

Jürg Wittwer: Ja, ich habe seit einigen Jahren ein eigenes Fahrzeug. Im Gegensatz zu klassischen Campern, welche für den Campingplatz gedacht sind, fahre ich ein Expeditionsfahrzeug, welches für das Overlanden konzipiert ist – also für lange Roadtrips abseits der gewohnten Infrastruktur.

Es ist völlig autark, verfügt über Solarzellen, einen übergrossen Dieseltank und ein dreifach gefiltertes Wassersystem. Alles, was man braucht, um durch Lateinamerika oder Afrika zu fahren.

Travelnews: Auf welcher Basis wurde das Fahrzeug gebaut?

Wittwer: Der Ursprung ist ein serienmässiger Mercedes Sprinter Lieferwagen mit Allradantrieb. Darauf kommt eine Wohnkabine. Um das Ganze reisetauglich zu machen, investiert man noch einmal viel:

Gemessen am Gesamtpreis, macht das Basisfahrzeug etwa ein Viertel aus, die Wohnkabine die Hälfte und das letzte Viertel fliesst in die Zusatzausrüstung wie verstärkte Stossdämpfer, Luftkompressor, Aluplatten als Schutz unter dem Motor oder eine Seilwinde.

Travelnews: Sie waren mit diesem Fahrzeug kürzlich in Südamerika, unter anderem in Uruguay. Was waren die Highlights und Herausforderungen dieses Trips?

Wittwer: Wir haben das Auto nach Montevideo verschifft und sind von dort einmal quer durch Südamerika gefahren – vom Atlantik über die Anden bis zum Pazifik und wieder zurück. Die grösste Herausforderung war die Höhe.

Wir sind stundenlang über holprige Sandpisten zwischen 3000 und 5000 Metern Höhe gefahren. Mercedes garantiert eigentlich nur eine Betriebssicherheit bis 2500 Meter.

In der dünen Höhenluft spürt man, dass der Motor an Kraft verliert. Am 4800 Meter hohen Paso de Agua Negra, den wir von der Chilenischen Seite hochgefahren sind, auf steiler, steiniger Piste, ging es schlussendlich nur noch im ersten Gang im Schritttempo um die letzten Kurven.

Es fehlte dem Motor an Sauerstoff. Aber wir haben es geschafft.

Jürg Wittwer
Mit einem Mercedes Sprinter Lieferwagen mit Allradantrieb und Wohnkabine überwanden Jürg Wittwer und seine Partnerin jüngst die Anden. - JW

Travelnews: Gab es auch Pannen? Sie sind ja als TCS-Chef quasi an der Quelle.

Wittwer: (lacht) Tatsächlich war nach dem Verschiffen die Batterie tot. Da wir als Mobilitätsclub weltweit vernetzt sind, greift der ETI-Schutzbrief zum Glück bei Pannen weltweit.

In Uruguay kam der uruguayische Automobilclub und hat die Batterie gewechselt. Die Batterie des Autos ist mit dem komplexen elektrischen System der Wohnkabine verbunden, darum benötigten wir später, am Fuss der Anden, auch noch die Hilfe des argentinischen Clubs, bevor wir das System in einer Mercedes-Garage, welche auch den Aufbau von Ambulanzen repariert, endgültig instand setzen lassen konnten.

Travelnews: Trotz dieses treuen Gefährts planen Sie und Ihre Partnerin eine Veränderung. Sie wollen das Fahrzeug verkaufen. Warum?

Wittwer: Wir wollen tatsächlich auf einen Toyota LandCruiser downgraden. Der Mercedes Sprinter ist hervorragend für lange Strecken und auch schlechte Strassen geeignet. Wir sind mit ihm auch schon durch Dünenfelder in der Sahara gefahren, aber für echtes Offroaden ist er einfach zu gross.

Wir wollen nun ein Fahrzeug das kleiner und beweglicher ist und einen kürzeren Radstand hat. Zudem geht es beim Overlanden in extremen Regionen um die absolute Zuverlässigkeit.

Einen LandCruiser kann man überall auf der Welt und auch in Hinterhof-Garagen flicken. Wenn man stundenlang über Wellblechpisten fährt, rüttelt sich bei einem Lieferwagen wie dem Sprinter doch mal eine Verschalung lose oder ein Sensor verschiebt sich und liefert Fehlermeldungen.

Der LandCruiser ist einfach durch und durch für solche Belastungen gebaut – dafür kommt er in der offiziellen Basis-Version mit Kurbeln, um die Fenster zu öffnen.

Travelnews: Woher kommt diese tiefe Leidenschaft für das Reisen abseits der Zivilisation?

Wittwer: Ich bin in Westafrika, in Ouagadougou, Burkina Faso, aufgewachsen. Damals konnte man noch auf der Algerien-Route die Sahara durchqueren und Ouagadougou war die erste grössere Stadt nach der Wüste.

Wenn ich als 10-jähriger Junge in der Stadt dann ein Auto mit Schweizer Nummernschild entdeckte, habe ich den Abenteurern angeboten, bei uns im Garten zu übernachten und wieder mal eine Dusche zu nehmen. Mein Traum war es immer, eine solche Sahara-Durchquerung irgendwann selbst zu machen.

Später im Leben, mit Karriere und Familie, rückt der Traum erst mal in den Hintergrund. Vor einigen Jahren traf ich dann im Club zum Rennweg in Zürich Thomas Gutzwiller, einen ehemaligen HSG-Professor und er erzählte mir, dass er gerade ein Auto für eine Wüstendurchquerung vorbereitete.

Er fragte mich: «Möchtest du mitkommen?» und ich sagte sofort Ja. Wir kannten uns vorher nicht, und als ich ihn zum dritten Mal in meinem Leben sah, stieg ich in seinen Land Cruiser ein und wir fuhren gemeinsam über 9000 Kilometer durch Marokko, Mauretanien, Senegal, Mali und Burkina Faso bis nach Ghana. Seitdem lassen mich Roadtrips durch abgelegene Regionen nicht mehr los.

Travelnews: Wie schafft es ein Top-Manager wie Sie, sich für solche Reisen über mehrere Wochen auszuklinken?

Wittwer: Für die Südamerika-Reise konnte ich ein Sabbatical nutzen, den man beim TCS nach einigen Jahren nehmen kann – und wir waren zwei Monate weg. Das ist aber die absolute Ausnahme.

Ich habe nicht mehr Ferien als andere Mitarbeiter. Die Afrika-Trips dauerten jeweils drei Wochen. Auf Instagram wirkt es oft, als wären wir ständig unterwegs, weil ich das Material einer Reise über Monate hinweg portioniere.

Instagram
Wittwer: «Auf Instagram wirkt es oft, als wären wir ständig unterwegs.» - Instagram/@vanlifecoco

Organisatorisch glaube ich, dass wir die Rolle des Managers oft überschätzen. Als ich Student war, habe ich für meine Doktorarbeit den Bankier Hans Julius Bär interviewt. Er zeigte auf sein Telefon und sagte: «Ich habe das teuerste Telefon der Firma, aber ich bin der, der es am wenigsten benutzt.»

Wenn beim TCS die Patrouilleure wegen einer Grippewelle ausfallen, haben wir ein Problem. Wenn die Manager Grippe haben, läuft die Organisation trotzdem weiter. Unsere Aufgabe als Führungskräfte ist es, die Richtung vorzugeben, die Einheiten zu koordinieren und den Mitarbeitenden den Rücken freizuhalten, damit sie selbstständig entscheiden können.

Ein gutes Unternehmen läuft auch mal zwei Monate ohne die Spitze. Und dank moderner Satellitentechnik wie Starlink und InReach bin ich im absoluten Notfall ohnehin immer erreichbar und kann mich wie aus dem Homeoffice dazuschalten.

Travelnews: Was macht für Sie den ganz persönlichen Reiz dieser Reisen aus?

Wittwer: In der Schweiz leben wir in einer Komfort-Blase. Alles ist geregelt, sicher und organisiert. Als CEO ist man zudem von Teams umgeben, die einem alles abnehmen. Das Overlanden ist der bewusste Ausbruch aus dieser Sicherheit.

Wenn man mitten in den Anden oder der Wüste völlig auf sich allein gestellt übernachtet, spürt man eine ganz andere Verbindung zu sich selbst und zur Welt. Es relativiert auch die eigenen Sorgen. Wenn man zurückkommt, sieht man die täglichen «Problemchen» in einem ganz anderen Licht.

Es bringt eine tiefe Dankbarkeit zurück – auch für kleine Dinge. Wenn man wochenlang mit einer begrenzten Menge Wasser im Auto auskommen musste – ich weiss, dass ich mit acht Litern duschen und Haare waschen kann – sieht man die Welt anders und man sollte nie vergessen, dass für viele Menschen auf dieser Welt acht Liter reines Wasser ein absoluter Luxus sind.

Travelnews: Blicken wir auf den TCS. Wie läuft das aktuelle Jahr für den Club?

Wittwer: Derzeit laufen alle Geschäftsbereiche sehr gut. Wir erwarten dieses Jahr wiederum ein Mitgliederwachstum von über 30'000, und es zeichnet sich sowohl für die Campingplätze wie die Reiseversicherung eine hervorragende Saison ab.

Reise-Newsletter abonnieren

Interessieren Sie sich mehr für Hintergrundberichte, Reisereportagen und neue Ideen für den nächsten Trip statt für Wirtschaftszahlen der Airlines und Reiseveranstalter? Wollen Sie wissen, was in der vergangenen Woche auf der ganzen Welt passiert ist?

Dann abonnieren Sie den Best-Of-Newsletter von Travelnews.ch und lassen Sie sich immer samstags die besten Storys gratis ins E-Mail-Postfach liefern.

Mit einer Million Übernachtungen und über 650'000 Policen sind wir führend in beiden Märkten. Das Wachstum der Reiseversicherung wird natürlich auch durch die internationalen Krisen angetrieben.

Die Menschen schliessen tendenziell eher die teureren, umfassenderen Produkte ab. Gleichzeitig sehen wir seit Covid eine höhere Schadenfrequenz: Die Leute annullieren Reisen heute schneller als früher.

Travelnews: Wie sieht es bei der jüngeren Generation aus? Findet die Jugend noch den Weg zum TCS?

Wittwer: Ja, bei den Jüngeren wachsen wir sogar überdurchschnittlich. Junge Menschen reisen heute sehr viel und oft. Da macht eine Jahres-Reiseversicherung absolut Sinn. Zudem sind wir preislich, gerade wenn man Europa bereist, sehr konkurrenzfähig.

Oft hilft es natürlich auch, dass die Eltern bereits TCS-Mitglieder sind und den Jungen sagen: «Wenn du einen guten Reiseschutz willst, geh zum TCS

Wüste
In den Anden oder der Wüste völlig auf sich allein gestellt, spüre man eine ganz andere Verbindung zu sich selbst und zur Welt, sagt Jürg Wittwer. - JW

Travelnews: Der TCS breitet sich in immer neue Geschäftsfelder aus: Velo, Drohnen, Cyber, Home. Wie passt das zusammen und wo geht die Reise hin?

Wittwer: Unsere Kernkompetenz ist und bleibt die Hilfe im Notfall. Alles, was wir tun, lässt sich unter den Begriffen «Mobilität» und «Notfall» zusammenfassen. Warum Drohnen? Weil wir überzeugt sind, dass Drohnen in den nächsten 15 bis 20 Jahren eine massive Rolle in der persönlichen Mobilität spielen werden.

Jeder grosse Automobilhersteller investiert bereits Milliarden in diese Technologie. Wenn diese Transformation kommt, wollen wir als TCS bereit sein. Wir sind heute der führende Anbieter für Lastendrohnen in der Schweiz.

Könntest du dir eine längere Reise durch Südamerika vorstellen?

Warum Home? Durch die Elektromobilität wachsen das Haus und die Mobilität zusammen. Man lädt sein Auto zu Hause.

Wenn der Strom nicht fliesst, ist das dann ein Haus- oder ein Mobilitätsproblem? Deshalb lösen wir heute auch Pannen am Haus.

Das Gleiche gilt für die Gesundheit: Wenn man nicht gesund ist, ist die Mobilität eingeschränkt, weshalb wir auch den Notfallschutz für die Gesundheit ausbauen.

Zum Bespiel mit TCS Ambulance, heute die grösste private Ambulanz- und Patiententransport Organisation der Schweiz

Die nächste grosse Mobilitäts-Revolution in den kommenden zwei Jahrzehnten wird das autonome Fahren sein. Das wird den privaten und den öffentlichen Verkehr komplett umkrempeln.

Hinweis: Dieser Artikel wurde zuerst auf «Travelnews.ch» publiziert.

Wenn wir flächendeckend autonome Autos, Shuttles und Robotaxis haben, wird dies nicht nur unsere persönliche Mobilität verändern, sondern auch die Struktur unserer Städte. Die Sternförmigkeit des ÖV wird aufgelöst zugunsten von Querverbindungen, welche sich mit autonomen Fahrzeugen profitabel betreiben lassen.

Das automatisierte Fahren wird die Welt verändern, wie dies die Eisenbahn oder Flugzeug tat. Allerdings wird es noch ein paar Jahre gehen, bis die Technologie genügend ausgereift ist.

Kommentare

Weiterlesen

-
122 Interaktionen
SRF-Star
Die 10 am meisten überschätzten Naturwunder der Welt
8 Interaktionen
Neue Analyse
Der Lufthansa-Konzern höhle die Identität der Swiss zunehmend aus, ist in der Sonntagspresse nachzulesen.
106 Interaktionen
Moritz Suter
Bildung
Bildung

MEHR TCS

TCS
TCS
Raststätte
3 Interaktionen
Beliebte Ferienländer
2 Interaktionen
Baselbiet
3 Interaktionen
Im Kanton Bern

MEHR AUS STADT ZüRICH

Viktorija Golubic
WTA-1000-Turnier
Tourismus Zürich
6 Interaktionen
Erstes Halbjahr 2026
Klassenzimmer Schule
8 Interaktionen
96 Stellen offen
xx
«Für mich»