Wer den Ernst des Lebens sucht, wird ihn finden. Hoffentlich. Das Universum mit seinem Humor lacht trotzdem, ob mit oder über uns.
Mann mit rotem Pulli
Zählen Sie sich im Leben zu den Gewinnern? - Unsplash

Das Wichtigste in Kürze

  • Wie wir eine Situation wahrnehmen, können wir selbst beeinflussen.
  • Die Perspektive entscheidet, was wir sehen und wie wir uns fühlen.
  • André Gassmann ist Coach und schreibt für Nau.ch über die Wahrnehmung unserer Welt.

Kürzlich flatterte mir eine «persönliche Gewinnbenachrichtigung» ins Haus, die ich aus einem Impuls heraus lesen wollte. «Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen…» las ich in roten Grossbuchstaben. Alles klar, ich habe den Jackpot geknackt... .

Womöglich haben neben mir Tausende andere Schweizerinnen und Schweizer (Sie auch?) jene Post erhalten. Auch wenn der Wert dieser Schreiben in aller Regel nicht im versprochenen Gewinn liegt (Ausnahmen soll es geben) habe ich mich darüber amüsiert.

Sie haben recht und Sie auch

Dinge, die uns unerwartet widerfahren, können wir aus mindestens zwei grundsätzlichen Perspektiven betrachten: Etwas geschieht gegen uns oder etwas geschieht für uns.

Und diese extreme Verkürzung der Erkenntnistheorie zeigt sich in unserem Leben mitunter schmerzlich. Es liegt an uns, welche Wahl wir treffen und mit welcher Brille wir das Ganze betrachten.

Mann, gespiegelt
Wir können die gleiche Situation unterschiedlich betrachten und bewerten. - Unsplash

Zugegeben, ein unbestellter Werbebrief ist als Beispiel an Banalität kaum zu übertreffen. Und dennoch ist es ratsam, an kleinen Dinge zu üben, um die Grossen zu meistern.

Szenenwechsel: Wer am Montagmorgen seine Mitreisenden in Bus und Bahn beobachtet, darf gerne Vermutungen darüber anstellen, welche Wahl getroffen wurde und die Summe zusammenzählen.

Möglich durchaus, dass allen dieselbe Werbesendung auf den Magen geschlagen hat. Die Wahrscheinlichkeit deutet auf andere Gründe hin, warum sich hier die Minderheit als Gewinner sieht, geschweige denn fühlt.

Welche rationalen Gründe sollten uns dazu verleiten, uns selbst nicht zu den Gewinnern zu zählen oder uns schlecht zu fühlen? Wer würde seinen Liebsten, den Kindern, seinen Freunden, seinem Haustier diesen Eindruck als Grundperspektive vermitteln wollen?

Warum tun wir etwas wiederholt, das uns keine Erfüllung und Freude bereitet?

Die Einstellung entscheidet

Die Wahl, wie wir etwas sehen, ändert die Tatsache, was wir sehen.

Wenn bei Ihnen nun reflexartig ein Einwand aus Erinnerungen und Bilder von Schicksalsschlägen wach wird, aus dem eigenen Leben oder aus Medienberichten, haben Sie in diesem Moment erkannt, welche Sichtweise bereits gut trainiert ist.

Die Tatsache selbst, so schlimm wir sie auch empfinden, bleibt von unserer Sichtweise unberührt – ein banaler, sachlicher Fakt ohne Wertung. Ein «Gewinnversprechen» das keines ist. Punkt.

Die Meisterschaft läge nun darin, die «wertvolle» Brille aufzusetzen und diesen Aspekt zu finden.

Irren ist menschlich – gewinnen auch

Natürlich haben wir das Recht, das Haar in der Suppe zu suchen. Selbstverständlich dürfen wir uns uns über Vorkommnisse aufregen, die stattfinden – oder eben nicht stattfinden, und die Chance verpassen, uns gut zu fühlen.

Gleichzeitig hat niemand die Pflicht, diese Sichtweise zu teilen, um sich schlecht zu fühlen. Manchmal dürfen wir einfach akzeptieren, dass sich das Universum einen Joke auf unsere Kosten erlaubt, bis wir die Pointe verstanden haben.

Die vielfältigen Nuancen des universalen Humors strapazieren unser Vermögen bisweilen, ihn überhaupt zu erkennen.

Sich zum Glück täuschen

Nüchtern betrachtet liegt es in der Logik des Verstandes, eine gefasste Perspektive und damit Einstellungen, Meinungen, Haltungen um jeden Preis zu verteidigen oder das Aussergewöhnliche überhaupt wahrzunehmen.

Aus seiner Sicht kommen Irrtum und Einsichten lieber nie als spät.

Das mag damit zusammenhängen, dass der Verstand gerne für sich beansprucht, es besser zu wissen. Tatsächlich erliegen wir täglich mehrfach Täuschungen – sie lassen sich nicht vermeiden – auch nicht mit allergrösster Anstrengung.

«Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.« lautet das bekannte Satz aus «Der kleine Prinz» von Antoine de Saint-Exupéry.

Wenn es gelingt, hinter die Fakten und Vorkommnisse zu blicken, wartet inspirierend Neues. Die Perspektive entscheidet, was wir sehen und wie wir uns fühlen.

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Passend zum kleinen Prinzen...Wenn Sie es noch nicht sehen können, entspannen Sie ihre Augen, als ob Sie hindurchblicken würden. - Martin Hawlisch/Wikipedia Creative Commons

Die Werbesendung ist wohl längst verbrannt oder recycelt. Eine Fussnote im Leben, die mir immer noch ein Lächeln aufs Gesicht zaubert – für mich, Gewinn genug.

Was können wir verlieren, wenn wir es uns ganz persönlich erlauben würden, mehr zu gewinnen?

Und wenn Sie das nächste Mal eine Gewinnbenachrichtigung erhalten, öffnen Sie diese unbedingt. Es wartet ein Gewinn, versprochen.

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Der Autor
André Gassmann. - zVg

Über den Autor: André Gassmann ist Coach für erweiterte Intuition und Wahrnehmung, Dozent, Kommunikationsexperte und Ritual- und Zeremonienleiter. Gemeinsam mit seiner Frau Karin unterstützt er als «Die Heldenflüsterer» Menschen im Erforschen und Integrieren ihrer Feinfühligkeit ins Leben. Er entdeckt täglich eine Welt, wie er sie noch nie gesehen hat.

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