Posieren am Pool in der Badi – das steckt dahinter

Maria Brasser
Maria Brasser

Chur,

«Wer am Beckenrand posiert, führt nicht einfach nur die Bauchmuskeln vor», schreibt Neurowissenschaftlerin und Kolumnistin Maria Brasser.

maria brasser
Maria Brasser ist Nau.ch-Kolumnistin. - Daniel Zaugg

Das Wichtigste in Kürze

  • Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser schreibt auf Nau.ch Kolumnen.
  • Heute schreibt Brasser über das Gehirn, das mitrechnet, wer zuschaut.
  • Ich hätte erwartet, dass in der Badi vor allem eitle Menschen posieren, schreibt Brasser

Im Freibad in der Badi Chur: Ich spiele mit meinen Kids auf der Wiese und versuche, die Lage so einigermassen im «Griff» zu haben. Dann sehe ich ihn. Einen Typen am Beckenrand, der sich in Position bringt, als würde gleich ein Fotoshooting starten. Er spannt seine Muskeln an, zieht dabei den Bauch ein – sein Blick schweift heldenhaft in die Ferne.

Ob diesem Anblick muss ich lächeln. Ich fragte mich, was bei diesem Mann jetzt wohl gerade in seinem Gehirn passiert.

Als Hirnfan kann ich es natürlich nicht lassen, der Sache nachzugehen.

Konkret messbar: Das Gehirn liebt Applaus

Wenn wir positive Aufmerksamkeit bekommen, beispielsweise einen bewundernden Blick, einen Kommentar oder ein Like, dann schüttet unser Belohnungssystem Dopamin aus. Das ist keine Metapher, sondern in bildgebenden Studien direkt sichtbar.

Forschende der «University of California in Los Angeles» zeigten Jugendlichen ihre eigenen Fotos mit unterschiedlich vielen Likes – und beobachteten dabei die Hirnaktivität im Scanner.

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Halbnackt am Pool posieren. Kann man machen. Unsere Kolumnistin kennt die Hintergründe. - depositphotos

Das Resultat: Wenn die Teenager eines ihrer eigenen Fotos mit vielen Likes sehen, aktiviert das etliche Hirnregionen. Besonders stark den «Nucleus accumbens», ein zentraler Teil des Belohnungssystems.

Es ist genau jenes Areal, das auch aufleuchtet, wenn wir Schokolade essen oder Geld gewinnen. Das Gehirn unterscheidet dabei kaum, ob die Anerkennung von echten Menschen am Beckenrand oder von Herzchen unter einem Post kommt.

Aufmerksamkeit fühlt sich einfach gut an. Und was sich gut anfühlt, wird wiederholt.

Ein Gehirn, das mitrechnet, wer zuschaut

Sobald wir uns beobachtet fühlen, verändert sich unser Verhalten messbar. Das ist ein Effekt, den man in der Psychologie seit über hundert Jahren kennt.

Spannend ist, welche Hirnareale dabei mitarbeiten. Das Gefühl, beobachtet zu werden, ist eng mit dem medialen präfrontalen Kortex und dem temporoparietalen Übergang verknüpft. Also genau mit den Arealen, die wir auch nutzen, um uns in andere Menschen hineinzuversetzen. Das zeigt ein Forschungsteam der «University College London» in seiner Übersichtsarbeit.

Unser Gehirn simuliert quasi in Echtzeit, was das Publikum wohl über uns denkt. Und passt unsere Haltung entsprechend an.

Wer am Beckenrand posiert, führt also nicht einfach nur die Bauchmuskeln vor. Er oder sie rechnet unbewusst mit, wie die Szene bei den Umstehenden ankommt.

Posiert du in der Badi?

Eine sehr alte Bühne

Sich in Szene zu setzen, ist evolutionär gesehen nichts Neues. Körperliche Präsenz zeigen, das hatte schon immer eine soziale Funktion.

Wer sichtbar Selbstbewusstsein, Kraft oder Fitness zeigt, sendet Signale aus (nicht im Sinne von «besser» oder «wertvoller), sondern: Ich bin eine gute Wahl, als Partner/in, als Verbündeter/e, oder als Teil der Gruppe.

Der Pool ist dabei nur die moderne Version der Lagerfeuer-Bühne. Nackte Haut, viele Zuschauer, perfekte Bedingungen für Statusspiele.

Der Soziologe Erving Goffman hat das schon in den Fünfzigerjahren treffend beschrieben: Menschen verhalten sich in Gegenwart anderer immer wie auf einer Bühne. Beim Baden gilt das besonders, weil der Körper selbst zur Bühne wird.

Nicht nur eitle Menschen posieren

Ich hätte erwartet, dass vor allem eitle Menschen posieren. Die Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild.

Manche Gehirne reagieren einfach stärker auf soziale Bewertung als andere, unabhängig von Charakter oder Eitelkeit. Das ist keine Charakterschwäche, sondern schlicht eine unterschiedlich empfindliche Verschaltung im Belohnungssystem.

Der Typ am Beckenrand ist also nicht automatisch der grösste Narzisst im Freibad. Sondern vielleicht einfach jemand, dessen «Nucleus accumbens» etwas lauter funkt als bei mir auf meinem Handtuch.

Was passiert, wenn keiner hinschaut?

Der eigentlich spannende Test ist deshalb nicht die Pose selbst, sondern das, was danach kommt.

Wer sich auch ohne Publikum wohl in seiner Haut fühlt, hat ein stabiles Selbstwertgefühl, das nicht von aussen bestätigt werden muss.

Wer die Bestätigung braucht, macht sich von etwas abhängig, das er selbst nicht kontrollieren kann. Nämlich Der Reaktion anderer.

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«Der eigentlich spannende Test ist nicht die Pose selbst, sondern das, was danach kommt», sagt Maria Brasser. - Daniel Zaugg

Ich beobachte das bei mir selbst übrigens auch. Dann, wenn ich einen Beitrag auf Social Media poste und dann doch immer wieder nachschaue, ob jemand reagiert hat. Mein «Nucleus accumbens» lässt sich davon offenbar auch nicht lange bitten...

Am Ende ist Posen am Pool also weder peinlich noch verwerflich.

Es ist zutiefst menschlich. Es ist ein Echo aus einer Zeit, in der Sichtbarkeit über Zugehörigkeit entschied. Nur die Bühne hat sich verändert. Vom Lagerfeuer zum Freibad, von der Badi auf den Bildschirm.

Vielleicht schaust du das nächste Mal also etwas gelassener zu, wenn wieder jemand am Beckenrand die Schultern strafft.

Und wer weiss, vielleicht ertappst du dich selbst dabei, ein bisschen aufrechter zu stehen. Mir ist es jedenfalls passiert, kurz bei einem Foto, das von mir gemacht wurde ;) Vielleicht bin ich ja auch nicht ganz so anders als der Typ, über welchen ich gegrinst hatte.

Zur Autorin

Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, dem führenden Spezialisten für die Hirngesundheit. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Programme für Eltern, Schulen und Unternehmen – unter anderem zur Stärkung der mentalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie zu einem klugen, hirngerechten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. Interessiert? Infos unter hirncoach.ch.

Kommentare

User #5053 (nicht angemeldet)

Hehehe. LOL

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