«Michel hat fünf Geschlechter – und das ist gut so!»

Verena E. Brunschweiger
Verena E. Brunschweiger

Zürich,

Geschlecht ist mehr als eine binäre Frage. Doch wer bestimmt eigentlich, was als «normal» gilt? Eine Kolumne von Verena Brunschweiger.

Verena Brunschweiger.
Verena Brunschweiger schreibt regelmässig auf Nau.ch Kolumnen. - zVg

Das Wichtigste in Kürze

  • Dr. Verena E. Brunschweiger schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
  • Heute schreibt sie über die Grenzen der Zweigeschlechtlichkeit.

Die Theorie, dass es fünf Geschlechter gibt, ist nicht neu. Sie wird auch von dem französischen Autor Éric Reinhardt in seinem neuesten Werk L’imparfait, das Anfang 2026 erschien, thematisiert: «masculin, féminin, hybride à dominante masculine, hybride à dominante féminine et enfin hermaphrodite.» (Männlich, weiblich, hybrid mit männlicher Dominanz, hybrid mit weiblicher Dominanz und schliesslich intergeschlechtlich.)

Wobei letztere Option, über die schon der französische Philosoph Michel Foucault bahnbrechende Studien veröffentlichte, auch für Reinhardt besonders anziehend ist:

«Qu’on soit l’un pour l’autre à la fois l’homme et la femme, la femme et l’homme, dans une stricte égalité sexuelle, en miroir.» (Dass man für die andere Person zugleich Mann und Frau ist, in absoluter sexueller Gleichwertigkeit, wie ein Spiegel).

Herculine Barbin, intersexuell im Frankreich des 19. Jahrhunderts, beging bekanntlich nach erzwungener Neuzuordnung zum männlichen Geschlecht Suizid und Foucault wies zeitlebens darauf hin, welche Macht soziale Praktiken und Zuschreibungen haben.

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Geschlecht wird immer wieder neu verhandelt und ist gemäss Foucault stets ein Produkt von Macht und Wissen. (Symbolbild) - pexels

In einer Zeit, in welcher nicht wenige Trans-Jugendliche Suizidgedanken haben und diese Pläne auch traurig oft in die Realität umsetzen, ist es enorm wichtig, sich dieser Personen und ihrer Schicksale zu erinnern – und zwar ganz analog zu Femiziden, die eben auch keine bedauernswerten Einzelfälle schief gelaufener Beziehungen sind, als strukturelles Problem.

Insofern passt auch Éric Reinhardts Fokus perfekt in diese Tradition, wenn er die sexuelle Egalität betont. Normative Hetero-Männlichkeit langweile ihn, so der Autor schon mehrfach – auch das eine wichtige Aussage, die nicht untergehen darf im Meer der Petromaskulinität, wie die US-amerikanische Politologin Cara Daggett es nennt und damit rechtsgerichtete Typen beschreibt, die den menschengemachten Klimawandel leugnen, aber dafür auf Autorität und weisse Vorherrschaft stehen, wozu natürlich auch der entsprechende fahrbare Untersatz gehört: Es lebe der Verbrenner!

Für solche Männer, deren Ideal eher Andrew Tate ist, gibt es immer nur die binäre Matrix: zwei Geschlechter, wobei eins das klar unterlegene ist …

Diese Männer haben ein besonderes Problem mit a) Feministinnen und b) dem Typ Mann, den JD Vance 2024 herablassend als soy boy (Soja-Junge) beschrieben hat: ein Vertreter der intellektuellen Elite, eher links, umweltbewusst, ergo öfter Hafermilch/Soja etc. konsumierend als der Durchschnitt, woke im besten Sinne des Wortes.

Glaubst du, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt?

Solche Männer nehmen auch an CSDs Teil, sei es aus Solidarität, sei es, weil sie selbst offener und beispielsweise bisexuell sind, und engagieren sich für die Rechte von Minderheiten.

Vance, Trump und dergleichen wünschen sich hingegen das traditionelle Männlichkeitsbild zurück, das mit der Abwertung Anderer einhergeht, die Umwelt ruiniert und gerade für Menschen, die nicht weisse Hetero-Männer sind, zwangsweise eine Menge Nachteile mit sich bringt.

Foucault stellt eine andere Sichtweise vor

Foucault hätte am 15. Oktober 2026 seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Passend dazu bringt der Suhrkamp-Verlag immerhin «Wahnsinn und Gesellschaft» (eins seiner bekanntesten Bücher, das den Wahnsinn als soziales Konstrukt begreift) auf die Badeschlappen – eine kleine Investition, die sich analog zu den feministischen Vulvaletten durchaus lohnt.

Geschlecht wird immer wieder neu verhandelt und ist gemäss Foucault stets ein Produkt von Macht und Wissen. Geschichte und Gesellschaft davon getrennt zu betrachten, ist ein Verfahren, das Leute wie Vance benutzen, obwohl es der komplexen Realität nicht entspricht.

Das Stimmvolk von SVP, AfD und FPÖ glaubt vielleicht wirklich daran, die perfiden Strippenzieher hingegen wenden die Taktik an, um das Patriarchat und ihre damit einhergehende Macht zu zementieren und idealerweise auszubauen.

Auch und gerade Frauen kann man damit wunderbar kleinhalten: zuerst Sexobjekt, dann Inkubator für möglichst viele weisse Kinder, dann Altweibercontainer. Allein dieses Frauenbild sollte allen Menschen die Augen öffnen …

Dabei stellt uns Foucault eine ganz andere Sichtweise vor: ähnlich wie Simone de Beauvoir schrieb, man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird dazu gemacht, so zeigt uns der Philosoph, dass man zum homo-, hetero-, bi- oder asexuellen Wesen erst wird.

Verena Brunschweiger
Verena Brunschweiger. - zVg

Wissen schenkt uns die Möglichkeit, Grenzen zu erweitern. Zum Beispiel die engen, allzu einengenden Grenzen der Zweigeschlechtlichkeit. Man kann diese Grenzen überschreiten, was einem eine ungeheure Freiheit verschafft, denn, so Foucault, ein wahres Geschlecht brauchen wir nicht!

Zur Autorin

Dr. Verena E. Brunschweiger, Autorin, Aktivistin und Feministin, studierte Deutsch, Englisch und Philosophie/Ethik an der Universität Regensburg. 2019 schlug ihr Manifest «Kinderfrei statt kinderlos» ein und errang internationale Beachtung.

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