«Eine Kantine ist doch kein Kinder-Spielplatz»
Vielen ist eine erholsame Mittagspause heilig. Was aber, wenn schreiende Kinder in der Arbeitskantine auftauchen? Eine Kolumne von Verena Brunschweiger.

Das Wichtigste in Kürze
- Dr. Verena E. Brunschweiger schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt sie darüber, wie es ist, wenn Kinder in der Kantine auftauchen.
«Wenn eine Familie mit Kindern draussen vor dem Restaurant steht, die Karte studiert und überlegt, hineinzukommen, hofft das ganze Servicepersonal, dass sie weitergehen», gesteht eine Kellnerin im Online-Magazin «Stadt Land Mama».
Und weiter: «Vor allem, wenn Kinder im Alter von zwei bis fünf dabei sind.» Bei grösseren Kindern, so ab acht Jahren, sei es nicht mehr ganz so schlimm…
Die interviewte Servicekraft, übrigens selbst Mutter, führt das näher aus: «Ich ärgere mich darüber, dass viele Eltern heute gar nicht mehr eingreifen, wenn das Kind mit der Deko rumspielt und diese kaputt macht, die Blumenvase oder den Kerzenständer umschmeisst.» Die Eltern würden dann nur sagen: Naja, das sind halt Kinder. «Und breiten dann auf dem Boden die Krabbeldecke samt Spielzeug aus. Sie nehmen einfach oft keine Rücksicht.»
Gerade an ihrem letzten Satz sieht man deutlich, dass alles deutlich weniger schlimm wäre, wenn Eltern auch mal etwas anderes sehen würden, als die Bedürfnisse von sich selbst und die ihrer Kinder.
Wie die eingangs zitierte Kellnerin im weiteren Verlauf des Interviews sagte, würden viele Eltern nicht erkennen, dass ihr Kleinkind noch nicht so weit ist, dass man es mitnehmen kann. Oder aber diese Tatsache einfach ignorieren. Zum Nachteil des Kindes und zum Nachteil der anderen Gäste.

Gehören Kleinkinder in die Arbeitskantine?
Auch und gerade in einer Arbeitskantine möchte man sich doch auch ein wenig entspannen. Und erholen, bevor es zurückgeht an den Schreibtisch. Aber genau dieses Recht der dort arbeitenden Leute treten Eltern mit Füssen und lassen ihr Kleinkind lärmen, was das Zeug hält.
Eine Kantine ist kein Spielplatz und übrigens auch keine öffentliche Gastronomie. Daher würde das Hausrecht sogar erlauben, die entsprechende Cafeteria strikt den in dem jeweiligen Betrieb Arbeitenden vorzubehalten. Aber welcher Arbeitgeber kann oder will es sich schon leisten, Eltern nicht den roten Teppich auszurollen?
Übrigens geben sich auch Museumsbetreiber die allergrösste Mühe, ihre Bildungseinrichtung in eine einzige grosse Kita zu verwandeln.
Wenn man die Website eines x-beliebigen Museums betrachtet, findet man zuallererst einmal Hinweise zu den Wickeltischen, den Stillräumen, der Möglichkeit, Kinderwägen jeden Formats in jede Ausstellung mitzunehmen.
Keine Gespräche mehr möglich
Eine Kunststudentin der «Childfree Community» machte ihrem Ärger Luft und beschwerte sich darüber, dass sie kein einziges Bild mehr betrachten könne, ohne die Hintergrundkulisse von mindestens drei plärrenden Säuglingen!
Auch zu Arbeitsessen scheint es einzureissen, Kleinkinder mitzuschleppen. Natürlich ohne vorher zu fragen, ob das in Ordnung ist. So wurde ein Nicht-Vater von der kleinen Tochter eines Kollegen, die keine fünf Minuten sitzen blieb, immer wieder mit Fragen behelligt und sogar stark in den Arm gepikst, als er beschloss, sie zu ignorieren.
Die Chefin fand das Mädchen «herzig», obwohl es ernsthafte Gespräche für alle am Tisch Sitzenden unmöglich machte.
«Hast du keinen Babysitter gefunden», fragte jemand der restlichen Belegschaft genervt den Vater, nur um herauszufinden, dass dieser das Kleinkind sogar absichtlich mitgenommen hatte. Und in seiner Verblendung nicht einmal sah, wieso die meisten anderen damit ein Problem hatten.
Während Teenager oft schon eher wissen, wie man sich benimmt, ist es schwierig, Kindern zwischen zwei und fünf zu vermitteln, dass das nicht der Ort ist, mit ihren extrem durchdringenden Stimmen kreischend Tischfussball zu spielen. Während Mami oder Papi, noch schnell einen Dessertjoghurt runterlöffeln, mit Kollegen parliert.
Man kann auch abends als Familie kochen. Und dabei so viel Lärm machen, wie man will. Aber die Mittagspause von Kollegen zu beeinträchtigen, deren Kopfschmerzen oder Tinnitus zu verstärken statt ihnen eine ruhige, erholsame Auszeit zu gönnen – all das scheint für manche Eltern schon einen unwiderstehlichen Reiz zu haben.

Zur Autorin
Dr. Verena E. Brunschweiger, Autorin, Aktivistin und Feministin, studierte Deutsch, Englisch und Philosophie/Ethik an der Universität Regensburg. 2019 schlug ihr Manifest «Kinderfrei statt kinderlos» ein und errang internationale Beachtung.








