Stadt Zürich

Zu Besuch in «Little Sri Lanka»

Marco Rüegg
Marco Rüegg

Zürich,

Im Kreis 5 schlägt das Herz der Schweizer Tamil-Diaspora. Noch. Denn der Wandel im Quartier gefährde die kosmopolitische Oase, fürchten manche.

Reise nach «Little Sri Lanka»
Saris in allen Farben und Grössen: Das Geschäft an der Josefstrasse muss bald ausziehen. - Marco Rüegg

Hinter dem Hauptbahnhof im Kreis 5: Spanisch als Lingua Franca. Im El Maiz verkehrt ganz Lateinamerika, aus dem Luchador glotzen mexikanische Wrestling-Masken, weiter hinten eine Taqueria. Plötzlich weht eine Brise Italianità um die Häuser: Panini, eine Pizzeria, die Konditorei Caredda, die Osteria Cinque.

Spätestens auf Höhe Langstrasse fallen Menschentrauben auf, die sich vom Rest abheben. Damen in Absatzschuhen und Satinkleidern, paillettenbesetzte Foulards um die Schultern. Schnurrbärtige Männer, Bundfaltenhosen, Hemden hochgeknöpft.

Wenn sie miteinander sprechen, klingt das für unsere Ohren wie das Vorwärts-spulen bei den guten alten Tapedecks. Wir sind am Ziel: «Jaffnatown Switzerland».

Rückblende: Nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft spitzte sich ab den 1960er-Jahren die Lage auf Sri Lanka zu. Eine buddhistisch-singhalesische Mehrheit setzte rechtliche Vorteile durch, folglich forderten im Osten sowie in der Nordprovinz Jaffna heimische Hindu-Tamilen die Unabhängigkeit. Im Juli 1983 eskalierte der Konflikt zum Bürgerkrieg.

Die Regierungsarmee kämpfte gegen separatistische Rebellen, allen voran die Tamil Tigers. Bis die Armee 2009 den militärischen Sieg errang, starben schätzungsweise 100’000 Menschen. Ein Vielfaches floh.

Von Barrakuda bis Bonito: Die Fischtheke an der Quellenstrasse.
Von Barrakuda bis Bonito: Die Fischtheke an der Quellenstrasse. - Marco Rüegg

«Als Kind fürchtete ich mich vor Reisen in den Süden», erinnert sich Rajan Rajakumar. «Früh realisierte ich die Spannungen zwischen den Ethnien. Singhalesische Freunde hatte ich trotzdem.»

Er verliess die Heimat mit der allerersten Fluchtwelle und landete im Sommer 1983 in einem Zürich, das Neuankömmlingen skeptisch begegnete. Der junge Mann bekommt hartes Brot zu essen.

Er verdaut es schnell und frei von Bitterkeit. Einige Wochen, nachdem er nach eigener Aussage von der Fremdenpolizei verprügelt wurde, verdiente er eigenes Geld in einer Restaurantküche. Als Verkäufer bei der Migros wurde er zum Käsegourmet, im Angesicht der Bündner Alpen zum begeisterten Wanderer.

2003 schloss er die Ausbildung zum diplomierten Familientherapeuten ab und engagiert sich seitdem als Vermittler zwischen den Kulturen. «Stapelweise wurden Asylgesuche abgelehnt», erinnert sich wiederum Mahaventhan Maharajah an die Situation bei seiner Ankunft in der Schweiz 1988.

Erst nach und nach realisierten die Schweizerinnen und Schweizer: Diese Tamilen tun niemandem weh. Im Gegenteil: Fleissig, zuverlässig und anpassungsfähig, fanden sie Anstellungen im Detailhandel, in der Pflege oder in der Gastronomie.

Die anfängliche Ablehnung verwandelte sich in Akzeptanz, gar Beliebtheit. Elf Jahre lebte Vollblutgeschäftsmann Maharajah im Bündnerland, fand Freunde unter Motorradfans, im Schützenverein und gründete mit einer Schweizerin eine Familie.

1999 eröffnete er das erste Spezialitätengeschäft für Heimweh-Tamilen in der Stadt Zürich, den India Supermarket an der Josefstrasse 91. Im einstigen Industriequartier, wo fast vier Dekaden zuvor südeuropäische Gastarbeiter einen Hafen fanden, ploppen um die Jahrtausendwende fernöstliche Mode- geschäfte auf, Bijouterien, Reise-büros.

An den Mauern werben heute Plakate für «Kollywood»-Kinonächte – Filme aus der tamilischen Filmindustrie –, für Tempelfeste und einen Fussballclub.

Streetwear statt Samosa

Es ist Samstag, und durchs Quartier kurvt eine Tour de Suisse der Nummernschilder: TG, SZ, FR. Auf der Heckscheibe eines blank polierten Teslas prangt das Wappen der Tamil Tigers.

Am Anfang der Quellenstrasse hat Sandru Somthirabala eine Parklücke für seinen Skoda erobert. Regelmässig pilgere er in die Limmatstadt, berichtet der St. Galler, während er drei zum Bersten volle Plastiktüten im Kofferraum verstaut.

Shopping
Das junge Paar ist aus Solothurn zum Shopping in den Kreis 5 gekommen. - Marco Rüegg

Im Lebensmittelladen an der Quellenstrasse 1 stapeln sich bunte Linsenberge, Gewürze von Marrakesch bis Delhi, Reissäcke, schwer wie Babyelefanten. Bananen in Rot und Grün, von winzig bis riesig, Auberginen in Rund und Lang, Weiss und Pink.

«Drumsticks», erklärt Sandru, als wir fragend eine Gemüsestange von der Länge eines Golfschlägers betrachten. An der Stirnseite des Schlaraffenlands die Hauptattraktion: der frischfischige Hochadel des Indischen Ozeans, von Barrakuda bis Bonito, per Kreissäge wunschgemäss portioniert.

Bei Ravi Jewellery an der Josefstrasse 105 probieren zwei junge Frauen Colliers an. «Für die Hochzeit einer Cousine», erklären Anjsheena und Aranika.

Edelschmuck gehöre ähnlich unverzichtbar zu solchen Feiern wie das spezifische Essen. Draussen rauchen die Partner der Schwestern Zigaretten, blinzeln ungeduldig zwischen Handy und Laden hin und her.

«Männer denken immer an das Eine», witzelt Aranika. «Sie haben Hunger!» Kein Wunder, wenn dieses typische Aroma in der Luft liegt, komponiert aus Kurkuma und Basmati, Bratöl, Chili, einer Prise Fernweh.

Der Koch des Restaurants Cima an der Motorenstrasse 25 nutzt die nachmittägliche Flaute für eine Pause mit Reis und Curry. «Wir haben gelauert, bis dieses Lokal frei wurde», berichtet Chandran Klimarasamy.

«Wir wollten unbedingt präsent sein im Kreis 5.» Es ist der zweite Standort, deutlich grösser als das Mutterhaus bei der Kaserne. Allerdings laufe es nach einem Jahr eher mittelmässig.

«Wir brauchen Geduld», ist der Gastgeber überzeugt. «Die Konkurrenz kann auf ihr Stammpublikum zählen.» Er schielt verstohlen zu Maneez, gleich vis-à-vis.

Warst du schon einmal in «Little Sri Lanka» im Kreis 5?

Dort, an der Josefstrasse 137, herrscht Rushhour. Drei Generationen drängen um einen Tisch, den Einkauf unter den Stühlen deponiert. Chef Ratnasigamani Thangarajah übt den Multitasking-Modus, quasi simultan schöpft er Chicken Masala für einen Hipster in eine Take-away-Box, kassiert ein und ruft die nächste Bestellung in die Küche.

Laut muss er sein, um gegen das «Rack-a-tack-a-tack» der Messerklingen anzukommen, mit denen Fladenbrot in Streifen gehackt wird. Diese landen mit Frühlingszwiebeln, Gemüsecurry, Ei und wahlweise Fleisch im Wok – voilà, Kottu Roti!

Allerdings wird dieses rhythmische Hacken im September verstummen. Alle 40 Mietparteien der Liegenschaft erhielten im Juli 2025 die Kündigung.

Ein Leuchtturm der Gemeinschaft geht verloren, neben Maneez schliessen eine tamilische Gemischtwarenboutique sowie ein Textil- und Schmuckhandel. Bereits leer steht der einstige Foods&Goods.

«Wir möchten in der Nähe bleiben», beteuert Thangarajah. Bis dato habe sich keine Option aufgetan. Im Vorfeld ist bereits der Sindi-Cornershop an der Josefwiese einem Popup-Store gewichen, Streetwear statt Samosa. Und am Röntgenplatz schäumt jetzt ein Café Matcha Latte, wo zuvor Kokosnüsse und Ceylon-Tee über die Theke gingen.

Manche Anwohnende begrüssen diese Tendenz. Sie hoffen auf weniger Verkehr, weniger Geruchsemissionen. Schwerer wiegen die Vorwürfe, aus der Schweiz würden die Überreste der Tamil Tigers finanziert. «Geld aus der Schweiz bewirkt auf Sri Lanka so viel Gutes!», kontert Mahaventhan Maharajah.

Er unterstütze rund 40 Familien, bezahle Schulgeld, Studiengebühren. Ausserdem würden durch hiesige Spenden Häuser für Arme gebaut oder technische Geräte für Kliniken angeschafft.

Streng traditionell Familientherapeut Rajan Rajakumar kennt auch die andere Seite der Geschichte aus erster Hand. Er erzählt von Landsleuten erster Generation, die sich isolieren, nach über 30 Jahren noch immer kaum Deutsch sprechen. Von Männern, deren Alkoholkonsum ausartet.

Rajakumar
Therapeut und Kulturvermittler Rajan Rajakumar (67) kennt auch die Kehrseiten so mancher Migrationsgeschichte. - Marco Rüegg

Von Ehepaaren, die gegen aussen eine heile Welt vorspielen, derweil es im Inneren brodelt. «Etwa 70 Prozent denken bis heute streng traditionell», schätzt der 67-Jährige. Eine Scheidung? Ausgeschlossen.

Dazu kommt der Konflikt einer weltoffenen zweiten Generation mit der Werthaltung ihrer konservativen Eltern. Freiheitsdrang und Lebenslust prallen auf patriarchalische Strukturen, Kastendenken, arrangierte Ehen.

«Diese Jungen stehen unter extremer sozialer Kontrolle, denn in der Gemeinschaft kennt jeder jeden», erklärt Rajakumar. Wehe, wenn der Bekannte des Vaters jemanden im Ausgang beobachtet, geschweige denn beim ausserehelichen Knutschen.

Wie reagiert der Therapeut in solchen Fällen? «Durch eigene Erfahrungen sowie Reisen zu indigenen Gemeinschaften, unter anderem in Nordamerika, ermutige ich Eltern, den Menschen zu sehen statt die Ethnie. Und sich zu vergegenwärtigen, welche Chancen in der Schweiz für ihren Nachwuchs bereitliegen.»

«Unter Tamilen kann heute jeder alles erreichen», glaubt Maharajah. Es brauche immer Zeit, bis sich überholte Vorstellungen aufweichen, gibt er zu bedenken, während er im Laden Honigmangos nachlegt und die Kundschaft begrüsst, viele mit Namen.

Kürzlich expandierte er und führt im Viertel seinen separaten Kosmetikshop. Die Tamilen seien zu stark im Kreis 5 verwurzelt, als dass zwei, drei Kündigungen daran etwas ändern würden. Man helfe einander aus, und schliesslich schätzen auch Vollblut-Zürcherinnen und Zürcher das bisschen Feriengefühl vor der Haustür.

Junge Frau an der Spitze

Überhaupt scheinen jene, die vom Wandelamstärksten betroffen sein dürften, der Entwicklung mit bemerkenswerter Gelassenheit zu begegnen. Einige Treffpunkte mögen verschwinden, andererseits entstehen neue.

Wie das zweite Cima. Die indisch-vegetarische Restaurantkette Saravanaa Bhavan brachte unlängst eine Trendmarke in den Kreis 5, ihre Filiale ist ziemlich voll, das Durchschnittsalter tief, die Klientel durchmischt.

Von der Josefstrasse 137 zügeln die Saris und Schmuckstücke der SKT-Boutique nächstens an die Hardturmstrasse. Das Geschäft gehört, wie der Supermarkt an der Quellenstrasse, zu SK Trading, gegründet in den Neunzigern von der Familie Kathirgamanathan.

Momentan läuft die Stabsübergabe von Patron Subramaniam an Tochter Maathanghi Kathirgamanathan, die in London Mode und Wirtschaft studierte.

Eine dynamische junge Frau an der Spitze einer Zürcher Tamil-Institution? Man darf das als Zeichen auslegen. Und blicken wir über den «Kreis Curry», über Zürich hinaus, meistert die tamilische Gemeinschaft den Spagat zwischen heimatlicher Prägung und westlichem Umfeld so athletisch wie selten eine andere.

Tama Vakeesan zählt zu den beliebten TV-Gesichtern des Landes, die St. Galler Tamilin Priya Ragu zu den erfolgreichsten Pop-Exporten. Wo geflüchtete Eltern noch im Service oder in der Pflege schufteten, streben ihre Kinder die Berufsmatura an, gehen an die ETH oder die Universität.

«Jaffnatown» bleibt – und bleibt im Wandel. Wie der ganze Kreis 5. Wie ganz Zürich, in dessen Puzzle es zum unverzichtbaren Teil geworden ist.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

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