Meret Schneider: Ist die KI der Wegbereiter für ein Grundeinkommen?

Meret Schneider
Meret Schneider

Stäfa,

Wenn führende Köpfe aus der KI-Branche und CEOs umsatzstarker Unternehmen über ein Grundeinkommen diskutieren, lasse das aufhorchen, schreibt Meret Schneider.

Meret Schneider Künstliche Intelligenz
Nationalrätin Meret Schneider. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Nationalrätin Meret Schneider (Grüne) schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
  • Heute schreibt Schneider über die Folgen von Künstlicher Intelligenz.
  • Die Idee: Gesparte Löhne durch KI könnte man besteuern.

Ein Grundeinkommen? War das nicht die Idee einiger Montessori-geprägter Gutmenschen ohne Arbeitsethos und Leistungsgedanken? Nun ja, die Zeiten ändern sich.

Kaum eine Woche vergeht ohne Meldungen von Unternehmen, die im grossen Stil Jobs streichen und Menschen entlassen. Einige, wie die Online-Apotheke «Doc Morris» in Frauenfeld, begründen dies ganz offensiv mit der Effizienzsteigerung durch Künstliche Intelligenz.

Andere sind beim Einsatz von KI-Systemen weniger transparent. Sie sprechen von «Kostensenkungen» und «Produktivitätsgewinnen». Doch auch hier dürfte KI einen massgeblichen Einfluss haben.

Diese Entwicklungen beschäftigen zunehmend auch führende Köpfe der KI-Industrie wie Dario Amodei (Chef von Anthropic) oder den Professor und Anwalt Xavier Oberson, der unter anderem Unternehmen beim Optimieren von Steuern hilft.

Dario Amodei Anthropic
Dario Amodei, Chef von Anthropic. - keystone

Künstliche Intelligenz sorgt für beunruhigendes Ungleichgewicht

Sie analysieren die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt. Und mögliche Reaktionen und Strategien der Politik, um möglichst Potenziale zu nutzen – und nicht nur Risiken zu minimieren.

Dabei kommen sie, wie so oft, wenn Personen ausserhalb der Politik Lösungsvorschläge zu Handen der Politik formulieren, zu gleichermassen unkonventionellen wie innovativen Ansätzen.

«Regierungen stehen seit Langem vor dem Problem, wie sie Wirtschaftswachstum fördern, gleichzeitig wichtige öffentliche Dienstleistungen bereitstellen und die Versorgung der Bedürftigsten gewährleisten können», schreibt Dario Amodei in einem Essay.

Wenn wir nach der klassischen Volkswirtschaftslehre davon ausgehen, dass Wirtschaftswachstum durch das Zusammenspiel von Kapital, Arbeit und Produktivitätsfortschritten entsteht, dann bringt uns das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz in ein beunruhigendes Ungleichgewicht.

Freust du dich über die Fortschritte mit KI?

Wenn die Künstliche Intelligenz die meisten kognitiven Aufgaben deutlich besser als Menschen bewältigen kann, liegt die Vermutung nahe, dass dies durch die Beschleunigung von Wissenschaft, Technologie und betrieblicher Effizienz zu extrem schnellem und robustem Wirtschaftswachstum führen könnte, in dem der Wert menschlicher Arbeit sinkt.

Die iterative Fähigkeit der Künstlichen Intelligenz, immer bessere KI zu entwickeln, könnte dieses Wachstum noch weiter beschleunigen.

Die zentrale wirtschaftspolitische Frage wird daher künftig nicht mehr sein, wie sich Wachstum erzeugen lässt, sondern wie sich sicherstellen lässt, dass möglichst viele Menschen daran teilhaben.

KI
Künstliche Intelligenz ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. - keystone

Gesparte Löhne könnte man besteuern

Und hier kommt der Steuerrechtsprofessor Xavier Oberson, Steueranwalt, ins Spiel, der aus einer etwas pessimistischeren Perspektive auf die Thematik blickt. In seinem Buch «Taxing Artificial Intelligence» zeichnet er ein ziemlich düsteres Szenario.

Xavier Oberson.
Xavier Oberson. - zvg

Er schreibt: Wenn die künstliche Intelligenz so viele Arbeitsplätze obsolet macht, wie befürchtet, hätte dies wirtschaftlich und sozialpolitisch katastrophale Konsequenzen.

Ohne die Einnahmen würden die Sozialwerke zusammenbrechen. Und ohne Einkommen würden die Leute nichts mehr einkaufen, die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer brächen weg. Gleichzeitig müsste der Staat viele Arbeitslose unterstützen, sagt Oberson in einem SRF-Beitrag weiter.

Neue Steuereinnahmen durch Künstliche Intelligenz. Eine gute Idee?

Seine Schlussfolgerung: Wir müssen andere Steuereinnahmen finden. Diese sieht er in der Besteuerung von Künstlicher Intelligenz.

Wenn also eine Firma ihre Angestellten entlässt und sie mit der Künstlichen Intelligenz ersetzt, spart sie Löhne. Und diese gesparten Löhne könnte man besteuern. Alternativ könnte man die Technologie selbst besteuern.

Nur wer investieren kann, profitiert

Der zweite Grund für eine Besteuerung von Künstlicher Intelligenz sei, dass die neue Technologie die Kluft zwischen Arm und Reich vergrössere. Nur wer Kapital investieren kann, profitiert von den steigenden Unternehmensgewinnen dank der Künstlichen Intelligenz.

Wer hingegen auf ein Arbeitseinkommen angewiesen sei, riskiere, seinen Job zu verlieren.

Und hier finden sich Steuerrechtler Oberson und Anthropic-Chef Amodei. Auch Amodei bringt das disruptive und spalterische Potenzial von KI ins Spiel. Und auch er plädiert für eine KI-Steuer, die darauf abzielt, direkt die aktive Leistung von KI-Modellen zu besteuern.

Dividende an die Bevölkerung?

Die Einnahmen könnten als eine Art gesellschaftliche Dividende an die Bevölkerung zurückfliessen – ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle.

Amodei sagt: Nur wenn breite Bevölkerungsschichten am Wohlstandsgewinn der Künstlichen Intelligenz beteiligt würden, lasse sich verhindern, dass technischer Fortschritt zu einer immer grösseren wirtschaftlichen Spaltung führt.

Lese ich richtig? Zwei hochrangige Köpfe aus Industrie und Wirtschaft argumentieren ganz kühl und berechnend für ein bedingungsloses Grundeinkommen, ohne sich des Gutmenschentums verdächtig zu machen.

Als bekennender Gutmensch macht mich das richtig glücklich. Denn ich bin überzeugt, dass es genau dies jetzt braucht. Nämlich Menschen aus Wirtschaft und Wissenschaft, die das Grundeinkommen oder ähnliche Modelle wieder in die Politik einspeisen. Aus ganz anderen Gründen, aus einer ganz anderen Ecke.

Wer weiss, vielleicht erhält es dadurch eine zweite Chance.

Meret Schneider.
Nau.ch-Kolumnistin: Nationalrätin Meret Schneider. - zVg

Zur Person

Meret Schneider (33) ist Mitglied des Schweizer Nationalrats. Sie arbeitet als Projektleiterin beim Kampagnenforum. Weiter ist sie Vorstandsmitglied der Grünen Partei Uster ZH.

Kommentare

User #3850 (nicht angemeldet)

Zur Frage: Nein, die KI ist der Wegbereiter zur Unterdrückung der freien Meinungsäusserung.

User #4251 (nicht angemeldet)

Würde man die Automationsgewinne durch KI und die Microtax kombinieren, dann wären die Probleme und die Finanzierung des BGE gelöst. Allein Felix Bolligers und Jacob Zgraggens minimale Microtax auf Finanztransaktionen könnte alle Steuern ablösen. Sie würde erst noch die Finanzcasino-Gewinner zur Kasse bitten, statt die ausgebeuteten Arbeiter und die abgezockten (Zwangs-)Konsumenten. Und damit ist auch klar, dass solche Ideen von unseren Eliten und ihren Nutzniessern vehement bekämpft werden.

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