Guten Vorsatz gebrochen – du bist ein schlechter Mensch!
Hilfe, ich bin gescheitert! «Gute Vorsätze werden zu Persönlichkeitstests», schreibt unsere Kolumnistin Maria Brehmer.

Das Wichtigste in Kürze
- Beraterin Maria Brehmer begleitet Menschen, die weniger trinken wollen.
- Heute schreibt sie über den «Dry January» und die guten Vorsätze.
- Gewusst? 80 Prozent geben ihre guten Vorsätze bis zum 19. Januar wieder auf.
Ein paar Tage noch, und der «Dry January» ist offiziell um. Inoffiziell aber könnte der Monat des bewussten Alkoholverzichts bei vielen bereits Schnee von gestern sein. Studien zufolge geben 80 Prozent ihre guten Vorsätze bis zum 19. Januar wieder auf – man nennt das Datum auch den «Quitter’s Day».
Es geht nie um den guten Willen
Ich stelle mir vor, ich hätte diesen Januar getrunken, obwohl ich es mir zuvor anders vorgenommen hatte. Ein, zwei Gläser Wein an einem gewöhnlichen Donnerstagabend, kein Absturz, aber doch mit einer gewissen Dringlichkeit – und anschliessender Erleichterung.

Das eigentliche Problem wäre nun nicht, dass ich meinen guten Willen, gesünder zu leben, in den Wind geschossen hätte.
Sondern wie ich auf diesen Zwischenfall reagieren würde. Denn es ginge dabei wenig um die Gläser an sich.
Kreative Rechtfertigungen
Ist ein Vorsatz gebrochen, reagieren wir typischerweise wenig objektiv auf das, was passiert ist.
Ich hätte mir früher nicht einfach gesagt: Ich habe getrunken, obwohl ich eigentlich nicht wollte. Was mache ich jetzt damit? Stattdessen werden wir erstaunlich kreativ, um anderen oder auch uns selbst dieses «Nicht-Schaffen» zu erklären.
Mit Selbstironie zum Beispiel: Grossartig – «Dry January» bis zum 27. durchgehalten, Rekord!
Oder mit Verharmlosung: Es waren doch nur zwei Gläser, Das ist ja wohl kein Drama.
Mit Dramatisierung: Jetzt ist alles egal, da kann ich es auch wieder unkontrolliert laufen lassen!
Mit einem Vergleich: Andere trinken weit mehr als ich! Andere haben den «Dry January» nicht einmal angefangen!
Oder mit dem Klassiker, der Selbstabwertung: Ich kriege das einfach nicht hin. Typisch ich, einfach nicht diszipliniert genug.
Es geht nie nur um das Getränk
Keine dieser Reaktionen sagt etwas über Alkohol aus oder wie wir ihn konsumieren. Aber sehr viel über unseren Umgang mit vermeintlichem Versagen.
Denn bei der Diskussion ums Trinken – oder Nicht-Trinken – geht es immer auch um Fragen, die über die Flüssigkeit hinausgehen. Es geht um Selbstkontrolle. Disziplin. Um die Fähigkeit, sich im Griff zu haben.
Bist du undiszipliniert und schwach?
Wer «Nein» sagen und sich selbst auferlegte Regeln befolgen kann, gilt als stark (oder fühlt sich selbst als das). Wer «Ja» sagt zu offiziell ungesunden Gewohnheiten, wird nicht selten in die Ecke der Schwachen und Undisziplinierten gestellt (oder stellt sich selbst dorthin).
In einer Leistungsgesellschaft, in der Selbstkontrolle als Tugend gilt, wird Alkohol so zur Bühne für Charakterfragen.
Versagen lauert hinter jeder Ecke
Wer wie lebt, ist zusehends eine Frage der Moral. Es geht nicht mehr nur darum, gesund zu sein – sondern darum, alles richtig zu machen. Verantwortungsvoll und vorausschauend. Bewusst!
Wer das nicht schafft, hat nicht einfach ungesund gelebt, sondern versagt. Gute Vorsätze werden zu Persönlichkeitstests. Wir stellen nicht einfach fest: Ich habe heute getrunken. Sondern wir bewerten unser Handeln: Ich bin gescheitert!
(K)eine Frage des Charakters
Dabei sind Alkoholentscheidungen keine Frage des Charakters. Vielmehr fällen wir sie funktional, emotional, kontextuell.
Sie sagen etwas darüber aus, was wir suchen, wonach wir uns sehen oder was uns fehlt – nichts aber darüber, ob wir «gute» oder «schlechte» Menschen sind.
Vielleicht ist die bessere Frage also nicht: Wie viel darf ich trinken? Welche Menge ist noch okay, gesund, was fällt für mich noch unter «Selbstkontrolle»?
Sondern: Wie sehe ich mich selbst im Licht meines Trinkverhaltens?
Schluss mit der Selbstbewertung
Ich habe irgendwann aufgehört, mein Trinkverhalten zu bewerten. Spätestens ab dem Moment, als ich vor über fünf Jahren den Alkohol für immer habe stehen lassen. Weil ich begriff, dass Alkohol nicht darüber entscheidet, wer wir sind.

Zur Autorin
Maria Brehmer lebt seit fünf Jahren alkoholfrei. Als ehemalige Journalistin und heutige Beraterin und Podcasterin schreibt und spricht sie über Selbstbestimmung, gesellschaftliche Trinknormen und ein gutes Leben ohne Alkohol. In ihren Online-Programmen begleitet sie Menschen, die weniger trinken wollen: Mehr Infos unter fraubrehmer.com.








