Toxischer Freund: So hilft «Dry January» wirklich!

Maria Brehmer
Maria Brehmer

Zürich,

Alkohol, der toxische Freund. «Er kann sehr viel Spass machen. Bis er anfängt, die Dinge zu verkomplizieren», schreibt unsere neue Kolumnistin Maria Brehmer.

Maria Brehmer
Maria Brehmer ist neue Nau.ch-Kolumnistin. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Beraterin Maria Brehmer begleitet Menschen, die weniger trinken wollen.
  • Sie selbst lebt seit einer Silvesternacht vor fünf Jahren alkoholfrei.
  • Wer entspannt mit Alkohol sei, brauche keine Trinkpausen, schreibt Brehmer.
  • Man könne den Januar gerne als Anlass nehmen, um genauer hinzuschauen.

Wie praktisch, dass im Januar so viele eine Alkohol-Pause machen. Ein Mineralwasser statt Bier zum Feierabend fällt nicht weiter auf.

Und während der Kräutertee an Weihnachten noch gute Argumente gebraucht hätte, lässt er sich jetzt ganz einfach mit «Detox» erklären. Schliesslich heisst das Zauberwort zum Jahresstart nicht Genuss, sondern Gesundheit.

Kollektives Verzichten ist halb so wild

Ja, wir wissen alle, dass zu viel Alkohol nicht gut für uns ist.

Für eine gewisse Zeit nichts trinken, das passt ganz wunderbar zu unserem gesundheitsbewussten Zeitgeist. Und verzichten wir kollektiv auf den Rausch, ist alles halb so wild.

Doch ist der «Dry January» erst einmal um, die Leber erholt und das Gewissen beruhigt, geht’s weiter wie immer. Denn so ein Leben ganz ohne? Das dann doch nicht.

Hast du über die Feiertage zu viel Alkohol getrunken?

«Alkohol-Management»

Ich weiss, wovon ich rede. Jahr für Jahr trank ich wochenweise nichts. Vor allem, weil ich mir danach mit dem beruhigenden Gefühl von Kontrolle wieder erlaubte, genauso weiterzumachen wie zuvor: Nicht jeden Tag, aber doch mehrmals die Woche.

Nicht jedes Mal zu viel, aber doch gerne viel.

Beim Essen im Restaurant oder zuhause, beim Feiern mit Freundinnen, in den Ferien am Strand: Alkohol gehörte für mich fast überall dazu.

Damit Kater nicht zu oft und Gewissensbisse nicht zu laut wurden, managte ich mein Trinken mit selbst aufgestellten Regeln: Drei Mal in der Woche höchstens zwei Gläser, am Wochenende gerne mehr. Oft auch mehr, als ich mir fest vorgenommen hatte.

Ja: Alkohol kann sehr viel Spass machen. Bis er anfängt, die Dinge zu verkomplizieren.

Maria Brehmer
Die persönliche Beziehung zu Alkohol sei eine emotionale, schreibt Maria Brehmer. - zvg

Die Nacht, in der die Entscheidung fiel

Es war ein Neujahrsmorgen, als ich mit angezogenem Glitzerkleid und im Gesicht verschmierter Mascara aufwachte.

Mein Blut fühlte sich an, als sei es mit Kohlensäure versetzt, in meinem Kopf pochte ein Hammer. Ich wusste nicht mehr alles von letzter Nacht.

Was ich wusste: Das war mindestens eine Flasche Champagner zu viel. Was ich noch nicht wusste: Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass ich Alkohol trank.

Trinken: Mit zweierlei Mass gemessen

Ginge es nach der WHO, trinken 85 Prozent der Schweizer Bevölkerung mehr, als gesund ist.

Denn neu gilt: Es gibt keine gesundheitlich unbedenkliche Menge. Das gesunde Glas Wein? Leider ein Mythos.

Diese Empfehlungen treffen auf eine Realität, in der Alkohol nach ganz anderen Kriterien bewertet wird. Wer beim Apéro mit einem Glas in der Hand dasteht, fällt nicht auf.

Wer keines will, dagegen schon. Trinken ist gesellschaftliche Norm, ja erwünscht.

Die Beziehung zu Alkohol ist eine emotionale

Genau deshalb lässt sich das Empfinden, zu viel zu trinken, nicht diktieren.

Die persönliche Beziehung zu Alkohol ist eine emotionale, die weder mit Mengenangaben noch mit schulmedizinischem Wissen über die karzinogene Wirkung von Ethanol aufgelöst werden kann.

Ganz so wie bei einem Partner, der einem schon lange nicht mehr guttut, bei dem man aber trotzdem bleibt. Obwohl die Streitereien immer mehr werden.

Weil man hofft, dass es irgendwann wieder besser wird. Oder weil man so viele schöne Erinnerungen teilt. So lange, bis man realisiert: Jetzt sollte ich mich wirklich trennen.

Wer braucht keine Trinkpausen?

Seit jener Silvesternacht vor fünf Jahren lebe ich ohne. Ohne Prosecco am Freitagabend, ohne Wein zum Fondue, ohne Bier zur Grillade.

Die Rechnung ging einfach nicht mehr auf: Alkohol nahm mir mehr, als er mir gab. Rückblickend erkenne ich, dass es schon lange zu viel war.

Ist «Dry January» etwas für dich?

Wer entspannt mit Alkohol ist, braucht keine Trinkpausen. Und wer nicht regelmässig die Erste an der Bar ist, braucht auch keinen «Dry January», um es ein paar Wochen lang ausnahmsweise nicht zu sein.

Wer sich hingegen fragt, ob Alkohol im eigenen Leben vielleicht mehr Raum einnimmt als gewünscht, kann den Januar als Anlass nehmen, genauer hinzuschauen. Behandelt er mich noch gut? Oder fiel er mir schon öfter in den Rücken?

Gibt er mir Energie – oder kostet er mich inzwischen mehr, als ich bereit bin zu geben? Das alles ist nicht nur eine Frage von Richtwerten, sondern vor allem von persönlichem Empfinden.

Ich habe mich getrennt. Und ich vermisse ihn nicht.

Zur Autorin

Maria Brehmer lebt seit fünf Jahren alkoholfrei. Als ehemalige Journalistin und heutige Beraterin und Podcasterin schreibt und spricht sie über Selbstbestimmung, gesellschaftliche Trinknormen und ein gutes Leben ohne Alkohol. In ihren Online-Programmen begleitet sie Menschen, die weniger trinken wollen: Mehr Infos unter fraubrehmer.com.

Kommentare

User #1946 (nicht angemeldet)

Ich trinke im znueni zwei kafi fertig, am mittag Dreie bier und kafi fertig, zwischendurch immer bier. Feieraband 5 flasch bier mit nen kurzen. Gott beschuetze uns. Ingemar (58)

User #4966 (nicht angemeldet)

Hatte mit 12 erster vollrausch bei familienfest auf der alp, war wunderschoen. Urs (64)

Weiterlesen

Weihnachtsfeier
94 Interaktionen
Festtags-Party
Mann im Bett hält sich den Kopf, daneben Weinflaschen und ein Glas mit Alkohol.
8 Interaktionen
Studie
29 Interaktionen
Bern
Symbolbild Ferien
25 Interaktionen
Gewusst?

MEHR AUS STADT ZüRICH

Kanton Zürich
2 Interaktionen
Aufgepasst an Demos
1 Interaktionen
Zürich
Irina Beller
Hausverbot
9 Interaktionen
Zürcher Unispital