Dry January: Ist Masshalten zu unspektakulär?
Der «Dry January» kommt mit moralischem Beigeschmack daher. Ist Masshalten zu unspektakulär für den heutigen Zeitgeist?

Ist es Ihnen auch aufgefallen? Der Januar hat neuerdings etwas Strenges. Kaum ist das neue Jahr da, soll man schon beweisen, dass man es ernst meint. Mit sich. Oder genauer gesagt: mit seiner Gesundheit.
Wer etwas auf sich hält, macht heute «Dry January». Alkohol? Im Januar? Mutig. Oder zumindest erklärungsbedürftig.
Ich hingegen bin eine pragmatische Natur. Ich glaube an das Mass. Schokolade mit Mass. Alkohol mit Mass. Essen mit Mass. Ich war noch nie Freund des Alles-oder-nichts-Prinzips.
Dafür ist mir das Leben zu bunt, nicht einfach nur Schwarz oder Weiss. Es lebt ja gerade von den Zwischentönen, von Ausnahmen, die eine Regel nicht nur bestätigen, sondern erträglich machen.
Ausserdem: Mass zu halten ist oft deutlich anstrengender, als sich einfach etwas strikt zu verbieten. Das weiss jeder, der schon einmal «nur ein Stück» Schokolade essen wollte.
Was mich am Dry January aber mehr irritiert als der Verzicht selbst, ist der moralische Beigeschmack, der sich leise dazugesellt hat. Als wäre ein Glas Wein im Januar kein Genuss mehr, sondern ein Hinweis auf mangelnde Selbstdisziplin. Oder schlimmer: auf einen fragwürdigen Charakter.

Offenbar ist Masshalten einfach zu unspektakulär für den Zeitgeist. Kein Hashtag, kein digitales Schulterklopfen, kein Vorher-nachher-Foto.
Vielleicht liegt genau darin das Problem: Mass ist zu unauffällig. Zu leise. Zu wenig instagramtauglich. Man kann es schlecht posten und noch schlechter feiern.
Also bleibt mir nichts anderes übrig, als still und heimlich auch im Januar ab und an auf das Leben anzustossen. Und wenn das nun als Charakterfehler gilt, dann ist es immerhin ein sehr genussvoller.








