Gesundheit Aargau: Neues Medikament, neue Hoffnung

KSA
KSA, Tomas G. Petruccello

Aarau,

Mit Donanemab ist erstmals ein Alzheimer-Medikament in der Schweiz zugelassen, das Hoffnung macht, auch wenn es keine Heilung verspricht.

Alzheimer Schweiz
Laut Alzheimer Schweiz leben hierzulande aktuell 161 100 Menschen mit Demenz. - GettyImages

Das Wichtigste in Kürze

  • Erstmals ist in der Schweiz mit Donanemab ein Alzheimer-Medikament zugelassen.
  • Dieses verspricht zwar keine Heilung, macht Betroffenen und Angehörigen jedoch Hoffung.
  • Am Kantonsspital Aarau wird nun erstmals ein Patient mit dem neuen Medikament behandelt.

Die ersten Anzeichen waren schleichend: Namen, die plötzlich nicht mehr einfielen, Wörter, deren Bedeutung plötzlich entglitten oder Momente der Orientierungslosigkeit. «Obwohl mir das Areal vertraut war, hatte ich plötzlich das Gefühl, nicht zu wissen, wie ich wieder rauskomme», erinnert sich Patient Helmut K.

Was zunächst vereinzelt auftrat, wurde über die Jahre häufiger. Früh kam bei ihm ein Verdacht auf. Nicht zuletzt, weil seine Mutter an Alzheimer erkrankt war. Doch eine klare Antwort blieb lange aus.

Ein langer Weg zur Diagnose

Der Weg zur Diagnose war geprägt von Unsicherheit. Wiederholte Abklärungen brachten zunächst keine Klarheit. Erst eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquordiganostik) brachte schliesslich die nüchterne Gewissheit: Alzheimer im frühen Stadium.

Angestossen hatte diesen Schritt die Frau von Helmut K. Sie hatte von der Untersuchung gehört und darauf bestanden, sie durchführen zu lassen. Für ihn war das ein entscheidender Moment in einem Prozess, der zuvor immer wieder ins Leere gelaufen war.

Zu dieser Zeit machten erste Meldungen über die Zulassung neuer Alzheimer-Medikamente die Runde, zunächst in den USA, 2025 in der EU und seit diesem Jahr auch in der Schweiz. Die Familie von Patient K. schöpfte Hoffnung und gelangte auf ihrer Suche einer Therapiemöglichkeit schliesslich ans KSA.

Was Donanemab leisten kann. Und was nicht

«Das neue Medikament wirkt ausschliesslich bei Alzheimer und auch nur in einem frühen Krankheitsstadium», erklärt Dr. med. Tobias Piroth, Oberarzt mbF der Klinik für Neurologie am Kantonsspital Aarau.

Gesundheit Aargau
Das Alzheimeimer-Medikament Donamemab soll die Bildung von sogenannten Beta-Amyloid-Ablagerungen (Plaques) reduzieren. - GettyImages

Eine Heilung biete die Therapie nicht, betont Dr. Piroth. Doch sie kann das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und damit wertvolle Zeit schaffen, in der Selbstständigkeit und Lebensqualität länger bestehen bleiben.

Das Medikament richtet sich gegen sogenannte Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn: Eiweissstrukturen, die als zentraler Faktor bei Alzheimer gelten. Über regelmässige Infusionen wird versucht, diese Ablagerungen zu reduzieren und so den Krankheitsverlauf zu bremsen.

Präzise Abklärung, vernetztes Denken

Der Zugang zur Behandlung ist anspruchsvoll. Vor Beginn müssen die Patientinnen und Patienten umfassend kognitiv getestet werden. Dazu gehören neuropsychologische Tests, hochauflösende MRI-Bildgebung, genetische Analysen, spezialisierte PET-Untersuchungen und oft auch eine Untersuchung des Nervenwassers. Nicht alle Betroffenen erfüllen die Voraussetzungen für eine Therapie.

Am KSA werden sämtliche Befunde in einem interdisziplinären Board gemeinsam beurteilt. Fachpersonen aus Neurologie, Neuroradiologie, Neuropsychologie, Nuklearmedizin und Labormedizin entscheiden gemeinsam über das weitere Vorgehen. «Es geht darum, viele Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen und verantwortungsvoll zu entscheiden», so der Neurologe.

gesundheit Aargau
Das Alzheimer-Medikament Donanemab wird als Infusion verabreicht. - GettyImages

Die Therapie erfordert zudem eine engmaschige medizinische Begleitung. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören Schwellungen oder Blutungen im Gehirn. Deshalb ist eine rasche Abklärung im Bedarfsfall entscheidend. Mit dem Interdisziplinären Notfallzentrum stehen am KSA die erforderlichen Strukturen rund um die Uhr einsatzbereit.

Für Helmut K. war dieser strukturierte Ansatz spürbar. «Ich hatte hier das Gefühl, dass man sich wirklich mit meinem Fall beschäftigt», sagt er. Besonders die klare Kommunikation und die gute Erreichbarkeit hätten Vertrauen geschaffen. Ein deutlicher Unterschied zu früheren Erfahrungen.

Leben mit der Diagnose

Einmal pro Monat kommt Helmut K. zur Infusion ins KSA. Die Behandlung dauert rund 30 Minuten, der Aufenthalt insgesamt etwa zwei Stunden.

Seine Erwartungen an die Therapie sind realistisch: «Wenn sich mein Zustand stabilisiert, wäre das schon sehr gut.», sagt er. Denn die Erkrankung ist nach wie vor spürbar. Das Gedächtnis lässt nach, Abläufe werden anstrengender. «Es ist nervig», kommentiert er seinen Zustand lakonisch. Gleichzeitig erlebt er Unterstützung im engsten Umfeld. Die Familie weiss Bescheid, steht hinter ihm, trägt mit.

Ein neuer Standard?

Für Dr. Piroth markiert die Einführung von Donanemab einen wichtigen Wendepunkt «Wir müssen früher hinschauen», betont Dr. Piroth. «Abwarten sei keine gute Strategie mehr. Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto grösser ist die Chance, ihren Verlauf zu verlangsamen. Das bedeutet auch: mehr Aufklärung, mehr Sensibilität für erste Anzeichen, sei es in der Bevölkerung wie in der medizinischen Versorgung.»

Für Helmut K. ist dieser Weg bereits Realität geworden. Er weiss, dass es bislang keine Heilung gibt. Aber auch, dass es heute mehr Möglichkeiten gibt als noch vor wenigen Jahren – und vielleicht noch mehr in den kommenden. Und vielleicht ist es genau das, was die Hoffnung weiter nährt: die Aussicht, mehr Zeit und Aufschub zu gewinnen.

Mehr zum Thema Gehirngesundheit

 

Die Frage, wie wir unsere geistige Gesundheit möglichst lange erhalten können, stand auch im Mittelpunkt der diesjährigen «Woche des Gehirns» am KSA. Dr. med. Tobias Piroth und Simone Straubhaar beleuchteten dabei das Thema «Longevity und Demenz» und zeigten auf, welche Rolle Früherkennung, Prävention und moderne Therapien spielen.

 

Weitere Informationen sowie Aufzeichnungen der Vorträge finden Sie unter:

www.ksa.ch/brainweek

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