Curvy-Modell: «Auf Bühnen gehören Dicke, Cellulite und Narben!»
Curvy-Model Stella fragt sich, weshalb auf grossen Bühnen noch immer normschöne Körper gezeigt werden. Eine Kolumne.

Das Wichtigste in Kürze
- Stella Kizildag (30) ist ein Curvy-Model. Sie schreibt Kolumnen über «Body Positivity».
- Heute schreibt die Zürcherin über die Wichtigkeit des Tanzens.
- Essen sei keine Strafe, die ich man sich durch Bewegung verdienen müsse, schreibt Stella.
Mein Instagram-Feed kennt zurzeit gefühlt noch einen Inhalt: die «Bad Bunny»-Tour. Ich mag die Musikrichtung und die Mischung der Beats des puerto-ricanischen Latin-Rap- und Reggaeton-Sängers «Bad Bunny», der Benito Antonio Martinez Ocasio heisst.
Dabei nutzt «Bad Bunny» seine Stimme nicht nur für belanglose Partysongs, sondern zeigt auch Haltung.

Willkommen in der «Casita» – aber bitte nur normschön
Umso mehr überrascht mich, wer in seinem ikonischen Bühnenbild «La Casita» vorkommen darf: nur normschöne Frauen – von «Body Positivity» leider keine Spur.
«La Casita» ist eine Nachbildung eines typisch puerto-ricanischen Hauses auf der Bühne, auf welcher ausgewählte Fans, Prominente und Influencer mit «Bad Bunny» tanzen. Währenddessen werden sie auf riesigen Leinwänden gezeigt.
Genau diese Auswahl sorgte für Kritik, weil alle Frauen gleiche Merkmale aufweisen: Sie sind jung, schlank und sexy. Und sie tragen minimal wenig Stoff, was für maximal viel Verwertbarkeit auf Social Media sorgt.
Die Revolution tanzt längst weiter
Während seit dem letzten Herbst die Curvy Models von den Laufstegen verbannt wurden, geht die Inklusion auf Social Media weiter.
Und «tanzt» auch an weiteren Orten weiter: Superstar Ariana Grande arbeitet auf ihrer aktuellen Tour unter anderem mit der «Plus Size»-Tänzerin Amanda LaCount. Taylor Swifts «Eras Tour» zeigte eine Tanzcrew mit unterschiedlichen Körpern und Hintergründen. Und Lady Gaga setzt bei ihren Produktionen seit Jahren bewusst auf vielfältige Ensembles.
Sie alle beweisen etwas, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Gleichschritt verlangt Training, aber keine Einheitskörper!

Mit vier Jahren von Ballettschulen abgewiesen
Möglicherweise trifft mich dieses Thema so sehr, weil Tanzen schon immer ein Teil meines Lebens war. Als kleines Kind wollte ich unbedingt Ballett tanzen.
Ich war gerade einmal vier Jahre alt, als meine Mama mit mir drei Ballettschulen abklappern musste, bis mich endlich eine aufnahm.
Der Grund: Ich passte nicht in das Bild einer klassischen Ballerina, weil ich zu wenig zierlich war. Ich war nicht die Art Kind, die in einem «Tutu» möglichst schwerelos aussah.
Bei Aufführungen konnte offenbar mein Kinderkörper bereits die Ästhetik einer ganzen Bühne gefährden, hiess es.
Trotzdem tanzte ich 15 Jahre lang mehrmals pro Woche. Es gab mir etwas, was mir andere beinahe genommen haben. Nämlich die Freude daran, meinen Körper nicht nur anzuschauen, sondern ihn zu benutzen.
Tanzen hat die Beziehung zu mir selbst verändert
Plötzlich geht es nicht mehr darum, wie meine Beine auf einem Foto aussehen. Es geht darum, wie stabil sie mich tragen. Tanzen kann Ausdauer, Kraft, Koordination, Balance und Beweglichkeit fördern. Es kann Stress abbauen, die Stimmung verbessern – und das Vertrauen in den eigenen Körper stärken. Gleichzeitig verbindet es Menschen miteinander.
Aber der grösste Vorteil lässt sich kaum messen: Beim Tanzen denke ich nicht darüber nach, ob mein Körper schön genug ist. Ich spüre, dass er lebt!
Von den Spitzenschuhen zu High Heels
Darum hat mich das Tanzen auch nie ganz verlassen. Vor zwei Jahren begann ich mit Salsa und Bachata. Seit Februar besuche ich Heels-Dance-Kurse.
Ursprünglich wollte ich damit vor allem meinen Catwalk verbessern. Ich wollte meine Füsse kräftigen, meine Haltung trainieren – und auf hohen Schuhen sicherer werden. Geblieben bin ich aus einem anderen Grund: Es macht mich glücklich!
Und dann sind da auch noch Frauen mit unterschiedlichen Körpern, Erfahrungen und Unsicherheiten.
Wir beobachten einander nicht, um Fehler zu suchen. Wir klatschen, wenn eine Bewegung endlich funktioniert, wir feuern uns an und lachen miteinander: Diese Unterstützung ist sehr inspirierend.
Nahrung ist keine Charakterschwäche
Aus meiner Ballettzeit ist mir allerdings auch ein Satz geblieben, den ich nie wieder hören möchte: «Wenn ich nicht tanzen würde, gehe ich auf wie ein Ballon.» Können wir bitte aufhören, Essen wie eine Charakterschwäche zu behandeln?
Ein Körper leistet beim Tanzen (oder auch einer anderen Sportart) unglaublich viel. Er braucht Energie. Essen ist dabei keine Strafe, die ich man sich erst durch Bewegung verdienen muss. Essen nährt unsere Körper, damit er überhaupt leisten kann, was wir von ihm abverlangen. Ich für meinen Teil tanze nicht, um mein Abendessen rückgängig zu machen.

Öffne endlich deine Casita
Abschliessen möchte ich sagen, dass Bühnen eine riesige Chance sind. Ich möchte dort gerne ältere Frauen sehen. Dicke Frauen, queere Menschen und Körper mit Narben, Falten, Cellulite sowie Geschichten.
Menschen, die nicht aussehen wie eine algorithmisch optimierte Fantasie, sondern wie das echte Publikum vor der Bühne.
Die Inklusion ist nicht vorbei. Sie wartet auch nicht höflich darauf, von der Modebranche wieder eingeladen zu werden. Sie tanzt bereits in Studios, Wohnzimmern, Clubs, auf Social Media und irgendwann hoffentlich auch ganz selbstverständlich in «Bad Bunnys» Casita.
Denn eine Casita, in der nur perfekte Körper Platz haben, ist kein Zuhause, sondern ein simples Schaufenster.












