Stadt Zürich

Zürcher Quartiere unter Druck – das sagt Hochbauvorsteher

Christian Felix
Christian Felix

Zürich,

Wie soll Zürich wachsen, ohne dass Quartiere ihren Charakter verlieren? In Hirslanden stellte sich Hochbauvorsteher Tobias Langenegger einem Polit-Talk.

Quartiere unter Druck
Stadtrat Tobias Langenegger (r.) im Gespräch mit AL-Gemeinderat Mischa Schiwow, Präsident des Quartiervereins Hirslanden. - Christian Felix

Im Laden des Kampa Verlags am Hegibachplatz steht kürzlich einer im Mittelpunkt: Stadtrat Tobias Langenegger, gerade gut hundert Tage im Amt als Vorsteher des Hochbauamts.

AL-Gemeinderat Mischa Schiwow, der Moderator des Polit-Talks und Präsident des Quartiervereins Hirslanden, und danach auch das Publikum stellen ihm drängende Fragen zu Wohnungspolitik, Verdichtung und Städtebau. Den Anwesenden brennt etwas unter den Nägeln.

Langenegger sitzt mit dem Rücken zu einer Bücherwand. Die Stadt hat sich seit der Jahrhundertwende stark verändert, nicht immer zur Freude der Bewohnerinnen und Bewohner. Das gilt auch für den Stadtteil unterhalb von Dolder und Adlisberg.

Der Hochbauvorsteher fasst die Grundstimmung zusammen: «Die Menschen in Zürich haben manchmal das Gefühl, dass der Umbau der Stadt ohne sie geschieht, als wären sie nicht Teil dieser Umgestaltung.» Der Satz stösst im Publikum auf Zustimmung. Langenegger spricht an diesem Abend auch Entwicklungen an, die unter den Anwesenden für Kritik sorgen.

Quartiere unter Druck
Umbruch: Diese Villa an der Titlisstrasse soll abgerissen werden. - Christian Felix

Durch den Abbruch historischer Gebäude könne laut Tobias Langenegger ein Wohnviertel seinen Charakter verlieren und bei Bewohnerinnen und Bewohnern das Gefühl entstehen, dort nicht mehr zu Hause zu sein.

Für wen verdichten?

Vielfach verschwinden ältere Häuser im Zuge einer Verdichtung und werden durch Neubauten ersetzt. Dabei verändert sich auch das Wohnungsangebot: Günstigere Wohnungen können verschwinden und durch teurere ersetzt werden.

Eine höhere bauliche Dichte bedeutet zudem nicht automatisch, dass auf einem Grundstück anschliessend mehr Menschen wohnen. Stadtrat Langenegger verweist auf eine Studie der ZKB, veröffentlicht im Mai dieses Jahres.

Sie legt nahe, dass gerade in neuen Hochhäusern in den teureren oberen Geschossen der Wohnflächenverbrauch pro Kopf höher ist als sonstwo. Hier wirft die Abstimmung über die Hochhausrichtlinien vom 27. September an der Veranstaltung ihre Schatten voraus.

Moderator Mischa Schiwow hat zu «seinem» Quartier ebenfalls Zahlen zur Hand. Im Jahr 2024 meldeten sich über 700 Personen neu in Hirslanden an, 2025 waren es 863 – gut zehn Prozent der Quartierbevölkerung.

Dass die Fluktuation hoch ist, zeigen auch die Zahlen von Statistik Stadt Zürich: Von den rund 7650 Einwohnerinnen und Einwohnern leben knapp zwei Drittel seit weniger als zehn Jahren im Quartier.

Die Stadt Zürich.
Die Stadt Zürich. - keystone

Immerhin: Hochbauvorsteher Tobias Langenegger verweist auf einen Erfolg, den er von seinem Amtsvorgänger André Odermatt aus der letzten Amtszeit geerbt hat. Das Bundesgericht bestätigte im Frühjahr eine neue Zürcher Regelung für kommerziell kurzzeitig vermietete Wohnungen.

Seit Anfang September dürfen sogenannte Business Apartments und vergleichbare Unterkünfte nicht mehr an den vorgeschriebenen Mindestwohnanteil angerechnet werden. Langenegger erhofft sich davon, dass künftig wieder mehr Wohnungen dem regulären Wohnungsmarkt zur Verfügung stehen. Ein weiteres Projekt ist auf Tobias Langeneggers Schreibtisch gelandet.

Die Stadt hat von März bis Juni eine neue Bau- und Zonenordnung (BZO) öffentlich aufgelegt. Diese regelt, kurz gefasst, unter anderem die zulässige Geschosszahl, die Nutzungsart und die bauliche Dichte in den verschiedenen Zonen der Stadt. Dort, wo die neue BZO eine höhere Ausnutzung zulässt, schreibt sie einen Anteil an preisgünstigen Wohnungen vor.

Zudem enthält sie Vorgaben für eine hitzemindernde Bauweise und die Begrünung neu bebauter Grundstücke. Mit der neuen BZO kann die Stadt die bauliche Entwicklung innerhalb des bestehenden Siedlungsgebiets steuern. Ihr Handlungsspielraum ist dabei jedoch durch übergeordnetes Recht begrenzt.

Soll Zürich stärker wachsen, auch wenn sich Quartiere dadurch verändern?

So setzt das eidgenössische Raumplanungsgesetz der Ausscheidung neuer Bauzonen Grenzen und verlangt eine Siedlungsentwicklung nach innen. Zusätzlicher Wohnraum soll deshalb vor allem durch die Nutzung und Verdichtung bereits bestehender Bauzonen entstehen. Die neue BZO wiederum muss vom Kanton bewilligt werden.

Ausserdem unterliegt sie einer Volksabstimmung. Mit dem Ziel, langfristig bezahlbaren Wohnraum zu sichern, kauft die Stadt unter anderem Liegenschaften, dies auch zu den derzeit hohen Marktpreisen. Dieser Punkt ist heiss umstritten.

Laut Tobias Langenegger führt das zu Mieten, die anfänglich recht hoch sind, aber bereits in einigen Jahren deutlich unter den Mieten der Immobilienfirmen liegen werden: «Wir denken langfristig, über Generationen hinweg. Wir sichern heute günstige Wohnungen für die Zukunft», betonte der Stadtrat auf dem Podium.

Die Stadt habe bereits vor über hundert Jahren Liegenschaften erworben. Das zahle sich heute aus. Der Anteil gemeinnütziger Wohnungen liegt in Zürich laut Bundesamt für Wohnungswesen bei 20 Prozent und damit knapp doppelt so hoch wie in den anderen Schweizer Grossstädten.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

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