Spott und Häme für Übergewichtige – wegen KI
«Body Positivity» ist vorbei. Das zeigen hämische KI-Videos von Übergewichtigen, die im Netz die Runde machen. Es hagelt Spott und Hass für die Betroffenen.
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Das Wichtigste in Kürze
- Hass und Spott für übergewichtige Menschen haben im Netz zugenommen.
- Neuerdings tauchen immer mehr KI-Videos auf, die Übergewichtige zur Witzfigur machen.
- Das kann reale Folgen wie Depressionen und Isolation haben, warnt die Expertin.
«Body Positivity», die Bewegung der Körper-Selbstliebe, ist tot.
Das beklagten vor einem Jahr bereits namhafte Plus-Size-Models aus Grossbritannien. Sie bekämen seit rund zwei Jahren kaum mehr Aufträge in der Mode-Industrie.
Der sogenannte «Heroin Chic» – ein extrem dünner Körper – sei wegen Ozempic wieder im Trend. Zudem gebe es in der Branche kaum mehr «Wokeness».
Schon damals beklagten die Plus-Size-Models zudem «Fat-Shaming», also Hass auf Übergewichtige im Netz. Dieser habe massiv zugenommen.
KI-Videos sorgen für Spott im Netz
Jetzt zeigen das auch KI-Videos, die vermehrt in den Sozialen Medien die Runde machen.
Sie beinhalten insbesondere übergewichtige Frauen, die wegen ihres Gewichts in Unfälle verwickelt werden.
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Unter den Fake-Videos sammeln sich vor allem hämische und spöttische Kommentare. «Gerüchten zufolge rollt sie immer noch», ist unter dem Video einer Frau zu lesen, die einen Abhang hinabrollt.
Und: «Das Video wäre lustiger, wenn sie die Bäume wie eine Bowlingkugel umgeworfen hätte.»
Beängstigend: Der Spott und die Entmenschlichung im Netz haben reale Folgen für Menschen mit Übergewicht.
Aus Scham nicht mehr zum Arzt
Gegenüber Nau.ch erklärt Gabriela Fontana, Geschäftsführerin von Allianz Adipositas Schweiz: «Die Stigmatisierung kann schwerwiegende Folgen haben.»
Sie könne zu einem negativen Selbst- und Körperbild führen, so Fontana. «Das kann so weit gehen, dass Menschen, welche an Adipositas leiden, aus Scham Arztbesuche vermeiden.»
Fontana fährt fort: «Zudem kann der Spott und der Hass im Netz auch das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein verringern.» All dies könne zu Depression und Isolation führen, mahnt die Expertin.
«Oft wird das Leiden nicht ernstgenommen»
Das Problem: «Die Mehrheit der Öffentlichkeit setzt Adipositas noch immer mit fehlender sportlicher Betätigung, falschem Essverhalten und schwachem Willen gleich.»
Doch es handle sich um eine «komplexe, chronische Krankheit mit unterschiedlichen Auslösern», erklärt Fontana.
Das sei jedoch vielen Menschen nicht bewusst. «Oft wird daher das Leiden von Betroffenen nicht ernstgenommen.»
Gabriela Fontana findet: «Sich in den Sozialen Medien und in der Öffentlichkeit über kranke Menschen lustig zu machen, ist ethisch und moralisch verwerflich.
«Diskriminierende Botschaften»
Dass Spott und Hass im Netz zugenommen haben, bemerkt auch Plus-Size-Model und Nau.ch-Kolumnistin Stella Kizildag: «Besonders stark aufgefallen sind mir dabei in letzter Zeit KI-generierte Videos.»
In diesen würden übergewichtige Menschen gezielt negativ dargestellt, prangert Kizildag an. «Etwa als Witzfigur, die abnehmen müsste, um endlich gesehen zu werden.»
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Das Plus-Size-Model findet: «Diese Inhalte transportieren sehr klare, diskriminierende Botschaften. Es scheint mir, als hätte KI genau diese Stereotype gelernt, weil sie mit bestehenden Vorurteilen aus dem Internet trainiert wurde.»
Es sei schade, dass künstliche Intelligenz für solche Inhalte eingesetzt werde. Denn nach Fortschritten rund um «Body Positivity» «wirken solche Videos wie ein Schritt zurück», findet Stella Kizildag.
«Jeder Mensch verdient es, mit Würde behandelt zu werden»
Die Videos würden zudem die Botschaft vermitteln, «dass bestimmte Körper weniger wert sind und lächerlich gemacht werden dürfen». Das sei nicht nur verletzend für Betroffene, sondern auch gesellschaftlich problematisch.
Denn: «Es normalisiert und verstärkt Vorurteile, anstatt Vielfalt und Respekt zu fördern.»

Kizildag wünscht sich, dass Social-Media-Plattformen «klarer und konsequenter» gegen Hass und Diskriminierung im Allgemeinen vorgehen. «Zudem sollten Hass und Diskriminierung unabhängig von Körperform oder -gewicht ernst genommen werden.»
Es gehe nicht darum, «Kritik oder Humor zu verbieten». Doch: «Jeder Mensch verdient es, mit Würde behandelt und im besten Fall sogar unterstützt zu werden – online wie offline.»











