Zweifelhaft: Zwei Tonnen Auto für 80 Kilo Mensch
Das Verhältnis von Nutzlast zu Leergewicht ist in der modernen Autowelt völlig aus dem Ruder gelaufen. Ist es Zeit für eine radikale Diät?

Der morgendliche Einstieg in ein modernes Fahrzeug fühlt sich oft wie der Zutritt zu einer Trutzburg an. Dicke Türen fallen mit einem satten Geräusch ins Schloss und vermitteln sofort ein Gefühl der Geborgenheit.
Technisch gesehen ist diese Geborgenheit das Resultat einer gewichtigen Entwicklung: Während ein alter VW Passat noch als Leichtgewicht durch die Kurven flitzte, stemmen heutige Modelle eine ganz andere Masse auf den Asphalt.
Die physikalischen Grenzen der Fortbewegung
Die Physik lässt sich dabei trotz modernster Antriebstechnik nicht einfach überlisten. Jedes zusätzliche Kilogramm verlangt nach mehr Kraft, Energie und einem entsprechend ausgeklügelten Fahrwerk.
Der VW Passat B1 startete im Jahr 1973 mit einem Leergewicht von unter 900 Kilogramm. Heute bringt die aktuelle Generation B9 fast die doppelte Last auf die Waage der Prüfstellen.

In dieser Zeitspanne wuchs der Wagen nicht nur in der Länge, sondern massiv in die Breite. Zusätzliche Dämmmaterialien schlucken heute jedes Motorengeräusch, während elektrische Stellmotoren die Sitze zentimetergenau justieren.
Sicherheit und Komfort als Gewichtstreiber
Früher reichte ein vergleichsweise dünnes Blechkleid für den Schutz der Insassen aus. Moderne Crash-Strukturen und eine Vielzahl von Airbags benötigen heute schlichtweg mehr Platz und massives Material.

Sicherheitsanforderungen der Behörden treiben das Gewicht seit Jahren unaufhaltsam in die Höhe. Verstärkte Säulen und massive Aufprallträger retten im Ernstfall Leben.
Hinzu kommt der unstillbare Hunger der Kundschaft nach immer mehr Komfort und digitalem Luxus. Grosse Bildschirme, komplexe Kabelsätze und schwere Batterien für Hybridsysteme machen Autos zu Schwergewichten.
Das Paradoxon der modernen Effizienz
Sogar die Räder wachsen stetig mit, um die gewaltigen Massen sicher zu bewegen. Leichtbau aus Aluminium bleibt meist teuren Sportwagen vorbehalten und spart im Alltag kaum Gewicht ein.

Mehr Gewicht bedeutet physikalisch betrachtet einen höheren Widerstand beim Beschleunigen und Rollen. Motoren müssen heute gegen die Trägheit von fast zwei Tonnen Stahl und Elektronik ankämpfen.

Zwar verbessern Aerodynamik und hocheffiziente Antriebe den Verbrauch pro Kilometer deutlich. Dennoch neutralisiert das mitschleppende Übergewicht der Karosserien einen Grossteil dieses technischen Fortschritts.
Die ökologische Rechnung der Masse
Hier stellt sich die grundlegende Sinnfrage: Ist es zielführend, immer komplexere Technik zu entwickeln, nur um das selbst verursachte Mehrgewicht zu kompensieren? Ein leichteres Fahrzeug käme mit deutlich weniger Kraftstoff oder Strom aus der Batterie aus.
Effizienzrekorde lassen sich langfristig nur knacken, wenn die Spirale des Wachstums endlich ein Ende findet. Besonders der Wechsel zum Elektroantrieb wirkt derzeit wie ein massiver Brandbeschleuniger für das Fahrzeuggewicht.

Schwere Lithium-Ionen-Akkus im Unterboden wiegen oft mehrere hundert Kilogramm zusätzlich. Um die Reichweitenangst der Käufer zu lindern, verbauen Hersteller immer grössere Batteriezellen.
Ein Teufelskreis auf Rädern
Dies führt zu einem Teufelskreis aus noch stärkeren Bremsen und massiveren Aufhängungen, um die Last zu bewältigen. Trotz lokaler Emissionsfreiheit bleibt der primäre Energieaufwand für die Bewegung dieser Massen enorm hoch.

Sollte technische Innovation wirklich primär dem Ausgleich von Luxuspfunden dienen? Leichtere Speichertechnologien könnten in Zukunft die Rettung für die Effizienz der Stromer sein.
Eine echte Wende in der Automobilbranche erfordert jedoch mehr als nur neue Akkus. Es braucht ein Umdenken darüber, wie viel Auto wir für eine nachhaltige Mobilität tatsächlich benötigen.







