Gelöster Hoeness geht nach Kahn-Coup «ohne Plan»
Was für ein Auftritt: Uli Hoeness gratuliert sich selbst zum grossen Führungswechsel beim FC Bayern. Ex-Adidas-Chef Hainer beerbt ihn, der ehemalige Torwart-Titan Kahn Vorstandsboss Rummenigge. War's das nun echt nach 40 Macher-Jahren? «Von mir wird noch zu hören sein.»

Das Wichtigste in Kürze
- Am Ende der 40-minütigen Abschieds-Show eines gelöst wirkenden Uli Hoeness enterte plötzlich ein Überraschungsgast das Podium der Allianz Arena.
Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge tauchte zum harmonischen Schlussbild mit dem demnächst scheidenden Präsidenten auf.
Ein persönliches Geschenk hatte der 63-Jährige mitgebracht, um sich am Freitag beim «lieben Uli» für 45 gemeinsame Jahre zu bedanken. Die Foto-Collage zeigte die beiden inzwischen ergrauten Bayern-Bosse als junge Fussballer, mal beim gemeinsamen Torjubel, aber auch zünftig bayerisch in Lederhosen.
Ein Händedruck, eine kurze Umarmung, dann verliess Hoeness hinter Rummenigge jene Bühne, die ihm zuvor noch mal ganz alleine gehört hatte. Erleichtert wirkte der 67-Jährige, der den Verein glänzend aufgestellt sieht für die Zeit nach ihm, dem Patron vom Tegernsee.
«Meine Frau konnte es bis gestern nicht glauben», scherzte er über seine «lange gewachsene» Entscheidung, auf der Mitgliederversammlung am 15. November zunächst den Präsidentenposten aufzugeben und danach auch den Aufsichtsratsvorsitz vorzeitig abzugeben. Beide Ämter soll der frühere Adidas-Chef Herbert Hainer übernehmen.
Am Tag nach Hoeness' Rückzugsankündigung, der mit der Verpflichtung von Bayern-Legende Oliver Kahn als zukünftiger Vorstandsboss und Rummenigge-Nachfolger spektakulär begann, sollten auf keinen Fall Dissonanzen das Bild eines Vereins trüben, der «in sich ruht», wie der noch amtierende Präsident stolz verkündete.
Die zwei «Alphatiere», wie Hoeness und Rummenigge sich bezeichnete, waren sich zuletzt öfter mal uneins, etwa «in der Trainerfrage» im vergangenen Jahr, als Niko Kovac kam. Doch Hoeness versicherte: «Sie glauben doch wohl nicht, dass ich wegen eines Streits ein solches Amt aufgebe!» Zuletzt hatte Aufsichtsratsmitglied Edmund Stoiber von «Zwistigkeiten» zwischen den Bossen als eines der Rückzugsmotive von Hoeness gesprochen.
Der bald scheidende Präsident vermittelte den Eindruck, dass das Loslassen nach vier Jahrzehnten an den Machthebeln des FC Bayern ein Leichtes für ihn wäre. «Ich werde zum ersten Mal nach 40 Jahren am 16. November ohne Plan sein. Und das wird spannend für mich», sagte Hoeness. Er sei «total gesund», betonte er ausdrücklich, den Verein sieht er finanziell, sportlich und personell bestens vorbereitet auf die Zeit nach ihm: «Die Weichen für die Zukunft sind gestellt.»
Er wollte den Serienmeister in seinem «super Zustand» übergeben. Und irgendwann müsse man halt «den Schritt machen», erzählte Hoeness: «Es gibt so viele Politiker oder Wirtschaftsführer, die ganz gross waren und dann abgeschlachtet wurden. Ich wollte durchs grosse Tor gehen. Ich wollte das selbst entscheiden und von niemandem auf der Welt aufgefordert werden, unten rechts meine Demission zu unterschreiben.»
Er gratulierte sich selbst: «Das ist mir aus meiner Sicht grossartig gelungen. Dieser Verein hat so viel Kraft und Saft, dass er auch den Uli Hoeness nicht mehr an vorderster Front verkraften wird.»
Bei der grossen Bayern-Zäsur hat Hoeness die Strippen nochmal nach seinen Vorstellungen gezogen. Er schickt den Weggefährten Rummenigge gleich mit in Rente - wenn auch zeitlich verzögert. Die Fixierung der Personalie Kahn, die am Freitagmorgen verkündet wurde, vervollständigt den Umbruch auf der Führungsebene des Rekordmeisters.
«Bei ihm ist eine grossartige Entwicklung zu sehen», sagte Hoeness über den 50-jährigen Kahn, der sich nach der Torwart-Karriere als Unternehmer und ZDF-Experte bewährt hat. Kahn hatte er «seit gut einem Jahr im Auge, irgendwann hat es bei mir klick gemacht». Hoeness setzt voll auf den Titan: «Wir brauchen einen ehemaligen Fussballer in der Führung.»
Kahn steigt am 1. Januar 2020 als Neuling ohne eigenes Ressort in den Vorstand der FC Bayern AG ein. Zwei Jahre später soll er Rummenigge, dessen Vertrag am 31. Dezember 2021 endet, an der Spitze ablösen. Kahn unterschrieb einen Fünfjahresvertrag - ein Vertrauensvorschuss.
«Kahn wird die Zeit nutzen, um ein richtig guter CEO zu werden», glaubt Hoeness. Kahn sprach von einer «Ehre», nach über elf Jahren in leitender Funktion zu seinem Verein zurückzukehren: «Ich bin mit dem Verein tief verbunden, er hat mein Leben sehr stark geprägt.»
Der stille Hoeness-Freund Hainer (65) wird Präsident und Chef des Aufsichtsrates. «Einer, der Adidas führen kann, kann auch den FC Bayern führen», sagte Hoeness über seinen bisherigen Stellvertreter im Aufsichtsrat. Der Niederbayer sei ein guter Freund. «Ich gebe dem Herbert Hainer keine Ratschläge, das ist ein gestandener Vollprofi.»
Kahn und Hainer, diese Verbindung sollte funktionieren. Der frühere Adidas-Chef und der Ex-Nationaltorwart waren Geschäftspartner. Kahn war eine bedeutende Werbefigur für den Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach, der einer der Anteilseigner der Bayern-AG ist. «Die Vertragsverhandlungen mit Oliver hat Herbert Hainer fast alleine gemacht», verriet Hoeness ein wichtiges Detail.
Wie aber geht's mit ihm weiter? «Wer mich kennt, weiss, dass ich kein Zigarre rauchender und Golf spielender Rentner werde, der am Tegernsee sitzt mit Blick auf den See.» Nein, Hoeness wird weiter in der Arena sitzen und wie an diesem Samstag gegen Mainz 05 die Fussballspiele geniessen. «Das fasziniert mich nach wie vor.» Den ausufernden Transferwahnsinn hält er dagegen für «gaga».
Hoeness will sein Mandat im Aufsichtsrat bis Ende November 2023 wahrnehmen. Der Patron büsst ohne Ämter Macht ein, aber er bleibt im Hintergrund sicherlich einflussreich. Er hat ja die neuen Macher ausgesucht, ob Kahn, Hainer, Kovac oder auch Sportdirektor Hasan Salihamidzic. «Ich werde mich auf keinen Fall aufdrängen, das bin ich den handelnden Personen schuldig», versprach Hoeness. Aber er sagte auch: «Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Von mir wird schon noch etwas zu hören sein.» Das klang nach: Das war's noch nicht.










