Stadt Zürich

Rennbahn Oerlikon: So verlief die Schweizer Meisterschaft der Steher

Thomas Renggli
Thomas Renggli

Zürich,

Die Schweizer Meisterschaft der Steher auf der Offenen Rennbahn Oerlikon wurde zu einer wilden Reise zwischen Spitzensport, Nostalgie und Nervenkitzel.

Jan Freuler
Jan Freuler jagt im Windschatten von Schrittmacher Flavio Küng dem Titel entgegen. - Pascal Friedli und Augusto Denando

Die Pedaleure schenken sich keinen Meter. Vor ihnen donnern schwere Motorräder durchs Zementoval. Dahinter kämpfen die Fahrer.

1400 Zuschauer erleben auf der Offenen Rennbahn einen Abend, der alles bietet, was diesen eigenwilligen Sport so faszinierend macht. Und am Schluss jubelt ein Mann mit einem grossen Namen.

Ein Freuler triumphiert

Es ist allerdings nicht Urs Freuler, der in den 1980er-Jahren WM-Goldmedaillen im Punktefahren am Laufmeter sammelte. Sondern dessen Neffe Jan André Freuler.

Der 34-jährige Schwyzer aus Reichenburg dominiert die Schweizer Meisterschaft vom ersten Meter an. Im Windschatten seines Schrittmachers Flavio Küng fährt er einem ungefährdeten Sieg entgegen.

Zwei Runden beträgt sein Vorsprung auf Claudio Imhof. Dem drittplatzierten Til Steiger nimmt Freuler gar vier Runden ab.

Claudio Imhof
Schrittmacher Michael Alborn mit Claudio Imhof in einer der 45-Grad-Kurven der Offenen Rennbahn. - Pascal Friedli und Augusto Denando

Doch Resultate sind auf der Offenen Rennbahn nur die halbe Geschichte. Die Bahn wurde 1912 eröffnet – im Jahr, als die Titanic sank – und gilt als ältestes noch benutztes Sportstadion der Schweiz.

Nirgendwo sonst fordert ein Speaker das Publikum wohl auf, mitten im Programm für das Stadion selbst zu applaudieren: «Bitte klatschen Sie für diese grandiose Wettkampfstätte.» Das Publikum gehen mit.

Die «Kohlensäcke» geben den Takt an

Die heimlichen Helden sitzen auf den schweren Motorrädern. Im Volksmund werden sie «Kohlensäcke» genannt. Mit 80 Stundenkilometern rasen sie durchs Oval. Der Pedaleur klebt dicht dahinter im Windschatten. Der Schrittmacher bestimmt Tempo und Taktik. Hat er nicht das richtige Gefühl, hat der Fahrer hinter ihm keine Chance.

Steherrennen gehören zu den letzten grossen Abenteuern des Sports. Die Maschinen sind umgebaute Strassenmotorräder mit 850 Kubikzentimetern Hubraum und einem Gewicht von rund 230 Kilogramm.

Oerlikon ist heute eine der ganz wenigen Bahnen Europas, auf der noch regelmässig Steherrennen ausgetragen werden. Auch deshalb geben sich immer wieder Fahrer aus Frankreich, Deutschland und Holland in Zürichs Norden die Ehre.

Und sie alle teilen die Meinung der Zuschauer: Die Offene Rennbahn ist ein Mythos – ein lebendiger Mythos, der irgendwie aus der Zeit gefallen ist, aber exakt deshalb etwas Zeitloses verströmt und Zuschauer aller Generationen anlockt.

Wo der Respekt immer mitfährt

Der Mythos der Steher gründet auch auf ihrer gefährlichen Vergangenheit. 1910 raste in Berlin das Motorrad eines Schrittmachers in die Zuschauerränge und explodierte. Neun Menschen starben.

Auch in Oerlikon kam es zu tödlichen Unfällen. 1927 starb der deutsche Profi Ernst Feja, 1938 der Schweizer Werner Walter. Der letzte tödliche Unfall eines Stehers ereignete sich 1945: Der erst 23-jährige Zürcher André Hardegger verlor sein Leben.

Warst du schon einmal auf der Offenen Rennbahn Oerlikon?

Heute ist der Sport sicherer. Das Material ist besser, die Ausbildung der Schrittmacher anspruchsvoll. «Bei uns hat die Sicherheit oberstes Gebot», sagt Rennbahnchef Wisel Iten.

Geblieben ist der Respekt. Und die Faszination. Am Dienstagabend verstummten die Motoren erst spät. Ein Freuler war Schweizer Meister. 1400 Zuschauer hatten einen Abend erlebt, wie es ihn wohl nur auf diesem alten Zementoval gibt. Mitten in Zürich. Und doch wie aus einer anderen Zeit.

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