Muss eine dicke Person beim Sport abnehmen wollen?
Früher trainierte Body-Positivity-Kolumnistin Stella, um abzunehmen. Heute erlebt sie, wie sich ihr Selbstbewusstsein und ihr Körpergefühl positiv verändern.

Das Wichtigste in Kürze
- Stella Kizildag (30) ist ein Curvy-Model. Sie schreibt Kolumnen über «Body Positivity».
- Heute schreibt die Zürcherin über Veränderungen am Körper, die schwer sichtbar sind.
- «Was, wenn Sport meinen Körper gar nicht verändern muss?», fragt sich Stella.
Wir alle kennen diese klassischen Vorher-Nachher-Bilder auf Social Media: Links steht jemand unvorteilhaft vor der Kamera, der Bauch ist entspannt, die Haltung eher gebeugt – und das Licht gnadenlos. Rechts folgt dann die vermeintliche Erfolgsgeschichte mit schmalerer Taille, definierten Muskeln, besserem Licht und natürlich einem breiten Lächeln.
Die Botschaft dahinter ist klar: Schaut her, was Sport aus diesem Körper gemacht hat!
Ich kenne diese Denkweise nur zu gut. Denn auch für mich war Sport jahrelang eng mit einem Ziel verbunden. Ich wollte dünner werden. Also trainierte ich, zählte Kalorien. Und ich wartete darauf, dass mir die Waage am Ende der Woche bestätigte, dass sich die ganze Anstrengung gelohnt hatte.
Heute frage ich mich immer öfters: Was, wenn sich Sport lohnt, obwohl man meinem Körper danach überhaupt nichts davon ansieht?

Ein Vorher-Nachher ohne neuen Körper
Genau deshalb ist mir eine Werbekampagne besonders im Gedächtnis geblieben. Unter dem Satz «Not all exercise transformations are visible» wurden Menschen jeweils vor und nach dem Sport fotografiert. Das Spannende daran ist, dass man auf den ersten Blick kaum einen Unterschied erkennt.
Schaut man jedoch genauer hin, verändert sich trotzdem etwas. Die Menschen wirken nach der Bewegung gelöster. Ihre Augen strahlen mehr – und aus einem ernsten Gesicht wird plötzlich ein Lächeln.
Als ich die Bilder gesehen habe, dachte ich: Warum sprechen wir eigentlich so selten über genau dieses Vorher-Nachher?
Wenn die Waage über Erfolg entscheidet
Lange war Sport für mich vor allem ein Mittel zum Zweck. Dieser hiess Abnehmen. Wenn die Zahl auf der Waage sank, war ich zufrieden. Blieb sie stehen, begann ich sofort zu überlegen, ob ich weniger essen – oder noch mehr trainieren müsste.
Das Verrückte daran ist, dass ich irgendwann tatsächlich Kleidergrösse 38 trug und trotzdem nicht plötzlich glücklicher mit mir war. Im Gegenteil: Der Druck, dieses Gewicht zu halten (oder noch weiter abzunehmen), nahm zu.
Heute trainiere ich noch immer regelmässig. Aber meine Motivation hat sich verändert. Natürlich freue ich mich darüber, stärker zu werden und Fortschritte zu sehen. Nur muss sich dieser Fortschritt nicht mehr zwingend auf meiner Waage oder an meiner Kleidergrösse zeigen.
Manchmal besteht mein grösster Trainingserfolg schlicht darin, dass ich mit einem vollen Kopf hineingehe – und mit einem leichteren wieder herauskomme.

Social Media braucht Beweise
Vielleicht sprechen wir so wenig über diese Form der Veränderung, weil sie sich schlechter vermarkten lässt. Social Media liebt sichtbare Ergebnisse: Zehn Kilo weniger oder eine alte Jeans, die plötzlich wieder passt. «Ich war heute trainieren und fühle mich danach mental besser», ergibt nun einmal kein besonders spektakuläres Vorher-Nachher-Bild.
Dabei können gerade klassische Transformationsbilder problematisch sein. Solche Inhalte können Körpervergleiche und Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen fördern.
Ausgerechnet Bilder, die uns angeblich zu einem gesünderen Leben motivieren sollen, können dazu führen, dass wir unseren Körper kritischer betrachten.

Für mich bekommt diese Frage als «Curvy Model» noch einmal eine andere Bedeutung. Denn wenn eine dünne Frau erzählt, dass sie regelmässig trainiert, gilt sie schnell als sportlich. Erzählt eine dicke Frau dasselbe, schwingt dagegen oft die Annahme mit, dass sie wahrscheinlich gerade abzunehmen versucht.
Als müsste mein Körper irgendwann beweisen, dass mein Training funktioniert!
Doch vielleicht gehe ich gar nicht ins Fitnessstudio, um schlanker zu werden, sondern um stärker zu werden? Vielleicht tanze ich nicht, um möglichst viele Kalorien zu verbrennen, sondern weil ich mich dabei selbstbewusst und lebendig fühle? Und vielleicht gehe ich einen Kilometer schwimmen, weil mein Kopf danach freier ist? Und nicht, weil meine Fitnessuhr mir dafür eine bestimmte Zahl an verbrannten Kalorien verspricht.
Ich finde, wir dürfen endlich aufhören, Bewegung automatisch als Strafe für einen Körper zu betrachten, der verändert werden muss.
Mein neues Vorher-Nachher
Natürlich ist nichts falsch daran, mit Sport auch körperliche Ziele zu verfolgen. Wer Gewicht verlieren, Muskeln aufbauen, schneller laufen oder seine Ausdauer verbessern möchte, darf darauf genauso stolz sein. «Body Positivity» bedeutet für mich nicht, jede körperliche Veränderung abzulehnen.
Ich möchte nur nicht mehr glauben, dass eine Veränderung erst dann wertvoll ist, wenn andere Menschen sie sehen können.

Vielleicht sieht mein persönliches Vorher-Nachher deshalb heute viel unspektakulärer aus. Vor dem Training bin ich müde, gestresst – und ich muss mich manchmal ziemlich überwinden, überhaupt loszugehen. Eine Stunde später komme ich mit roten Wangen, verschwitzten Haaren und einem breiten Grinsen wieder heraus.
Mein Bauch sieht noch genauso aus. Meine Oberschenkel sind nicht plötzlich schmaler. Und auf der Waage hat sich vermutlich überhaupt nichts getan. Aber: In meinem Kopf hat sich etwas bewegt.
Und vielleicht ist genau das die Transformation, über die wir viel öfter sprechen sollten. Denkst du nicht auch?

Meine 20. Kolumne – und noch so viel zu sagen
Weil dies tatsächlich schon meine 20. Kolumne ist, möchte ich an dieser Stelle einfach einmal Danke sagen: an alle, die seit der ersten Kolumne mitlesen, mitdiskutieren oder mir ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen. Genau das zeigt mir jedes Mal aufs Neue, warum wir noch lange nicht fertig darüber gesprochen haben, wie wir unsere Körper sehen. Ein Hoch auf weitere 20 Kolumnen (und hoffentlich noch mehr)!









