«Karate soll zur Entwicklung eines guten Charakters beitragen»
Bonsai-Karate stärkt Kinder spielerisch und vermittelt erste Grundlagen der Selbstbehauptung. Bewegung, Geschichten und Spass gehören dabei zum Training.

Samstagmorgen in der Turnhalle der Heilpädagogischen Schule HPS Telli in Aarau: Die jüngsten Karate-Kämpferinnen und -Kämpfer trudeln ein. Die vier- bis fünfjährigen Kinder melden sich bei Instruktorin Karin Lüscher an.
Auch das Maskottchen MuTiger – der «mutige Tiger» – ist dabei und begleitet die Bonsai-Karate-Kinder durch das Training. Nach ein wenig Herumtoben folgt bereits das Begrüssungsritual.
Wenn das Training beginnt, werden aus den kleinen Wirbelwinden Karatekas. Sie laufen durch die Halle, wärmen sich auf und sammeln sich im Kreis. Dann wird es ernst – zumindest ein bisschen.

Mit spielerischen Übungen lernen sie erste Abwehrbewegungen, Schläge und Kicks. Zwischendurch wird gelacht und getobt. Karate für die Kleinsten funktioniert hier nicht über Drill, sondern über Bewegung, Fantasie und Spass – und das merkt man den Kindern an.
Ein Start mit Hindernissen
Die Idee für das Bonsai-Karate stammt von Dieter Lüscher, dem Gründer der Kampfsportschule Aarau. Weil man aufgrund der grossen Nachfrage nach Kinder-Karate das Einstiegsalter bereits auf fünf Jahre gesenkt hatte, entstand die Überlegung, auch für noch jüngere Kinder ein eigenes Angebot zu schaffen.
Karin Lüscher entwickelte das Konzept. Der Start verlief allerdings alles andere als geplant. Am 7. März 2020 fand das erste Schnuppertraining statt. Eine Woche später kam der Corona-Lockdown.
Das neue Angebot musste vorerst wieder pausieren. Als Sporttrainings wieder möglich waren, ging es mit zwei Gruppen weiter. Das Interesse wuchs schnell. Heute trainieren die vier- bis fünfjährigen Kinder in drei Bonsai-Gruppen jeweils am Samstagmorgen.
Mehr als Schläge und Kicks
Was die Kinder dabei lernen, geht weit über Karate-Techniken hinaus. «Karate, Selbstbehauptung und erste Elemente der Selbstverteidigung verbinden wir gezielt mit Bewegung, Geschichten und Spiel», erklärt Lüscher.

Die Kinder sollen lernen, selbstbewusst aufzutreten, Grenzen wahrzunehmen und sich zu behaupten. Gleichzeitig geht es um Respekt, Rücksicht und Regeln. Und vor allem um eines: Freude. «Gerade in diesem Alter lernen Kinder besonders gut, wenn sie mit Begeisterung dabei sind.»
Die Kinder entwickeln sich
Für viele Kinder ist das Bonsai-Karate der Anfang einer längeren Reise. Mit dem Schuleintritt wechseln die meisten ins Kinder-Karate. Manche machen zunächst einen Umweg über eine andere Sportart – und kehren später wieder zurück.
Lüscher ist seit dem ersten Training dabei. Gemeinsam mit Ismet Duro leitet sie heute die Bonsai-Gruppen. Sie erlebt deshalb hautnah, wie aus zurückhaltenden Kindern selbstbewusste Persönlichkeiten werden.
«Manche kommen anfangs sehr zurückhaltend zum Bonsai-Karate und werden zunehmend selbstbewusster, andere lernen, ihre grosse Energie besser zu steuern und sich in eine Gruppe einzufügen.»
Genau diese Entwicklung macht für sie den besonderen Reiz aus. «Am schönsten ist es für mich, zu beobachten, wie Kinder Fortschritte machen und mit welcher Begeisterung sie Karate lernen. »
Der Tiger wächst mit
Aus den ersten vorsichtigen Bewegungen werden mit der Zeit sichere Kicks, aus anfänglicher Schüchternheit wird Selbstvertrauen. Im Bonsai-Karate geht es aber um mehr als die richtige Haltung oder einen sauberen Kick.
Die Kleinsten lernen von Anfang an die Grundsätze der Kampfkunst kennen: «Karate beginnt und endet mit Respekt» und «Im Karate gibt es keinen ersten Angriff». «Im Karate geht es um weit mehr als das Erlernen von Techniken», sagt Lüscher.

Was in der Turnhalle beginnt, soll die Kinder deshalb auch ausserhalb des Dojos begleiten. «Karate soll zur Entwicklung eines guten Charakters beitragen und zugleich eine effektive Selbstverteidigung vermitteln.»
Dann ist die Stunde vorbei. Nach dem Abschiedsritual kommen die Eltern und nehmen ihre kleinen Kämpferinnen und Kämpfer in Empfang. Der MuTiger bleibt zurück und wartet. Also dann: bis zum nächsten Samstagmorgen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Aarauer Nachrichten» erschienen.








