Naturgefahrenspezialist: «Die Gewalt des Wassers wird unterschätzt»
Mit der Behebung letzter technischer Tücken hat die Hochwasser-Trainingsanlage in Andelfingen den regulären Betrieb aufgenommen. Im Interview mit Keystone-SDA zeigen sich der Leiter des Ausbildungszentrums, Bruno Litschi, und Naturgefahrenspezialist Florian Mocka, überzeugt: Wer die massive Kraft des Wassers live erlebt hat, versteht, dass Theorie allein im Ernstfall nicht ausreicht.

Was ist das Ziel dieser Anlage?
Bruno Litschi: Das Hauptziel ist, Naturgefahren unter realistischen Bedingungen üben zu können. Wir konzentrieren uns dabei vor allem auf die Bereiche Oberflächenabfluss und Hochwasser.
Florian Mocka: Es geht darum, zu verstehen, wie sich ein Sandsack oder ein Palett verhält, wenn wenig oder viel Wasser kommt. Wir untersuchen, wie es ist, wenn hohe Fliessgeschwindigkeit herrscht oder wenn das Wasser steht. Es geht darum zu verstehen: Was sind die Grenzen des Systems? Was kann ich wann und wie einsetzen? Meistens wird die Gewalt des Wassers unterschätzt. Aber wenn die Teilnehmenden die Dynamik live sehen, sind sie überrascht, wie gewaltig diese Kraft tatsächlich ist. Theorie alleine reicht nicht aus, man muss es auf dem Feld gesehen haben.
Im vergangenen Jahr wurde die Anlage auf Herz und Nieren getestet. Lief alles wie gewünscht?
Litschi: Die Anlage funktionierte von Anfang an, ja. Aber wir stellten gewisse Dichtigkeits- und Hydraulikprobleme fest. Beispielsweise floss Wasser aus dem Wasserturm neben den Rohren durch – also am falschen Ort. Wir mussten Ventile anpassen und Schieber versetzen, damit diese der Kraft des Wassers gewachsen sind. Mittlerweile ist die Anlage nahezu so, wie wir sie haben wollten. Die Sicherheit der Übenden war aber jederzeit gewährleistet.Was genau wird in den fünf Übungsräumen trainiert?
Litschi: Wir decken vor allem Vorbeugung und Bewältigung ab. Wir lernen, wie wir verhindern können, dass ein Raum überflutet wird. Und wir üben, adäquat zu reagieren, falls dann doch etwas passiert. Es ist generell sehr wichtig, dass man einen Einsatz üben kann. Was man selber einmal erfahren hat, kann man auch richtig umsetzen. In unseren Räumen können wir typische «Kellerangelegenheiten» üben. Beispielsweise, wenn viel Wasser in der Kanalisation steht und dieses hochdrückt, statt dass es abfliesst.
Mocka: Das Ziel ist es, bei einem Ereignis Massnahmen zu ergreifen – dazu gehört der Schutz der eigenen Leute, aber auch das bauliche Mitdenken für die Zukunft.Welche Bedeutung hat die Trainingsanlage mit Blick auf den Klimawandel?
Litschi: Wir sind sicher rechtzeitig unterwegs. Durch den Klimawandel kommen mehr Ereignisse auf uns zu, das ist nicht von der Hand zu weisen. Wir im Kanton Zürich haben weniger mit Gebirgsgefahren, dafür mehr mit Wasser zu tun.
Wie ist die Anlage ausgelastet?
Litschi: 2026 ist die Anlage unter anderem für Feuerwehr und Zivilschutz des Kantons Zürich reserviert, ab 2027 öffnen wir für Dritte – wenn es dann noch Platz hat. Wir sind noch nicht ganz ausgebucht, aber der Appetit kommt bekanntlich mit dem Essen.










