Judith Schenk (SP): Sieben Geisslein und eine Abstimmung
Judith Schenk, Berner SP-Stadträtin, äussert sich im Gastbeitrag zur angedachten Schliessung des Ziegengeheges im Berner Tierpark Dählhölzli.

Das Wichtigste in Kürze
- Bisher war das Ziegengehege im Berner Tierpark Dählhölzli für Menschen zugänglich.
- SP-Stadträtin Judith Schenk befürwortet die Schliessung des Geheges.
- Für die Tiere bedeute der dauerhafte enge Umgang mit Menschen zusätzlichen Stress.
Bald wird Bern über den «Erhalt des Streichelzoos» abstimmen, denn ausgerechnet die «linkste Stadt der Schweiz» will das Ziegengehege ihres Tierparks schliessen. Aber warum diese Kontroverse?
Es gilt klarzustellen: Der Tierpark hat keinen Streichelzoo, sondern eine ungefähr achtköpfige Ziegenherde in einem für Kinder und Erwachsene zugänglichen Gehege. Zu allen anderen Tieren haben Besuchende keinen Zutritt.

Ziegen sind intelligente Tiere mit individuellen Charakteren und bilden soziale Strukturen innerhalb der Herde. Dadurch unterscheidet sich ihr Verhalten deutlich von Hunden oder Katzen.
Die permanenten Begegnungen mit Klein und Gross stören jedoch diese Strukturen, und die Lage des Tierparks lässt eine Vergrösserung des Geheges nicht zu, um den notwendigen Rückzugsort schaffen zu können.
Zudem können Ziegen bei erhöhter Luftfeuchtigkeit, direkt an der Aare, schon ab 25 Grad Celsius an Hitzestress leiden.
Abschaffung des Ziegengeheges bereits längerfristig angedacht
Die Hauptaufgaben von Zoos sind Artenschutz und -erhalt, Bildung, Forschung und wissenschaftliche Begleitung der artgerechten Tierhaltung.
Es überrascht daher nicht, dass die Tierparkkommission bereits in der Gesamtplanung 2016–2026 unter Bernd Schildger die Abschaffung des Ziegengeheges beschlossen hatte.
Die Weiterführung einer so breit abgestützten Strategie für den Tier- und Naturschutz macht Sinn, ist ökonomisch nachhaltig und vermittelt den Mitarbeitenden Sicherheit.
Mit der neuen Gesamtplanung 2023–2033 hat sich der Tierpark unter dem Leitbild «Mehr Raum für Vielfalt» ambitionierte Ziele gesetzt.
Umfangreiche Renovierungsarbeiten im Berner Tierpark
Momentan wird gerade das Seehund-Becken renoviert: Die Tiere brauchen Unterhaltungselemente und bessere Beschattung.
Das geplante Netto-Null-Ökonomiegebäude wird den CO2-Abdruck des Tierparks verringern und zur Erreichung der Klimastrategie der Stadt Bern beitragen.

Der neue Eingang durch das Aare-Artenschutz-Zentrum wird barrierefrei erreichbar sein. Ein Waldwipfelpfad wird den Wisentsteg erweitern, ein barrierefreier Rundweg mit Aussichtsplattformen und einem schwebenden Klassenzimmer wird entstehen.
Das schweizweit erste Europahaus wird geplant; und sollte nun jemand denken, europäische Arten wären langweilig, der darf sich auf viele spannende Entdeckungen freuen!
Tierwohl steht im Vordergrund
Schöner könnte der Berner Tierpark kaum gelegen sein als im Wald und direkt an der Aare. Mit der heutigen Gesetzgebung wäre es undenkbar, dass an einem solchen Ort ein Zoo geschaffen würde.
Und obwohl – oder gerade weil – das gut so ist, sollten wir diesem Juwel Sorge tragen. Indem wir alle Tiere nach neuesten wissenschaftlichen Standards halten und erhalten.
Die sorgfältige Strategie des Tierparks wurde von Menschen mit jahrelanger praktischer Erfahrung ausgearbeitet, und sie entspricht den neuesten wissenschaftlichen Standards.
Das ist das Minimum, was wir den Tieren schulden – auch den Ziegen. Oder käme es etwa jemandem in den Sinn, die Bären in den alten Bärengraben zurückzuschicken?
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Zur Autorin: Judith Schenk (*1981) ist Berner SP-Stadträtin.