Bern startet Pilotversuch mit Velos für Asylsuchende
Eine links-grüne Motion fordert Zugang zum Velofahren für Menschen in Asylzentren. Der Berner Gemeinderat stellt 30’000 Franken bereit für erste Massnahmen.

Das Wichtigste in Kürze
- Voraussichtlich in der Unterkunft Tiefenau wird die Stadt Bern einen Pilotversuch zur Veloförderung bei Asylsuchenden starten.
- Auslöser ist eine links-grüne Motion, die der Gemeinderat in dieser Form allerdings ablehnt.
- Ein guter Anfang, sagt Motionärin Nora Joos (AL), es brauche aber für alle einen Zugang zum Velofahren.
Menschen in den Asylzentren der Stadt Bern soll der Zugang zum Velofahren ermöglicht werden: Das fordert eine Motion von Links-Grün und rennt – oder fährt – damit beim Gemeinderat offene Türen ein.
«Der Gemeinderat teilt grundsätzlich die Haltung des Vorstosses», heisst es in der Antwort auf die Motion. Die Stadt werde einen Pilotversuch starten, aller Voraussicht nach in der Kollektivunterkunft Tiefenau.
Die Motion lehnt der Gemeinderat nichtsdestotrotz ab. Er will sie aber als Postulat annehmen, also als Auftrag, die Massnahmen zu prüfen.
30'000 Franken aus bestehendem Budget
Wie die Motionärinnen und Motionäre ist auch der Gemeinderat der Meinung: Ein niederschwelliger Zugang zu Velos kann einen Beitrag zur selbstständigen Mobilität, zur sozialen Teilhabe und zur Vermeidung von Isolation leisten.
Zudem passe die Forderung zu den Zielen der Stadt, wie sie im Rahmen verschiedener Programme festgelegt wurden.

Vorbehalte hat der Gemeinderat aber bei einigen Details, unter anderem wegen der anfallenden Kosten. Diese könnten noch nicht abgeschätzt werden, doch werde wohl der Pilotversuch grobgeschätzt auf 30'000 Franken zu stehen kommen.
Dieser Betrag könne über das Budget der Fachstelle Fuss- und Veloverkehr abgerechnet werden.
Velo für alle, weil ÖV zu teuer
Konkret wird in der Motion gefordert, dass ein Veloverleih angeboten wird für alle Altersgruppen: vom Laufrad für Kleinkinder bis zum Erwachsenenvelo, inklusive Velohelme und Schlösser.
Denn, um beim Beispiel Tiefenau zu bleiben: Die Fahrt mit ÖV in die Innenstadt und retour koste über 10 Franken. Oder man müsste rund sieben Kilometer zu Fuss gehen.

Zudem brauche es Kurse, um Velofahren zu lernen, sowie Reparaturmöglichkeiten und die entsprechende Wissensvermittlung.
Dieser Punkt scheint auch dem Gemeinderat besonders relevant: Ein Veloangebot müsse eng mit einer Velowerkstatt verknüpft sein. Dazu brauche es einen Ort, Werkzeug und Ersatzteile.
In der Motion wird für die Asylsuchenden auch ein kostenloser Zugang zu PubliBike gefordert. Das hingegen gehe nicht, schreibt der Gemeinderat, oder zumindest nicht sofort: Der laufende Vertrag mit PubliBike lasse sich nicht ändern. Wenn, dann erst wieder ab 2030, aber dann brauche es einen erneuten Kredit dazu.
Velokompetenter Gemeinderat
Von der ansonsten positiven Antwort des Gemeinderats ist Stadträtin Nora Joos (JA) nicht überrascht. Sie ist einer der Erstunterzeichnenden der Motion und betont gegenüber dem BärnerBär: «Viele Menschen benötigen einfachen Zugang zum Velofahren. Die bestehenden Velofahrkurse, Verleihangebote und Flicktage laufen sehr gut und müssen jetzt möglichst schnell weiter ausgebaut werden.»

Wirklich erstaunlich ist die grosse Velokompetenz im Gemeinderat ja auch nicht. Schliesslich ist Verkehrsdirektor Matthias Aebischer ehemaliger Präsident von Pro Velo Schweiz.
Erstaunlich ist höchstens, dass die Stadt nicht schon längst von sich aus tätig geworden ist. Sondern erst noch auf den Mupf aus dem Parlament wartete.

«Die Stadt hat Aufholbedarf», findet denn auch Nora Joos. «Ein Pilotversuch im Tiefenau ist ein guter Anfang – doch nicht das Ziel.» Es brauche Velo-Angebote für alle 500 Menschen in den vier Kollektivunterkünften in der Zuständigkeit der Stadt Bern.
Nebst Tiefenau auf Stadtgebiet ist die Stadt Bern auch zuständig für die Standorte Sandwürfi (Köniz), Tannental (Muri) und Zollikofen. Für das Bundesasylzentrum Ziegler ist hingegen das Staatssekretariat für Migration (SEM) verantwortlich.








