Atomgegner hindern Zug mit radioaktiven Abfällen an der Durchfahrt

Keystone-SDA
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Bern,

Zehn Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl hat eine deutsche Anti-Atom-Initiative zur Aktion «Ausrangiert» aufgerufen. Am 14. April 1996 wollen sie die Gleise, die zum Verladekran im niedersächsischen Dannenberg führen, demontieren und den mit hochradioaktiven Atomabfällen beladenen Zug an der Weiterfahrt hindern.

Atomenergie-Aus in Deutschland
Atomenergie-Aus in Deutschland - keystone

Auf dem politischen Weg hatte die Anti-Atom-Bewegung den Transport der «Castor»-Behälter, die speziell für die Verfrachtung von verbrauchten Brennstäben aus Atomkraftwerken konstruiert worden waren, nicht stoppen können.

Die Deutschen könnten ihren Atommüll den Franzosen nicht einfach vor die Tür setzen und ihn dann nicht zurücknehmen, hiess es vom niedersächsischen Innenminister. Dazu sei die Bundesrepublik vertraglich verpflichtet, sagte die damalige Umweltministerin Angela Merkel im Februar 1996. Einem Bahntransport stehe also nichts im Weg.

Einen ersten Castor-Transport gab es bereits im Jahr zuvor: 1995 entbrannten entlang der Schienen heftige Proteste, die sich am Bahnhof in Dannenberg in gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei entluden. Ein Einsatz, der das Bundesland Niedersachsen teuer zu stehen kam.

Diese Sicherheitskosten wollte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg mit Aktionen zivilen Ungehorsams im April 1996 noch weiter in die Höhe treiben – bis die Transporte aus Geldgründen schliesslich hätten eingestellt werden müssen.

Am Tag vor der Aktion «Ausrangiert» wurde rund um den Kran ein Demonstrationsverbot erlassen. Mit Mühen versuchte ein Grossaufgebot aus Polizei und Bundesgrenzschutz, dieses Verbot durchzusetzen; erst mit einem massiven Einsatz von Hunden und Wasserwerfern gelang es, die 2000 Aktivistinnen und Aktivsten zu vertreiben.

Lange von den Schienen fernhalten liessen die sich aber nicht: Schon zwei Tage später machten sie sich wieder an den «Castor-Gleisen» zu schaffen: Zu Zweihunderten versammelten sie sich dort zum allabendlichen «Feierabendsägen».

Als die umstrittene Fracht Anfang Mai 1996 dann endlich die deutsch-französische Grenze passierte, standen 15’000 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz im Einsatz. Weder Zeitpunkt noch Reiseroute wurden zuvor bekannt gegeben. Die Kosten: geschätzte 50 Millionen Mark.

Auf den letzten Kilometern bis zum Zwischenlager lieferten sich Demonstranten und Polizei heftige Auseinandersetzungen. Erstere warfen Flaschen und Steine, zündeten Strohballen an und beschossen die Polizisten mit Stahlkugeln und Leuchtmunition. Die Polizei antwortete mit Wasserwerfern und Schlagstöcken. Auf beiden Seiten gab es zahlreiche Verletzte.

2011 rollte der 13. und letzte Castor-Transport mit Atommüll aus La Hague Richtung Gorleben. 19'000 Polizisten und zehntausende Atomkraftgegner begleiteten den Transport. Vor Dannenberg musste die Polizei hunderte Demonstranten von den Schienen holen, einige hatten sich darauf festgekettet. Der Transport dauerte ganze fünf Tage.

Einige Monate zuvor hatte sich in Fukushima eine Nuklearkatastrophe ereignet, die in Deutschland zu einem politischen Umdenken führte. Noch im selben Jahr beschloss die Regierung der damaligen Kanzlerin Merkel den Atomausstieg, 2023 gingen die letzten drei Kernkraftwerke vom Netz.

Kommentare

User #1896 (nicht angemeldet)

Bei denen ist das Sünneli im roten Bereich…

User #4763 (nicht angemeldet)

"Es war einmal ...." So beginnen viele Geschichten. Und nun, wie gehts sie weiter ? Übrigens: Kashiwazaki-Kariwa-6 ist nun auch wieder in Betrieb ...... wie schon einige andere auf der Insel.

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